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Die Schnüffler mit dem Speicherstick

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In alten Krimis schlagen sie sich immer noch mit der Kamera in die Büsche: Das digitale Zeitalter ist längst aber auch über die Detektive hereingebrochen. Als Experten für Computer-Forensik haben sie statt eines Fotoapparats heute den Speicherstick in der Hand und spähen Datenspuren auf Firmen- oder Privatcomputern aus. Marco Pandera, Inhaber der CMP-Detektei in Berlin, setzt schon seit einigen Jahren mit Erfolg auf die boomende Branche. Seine ständig wachsende Hauptkundschaft: betrogene Firmenchefs und ebensolche Ehefrauen.

Mehr als 90 Prozent aller Daten werden heute elektronisch erstellt. Aber auch Aktivitäten am PC hinterlassen Spuren: Die Computer-Forensiker finden die versteckten Daten, rekonstruieren wichtige computertechnische Ereignisse und spüren selbst Daten auf, die aufgrund von Hardware- oder Softwarefehlern als unwiederbringlich verloren galten. Für den Auftraggeber wird dann ein auch für den Laien verständlicher Bericht gemacht. Auf Wunsch werden die gefundenen Daten sogar so erfasst, dass sie vor Gericht bestehen können. „Früher hat man die Leute observiert. Heute müssen Sie an die Datenbanken. Das ist das Hauptbeweismittel“, meint Pandera. Die Verwendung des Materials liege aber letzlich in der Hand des Kunden. „Wir sichern oder dublizieren nur die Daten“, betont der Experte.

Gefragt sind die modernen Schnüffler vor allem in der Wirtschaft. „Die meisten Firmeninhaber gehören doch der Generation 45plus an und sind nicht mit dem Medium Internet aufgewachsen,“ erläutert Pandera. Bei ihnen gebe es enorme Wissenslücken. So hätten heute oft die jungen Angestellten die Computerhoheit in Betrieben. „Sie wickeln die Geschäfte am Computer ab, und die Chefs sind ihnen völlig ausgeliefert“, meint der Detektiv. „Wenn ein Mitarbeiter es geschickt macht, hat er die Firma schnell in der Hand.“

Die Studie „Wirtschaftskriminalität 2009- Zur Sicherheitslage in deutschen Großunternehmen“ der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) und der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg spricht da eine deutliche Sprache: Demnach sind 61 Prozent der deutschen Großunternehmen in den letzten zwei Jahren Opfer von Wirtschaftskriminalität geworden. Und: Die knappe Mehrheit (51 Prozent) der Haupttäter stammt aus den geschädigten Unternehmen selbst. Der „typische“ Täter ist männlich (90 Prozent der Fälle) und seit mehr als zehn Jahren in der Firma beschäftigt (45 Prozent). Gut zwei Drittel der Straftaten werden von Führungskräften begangen, knapp 30 Prozent der Delikte von Angestellten im Top-Management.

Die meisten Wirtschaftsstraftaten der vergangenen zwei Jahre waren Vermögensdelikte wie beispielsweise Betrug oder Unterschlagung (41 Prozent aller Fälle), gefolgt von Wettbewerbsdelikten (39 Prozent) und Korruption (13 Prozent). In den 10er-Jahren erwarten die Unternehmen angesichts der Wirtschaftskrise einen weiteren Anstieg der Kriminalität. Knapp jedes dritte Unternehmen prognostiziert mehr Straftaten aufgrund von Arbeitsplatzsorgen der Beschäftigten.

Auf Pandera und seine Kollegen kommt also eine Menge Arbeit zu. Vorausgesetzt, die Chefs merken überhaupt, was da hinter ihrem Rücken passiert. Denn daran hatPandera Zweifel: „Viele Firmeninhaber haben doch nicht einmal eine Vorstellung davon, was eigentlich alles möglich ist,“ plaudert der Experte aus dem Nähkästchen. „Wer als Unternehmer überleben will, der muss zwar nicht den Computer mit verbundenen Augen bedienen können, aber er sollte zumindest die Gefahren kennen“, meint Pandera.

Weil das oft nicht so ist, fliegen die Betrüger häufig nur durch banale Zufälle auf. „Da kommen merkwürdige Anrufe. Geschäftspartner wollen irgendwelche Prokuristen sprechen, die es gar nicht gibt“, berichtet Pandera. Dann ist die Stunde der Computer-Forensiker gekommen. Auf Panderas Schreibtisch landen im Jahr zwischen 20 bis 30 Fälle „von erheblicher Größenordnung“– mit steigender Tendenz. Bei dem größten Fisch, den er bisher an der Angel hatte, betrug die Schadenshöhe zwischen 12 und 14 Millionen Euro. „Das waren sehr wohlhabende Brüder, die verschiedene Unternehmen in Deutschland betreiben. Der eine hat dem anderen Geschäfte vorenthalten und Familienvermögen veruntreut“, so der IT-Experte.

Obwohl aber die Zahl solcher Delikte steigt und die Bedrohung größer wird, mussten sich die Täter in den vergangenen Jahren seltener vor Gericht verantworten als zuvor. Stellten die Unternehmen zwischen 2005 und 2007 noch gegen 61 Prozent der Überführten eine Strafanzeige, sank die Quote zwischen 2007 und 2009 auf 50 Prozent. Dabei werden Täter aus dem Top-Management deutlich seltener angezeigt (33 Prozent) als mittlere Führungskräfte (49 Prozent) oder Beschäftigte ohne Führungsaufgaben (54 Prozent). Für 20 Prozent der überführten Top-Manager hatte ihre Tat sogar überhaupt keine Konsequenzen.

„Wenn in den Wirtschaftsverfahren die Großen immer mit Bewährung ohne Gefängnis davonkommen, dann hat das wirklich keine abschreckende Wirkung“, meint dazu Pandera. „Der Gesetzgeber überblickt das alles offenbar nicht. Die Polizei, LKAs und BKAs haben kaum Fachleute und Fachabteilungen zur Computer-Forensik.“

Auch viele Richter hätten Wissenslücken. „Fragen Sie mal einen Richter, in wie vielen Chatrooms er schon unterwegs waroder ob er weiß, wo und wie man am PC Beweismittel sichern oder finden kann.“ Die Unkenntnis vieler Verantwortlicher wirke sich nach Meinung Panderas „nicht sehr positiv auf aktuelle Urteilsfindungen aus“.

Auch Privatleute gehören natürlich zu seinem Kundenkreis: Allen voran besorgte Eltern. „Wir haben Chatprotokolle von Computern in Kinderzimmern geholt, da sind die Eltern aus allen Wolken gefallen“, meint der Experte. Und nicht immer geht es so glimpflich aus wie bei einer 13-Jährigen, die spurlos von zu Hause verschwunden war. Die Eltern, die sich in höchster Not an die Computer-Forensiker wandten, wussten, dass die Tochter oft auf der Internet-Seite von „Gute Zeiten – Schlechte Zeiten“ war. und sich mit anderen Fans austauschte. Für die Detektive war die Spurensuche dann eine leichte Übung. „Ein Chatpartner hatte ihr vorgegaukelt, er kenne die Schauspieler und könne in Berlin ein Treffen arrangieren“, erzählt Pandera. Die Eltern konnten ihre Tochter, die sich bereits auf dem Weg zu ihrem gefährlichen Date befand, noch rechtzeitig warnen. In anderen Fällen werden die Daten gleich an die Behörden übergeben und die ermitteln dann weiter.

Auch internetsüchtige Ehemänner machen Kummer: „Oft rufen Ehefrauen an und sagen, ihr Mann sitze nachts unbekleidet vor seinem PC, und sie fragen sich, was der da so macht“, plaudert Pandera aus dem Nähkästchen. Das bedarf dann aber keiner großen Recherche.

Doch was ist, wenn die Detektive an den Computer des treulosen Gatten müssen? „Dann brauchen wir von unserer/m Auftraggeber/-in eine schriftliche Bestätigung, dass es sich um sein/ihr Gerät handelt“, erläutert Pandera die rechtlichen Voraussetzungen. „Manchmal kommen wir in Datenschutzzonen, wo natürlich der Auftraggeber die Verantwortung übernehmen muss“, fügt er hinzu.

Und wenn das Passwort des Ehemannes geknackt werden muss? „Sagen wir doch – wir umgehen das. Wir verschaffen zumindest der Ehefrau einen Zugang, sodass sie sich informieren kann. Oft wird auch einfach nur eine Datenduplikation erstellt“, meint der Experte.

Detektive sind für Diskretion bekannt. In einem Fall hat sie allerdings Grenzen: „Wenn bei unserer Suche kinderpornografisches Material zutage kommt, händigen wir es immer umgehend und ohne Kundenrücksprache an die Behörden aus.“ Da kennt auch Pandera kein Pardon.


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