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John Irving und wie er die Welt sieht

Von Jens Peter Dohmes

Am Anfang steht das Ende - Arte, 23. 10 Uhr

Tief verschneit sind die sanften Hügel von Vermont. Hier in der Einsamkeit Neuenglands lebt John Irving, der mit seinen Romanen Millionen Leser in den Bann gezogen hat.

Um viele große Schriftsteller ranken sich Legenden eines wilden, abenteuerlichen Lebens. Nicht um Irving. Über ihn wird erzählt, ein Journalist habe entnervt den Auftrag an seinen Verlag zurückgegeben, ein Buch über den Starautor zu schreiben. Zu langweilig erschien ihm dessen Biografie, unspektakulär und nicht berichtenswert.

Der Schöpfer solch schillernder Figuren wie ,,Garp" soll ein ganz normaler Typ sein, ein Mensch wie du und ich? Einen ganz anderen Eindruck vermittelt das wunderbar gemachte Filmporträt ,,Am Anfang steht das Ende" von Jens Dücker. Zwar ist Irving, der Ex-Lehrer und ehemals passionierte Ringer, ein Familienmensch durch und durch, der ein ruhiges Leben führt. Dabei ist er aber beseelt von dem Drang, Geschichten zu erzählen. Er hat sich im Kopf sein eigenes Universum geschaffen.

Und um Worte für seine Geschichten musste Irving nie ringen. Freimütig und lebendig erzählt der Schriftsteller: von seinem Arbeitsalltag, seiner Familie und seiner Lebensphilosophie. Dücker führt den Zuschauer überdies zielsicher durch das Werk des Erfolgsautoren. Wir treffen Susie wieder, den verunsicherten Bären aus ,,Das Hotel New Hampshire", und verfolgen, wie Ruth Cole in Irvings jüngstem Bestseller ,,Witwe für ein Jahr" das Trauma ihrer Kindheit verarbeitet.

Wie aus einem Guss sind diese Spielszenen mit dem Interview verknüpft, so dass ein genaues Bild entsteht von der Welt, wie sie John Irving sieht. Egal was die anderen denken: Jeder sollte seinen eigenen Weg gehen, ist das von Toleranz und Menschenfreundlichkeit geprägte Credo des 58-Jährigen. Damit - wie es in ,,Gottes Werk und Teufels Beitrag" heißt - man ,,der Held seines eigenen Lebens" werden kann. Dieses Porträt eines spannenden Menschen ist der beste Beweis: Der verhinderte Irving-Biograf hat die Flinte zu früh ins Korn geworfen.