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Brüssel dringt auf mehr Schutz für überfischte Bestände in der Nordsee Der Fang muss kleiner werden

Von Detlef Drewes

Die deutsche Fischereiflotte gehört zu den zehn kleinsten in Europa. Foto: dpaDie deutsche Fischereiflotte gehört zu den zehn kleinsten in Europa. Foto: dpa

Brüssel. Während die Aktivisten der Umweltschutzorganisation Greenpeace vor dem Brüsseler Ratsgebäude einen alten Fischtrawler zerlegten, sezierten drinnen die Minister der 27 Mitgliedstaaten die bisherige Politik der jährlich steigenden Fischfangquoten. Denn längst geht es um mehr als die Frage, wie viel Kabeljau und Hering im kommenden Jahr aus Nordsee und Nordatlantik geholt werden dürfen: Die Meerespolitik steht generell auf dem Prüfstand.

„Ich will von den jährlichen Verhandlungen wegkommen“, hatte EU-Kommissarin Maria Damanaki als Parole ausgegeben. Stattdessen soll es jährliche Bewirtschaftungspläne geben, die sich auf die Angaben des Internationalen Rates zur Erkundung der See (ICES) in Dänemark stützen. Dessen Erhebungen ergaben für 2011: Es dürfen nur noch knapp 49000 Tonnen Seelachs (minus 13 Prozent) und höchstens 23000 Tonnen Kabeljau (minus 20 Prozent) aus dem Wasser geholt werden. Dagegen hat sich der Hering erholt: Hier wollen die Experten den Fischern sogar 21 Prozent, bei der Scholle 15 Prozent mehr erlauben. Die Festlegungen folgen der Vereinbarung, die die Teilnehmer einer UNO-Konferenz 1992 in Rio de Janeiro abgegeben haben. Demnach sollen alle Fischerei-Nationen dafür sorgen, dass sich alle Bestände bis 2015 erholen. Für Europa und seine Fischerei-Beschäftigten (in Deutschland rund 45000 mit sechs Milliarden Euro Jahresumsatz) hat das schwerwiegende Konsequenzen. So müsste in einigen Teilen der Nordsee der Kabeljau-Fang um die Hälfte gekürzt werden. Wie dramatisch die Lage in den Meeren wirklich ist, zeigen die Empfehlungen der EU-Kommission für 2011: Demnach soll die Quote für 64 Arten im kommenden Jahr sinken, für 32 höchstens gleich bleiben. Nur sechs Fisch-Bestände dürfen vermehrt aus dem Wasser geholt werden. Insgesamt gelten 90 Prozent der Bestände als überfischt.

Doch was am grünen Tisch in Brüssel beschlossen wird, spiegelt die Realität auf hoher See nur begrenzt wider. Die Kontrollen sind voller Lücken. Ein Problem sei der sogenannte Beifang, erläuterten Experten am Rande des Ministertreffens. Neben den erlaubten Fängen holen die Trawler immer wieder auch andere Fische, Vögel und sogar Wale an Bord. Die meisten werden aussortiert und tot oder schwer verletzt wieder ins Meer geworfen. Nun will Deutschland mit automatischen Videokameras alles überwachen, was in den Netzen landet. Den Fischern sollen für ihre Bereitschaft, sich kontrollieren zu lassen, zusätzliche Freimengen zugestanden werden. „Wir müssen wissen, was da draußen passiert“, sagte eine Sprecherin des Umweltschutzverbandes WWF in Brüssel.

Doch die bundesdeutsche Flotte mit gerade 1760 Kuttern und sechs Fang- und Verarbeitungsschiffen (EU-weit 85000 Schiffe) spielt in der Liga der großen Fischerei-Nationen nur eine Nebenrolle. In Brüssel wird inzwischen ernsthaft darüber nachgedacht, eine Art „Verkehrssünderkartei“ für die Meere einzuführen. Wer gegen die EU-Vorgaben verstößt und dabei erwischt wird, bekäme dann zwischen zwei und sieben Strafpunkte. Wer 18 Punkte auf dem Konto hat, muss seine Fanglizenz für mindestens zwei Monate abgeben.