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„Bei minus 46 Grad in der Wand“

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Dass er gerade zwei Monate unter größten Strapazen im ewigen Eis der Antarktis verbracht hat, ist Alexander Huber nicht anzusehen. Der Extrem-Bergsteiger aus Berchtesgaden, weltweit bekannt geworden durch den dokumentarischen Kinofilm „Am Limit“, baut gerade die letzten Requisiten für einen Multimedia-Vortrag in Bielefeld auf. Zwischendurch hat der 40-Jährige Zeit für ein Interview mit unserer Zeitung, bei dem Huber erstmals von der kürzlichen Antarktis-Expedition, von einem fast tödlichen Unfall und der Begeisterung für die Berge erzählt.

Seit ihrem Film „Am Limit“ sind Sie und Ihr Bruder Thomas Stars. Müssen Sie beim Bäcker Autogramme geben?
(lacht) Nein, die Leute bei uns in Berchtesgaden kannten uns ja schon lange vor dem Film. Da wird eher gefragt: „Bist du wieder zurück?“ Oder „Wo geht’s demnächst hin?“ Der Film hat aber zu einer Popularität in Deutschland und darüber hinaus beigetragen.

Schlägt sich das in Fanpost und Mails nieder?
Hauptsächlich erhalten wir E-Mails über unsere Homepage huberbuam.de.

Auch von Kindern?
Ja. Kinder sind unsere größten Fans. Klettern ist heute eine Sportart, die nicht nur von Erwachsenen ausgeübt wird, sondern viele bereits im Kindesalter fasziniert. In vielen Schulen und Freizeitzentren gibt es Kletterwände.

Eine positive Entwicklung?
Auf jeden Fall positiv. Gerade angesichts der heutigen Medienlandschaft mit den vielen Eindrücken, die die Gesellschaft hinterlässt, tendiert der Mensch dahin, nur noch zu konsumieren, immer fauler zu werden und sich weniger zu bewegen. Klettern ist ein guter Weg, sich mit seinem Körper zu beschäftigen. Wenn man an der Wand hängt und sich festhält, merkt man, dass es Sinn macht, Geist und Körper gesund zu halten.

Verleiten Kletterwände zum Übermut in den Bergen?
Nein. Natürlich gibt es ganz große Unterschiede. Nur weil man mal einen 100-Meter-Lauf in der Schule gemacht hat, kann man noch längst nicht Marathon laufen.

Der Bergfilm „Nordwand“ lockte gerade viele in die Kinos. Was halten Sie davon?
Der Film ist gut aufbereitet und produziert worden, auch von den Kletteraufnahmen ordentlich. Es gibt allerdings zwei Dinge, die mich stören. Jeder Bergsteiger weiß, dass damals keine Frau involviert war. Die hinzuerfundene Liebesgeschichte hat der Film nicht gebraucht. Ich hätte als Regisseur mehr der Dramatik der Geschichte selbst vertraut. Außerdem weiß jeder, dass Toni Kurz ein waschechter Berchtesgadener war, doch der Dialekt fehlt im Film. Ich sehe zwar ein, dass man sich für einen gewissen Schauspieler entschieden hat, aber es hätte genügend bayerische Darsteller gegeben, die diese Rolle authentischer gespielt hätten als Benno Fürmann.

Sie zum Beispiel?
(lacht) Nein, ich bin kein Schauspieler, und ich würde es mir auch nicht anmaßen.

Hat „Am Limit“ Sie nicht infiziert?
Nein. Für uns war klar, wir machen einen Dokumentarfilm. So etwas können wir leisten und darstellen. Aber ich bin kein Schauspieler.

Was ist das Faszinierende an Bergen und am Klettern?
Mein Schlüsselerlebnis hatte ich mit elf Jahren, als ich zusammen mit meinem Vater und meinem Bruder auf dem Gipfel meines ersten Viertausenders stand. Zurück in der Schule, hatte ich das Gefühl, ein wahnsinniges Abenteuer fernab der Zivilisation erlebt zu haben. Ich schwebte wie auf Wolke sieben. Dieses Draußensein inmitten der Urgewalten der Natur bewegt mich noch heute, wenn wir uns in Regionen wie jetzt gerade in der Antarktis bewegen.

Wie kommt man auf die Idee, in der Antarktis zu kraxeln?
Man kennt die Antarktis eigentlich nur als riesige Eiswüste ohne Konturen. Doch es gibt tatsächlich Gebirge, die durch das 3000 Meter dicke Eis wie riesige Raketen, schroffe Türme und skurrile Gebilde hervorschießen. Die Formationen sind einzigartig, und das macht sie für Bergsteiger zu etwas Besonderem. Hinzu kommen die extremen klimatischen Bedingungen, also aus sportlicher Sicht große Herausforderungen.

Was war schwieriger zu bewältigen – das unbekannte Terrain oder die Eiseskälte?
In unbekanntem Terrain sind wir meistens unterwegs. Spannender und neuer war für uns der Umgang mit dieser Wahnsinnskälte. Von den Achttausendern im Himalaja kannten wir extreme Temperaturen. Aber minus 46 Grad bei stetigem Wind ist gnadenlos.

Wie hält man das aus?
(lacht) Mit der richtigen Kleidung, wir sahen aus wie Michelin-Männchen.

Kann man so denn noch bergsteigen?
Kommt darauf an. Wenn man richtige Aktionen liefert, produziert der Körper selbst viel Wärme. Dann nimmt man die dicke Daunenkleidung runter und ist immer noch gut isoliert. Aber sobald man steht oder länger pausiert, muss sofort die Daune her. Wir hatten davon geträumt, so richtig knallhartes Freiklettern im neunten oder zehnten Grad zu schaffen. Aber wir mussten feststellen, dass es ohne Handschuhe keinen Zweck hatte.

Gab es Erfrierungen?
Beinahe. Ich habe versucht, eine Seillänge mit normalen Kletterschuhen zu klettern. Am Ende hatte ich regelrecht Eisklötze an den Füßen und war danach ordentlich beschäftigt, die Zehen warm zu bekommen. Ein gewisses Gefühl der Taubheit ganz vorne an den Zehenspitzen stellte sich bereits ein, eine Vorstufe von Erfrierung. Später ist das Gefühl zurückgekehrt. Nichts Dramatisches für uns, aber ein ganz klares Zeichen dafür, dass es nicht so funktioniert, wie wir uns das erträumt hatten. Andererseits konnten wir sagen: Gut, der obere siebte Grad, den wir erklettert haben, war unter diesen Bedingungen schon extrem.

Was haben Sie in der Antarktis vollbracht?
Die Erstbesteigung der Westwand des Holtanna. Wie mit dem Lineal gezogen, ragt diese Wand völlig senkrecht 850 Meter in die Höhe. Das schaut genial aus. Nach einer Woche mit drei Nächten im hängenden Zelt war die vertikale Wand durchstiegen. Danach haben wir uns den Nordwestgrat des Granitfelsens vorgenommen. Schließlich haben wir noch die Erstbesteigung des schwierigsten Berges der Antarktis, des Ulvetanna, trotz Nebels und Schneetreibens geschafft. Das war insgesamt ein wunderschöner Erfolg für uns.

Wenn dort etwas passiert wäre, wie wäre das abgelaufen?
Zwei Tage nachdem wir die Antarktis herausgeflogen sind, gab es einen Evakuierungsflug für einen deutschen Forscher auf der Neumeyer-Station, der einen Herzinfarkt erlitten hatte. Es gibt eine Iljuschin, die von Kapstadt aus zur russischen Forschungsstation Novo fliegt. Das funktioniert hervorragend. Eine Rettung ist allerdings so teuer, dass es schon angebracht ist, sich keine Verletzungen zuzuziehen. Rettung am Berg gibt es gar nicht, kein einziges Berg-Rettungsteam in der gesamten Antarktis. Wenn am Berg etwas passiert, kannst du dir nur selbst helfen.

Wie oft waren Sie schon in Todesgefahr?
Es gab einmal eine Situation für mich, wo die Dinge außer Kontrolle gerieten. Bei den Dreharbeiten zu „Am Limit“ habe ich einem Kameramann am Berg geholfen, aus einer misslichen Situation herauszukommen. Das hätte man sicher auch anders lösen können, aber ich war gerade zur Stelle und reichte ihm die Hand. Ich stützte mich derweil mit der anderen Hand ab. In diesem Moment brach das Gestein weg, und schon war ich auf dem Weg nach unten. Das war Gott sei Dank keine senkrechte Wand, aber immerhin 70 Grad steil.

Sie waren doch angeseilt?
In diesem Moment nicht, weil es nicht beim eigentlichen Klettern passiert war. Ich sprang 15 Meter in die Tiefe.

Wie bitte? Was ging Ihnen durch den Kopf?
Gar nichts. Nur der Gedanke: Ich springe hier jetzt kontrolliert herunter.

Was heißt das?
Ich rechnete mir aus, in einem Winkel von 45 Grad aufzukommen, und versuchte, Flug und Körperposition konstant zu halten. Beim Landen musste ich mich sofort abrollen und zum Stoppen kommen.

Da war Ihr Schutzengel aber hellwach ...
Mit Sicherheit. Aber ich selbst auch. Normalerweise überleben Ungeübte so einen Sprung nicht. Wenn man ihn aber richtig kontrolliert, hat man Überlebenschancen. Man braucht natürlich auch Glück.

Haben Sie sich größere Verletzungen zugezogen?
Ja. Fissuren im Mittelfußbereich und Bänderrisse. Aber mir geht es wieder bestens.

Wenn einer von Ihnen verunglückt, würde der andere dann aufhören?
Nein. Der andere würde trotzdem weitermachen. Das ist einfach unsere Leidenschaft, und wir versuchen ständig, alles unter Kontrolle zu haben. Das ist weitestgehend möglich, aber eine hundertprozentige Sicherheit gibt es beim Bergsteigen nicht. Wir sind aber keine Hasardeure, wichtig ist nicht nur Selbstvertrauen, sondern auch ein gesundes Selbsteinschätzungsvermögen. Man muss wissen, wann es zu viel ist.

Wie gehen Sie mit Angst um?
Angst lässt sich nur durch Selbstvertrauen kontrollieren, und Selbstvertrauen gewinnt man über das technische Können und Erfahrungswerte. Angst ist ein Schutz, das wichtige Regulativ, um vorsichtig zu sein. Im Straßenverkehr kann auch derjenige sein Leben verlieren, der die Straße sorglos wie ein kleines Kind überquert. Der Erwachsene wird aber nicht einmal nervös, er schaut nur nach links und nach rechts. Die Angst, sein Leben zu verlieren, macht ihn konzentriert.

Wie trainieren Sie, halten Sie spezielle Diäten ein?
Bergsteigen ist eine Leistungssportart, entsprechend wird Kraft und Ausdauer trainiert. Auf Diät setzen wir uns aber nicht und ernähren uns völlig normal. Was Marathonläufer oder Radfahrer an fast unmenschlichen Energieumsätzen haben, setzen wir höchstens am Himalaja um. Aber genau dort ist das größte Problem, in der Höhe den Appetit zu verlieren. Man muss sich nur zwingen, genügend zu trinken.

Zu Hause darf es dann gern mal ein Weizenbier sein?
Das gehört doch dazu. Bier in Maßen ist nichts Schlechtes. Stell dir vor, du lebst 25 Jahre als Asket, das ist auch ein Abusus. Der Geist ist nicht dazu gemacht, sich ein Leben lang zu kasteien. Man soll sein Leben leben, und dazu gehört ein ganz normales Ess- und Trinkverhalten.

Gibt es bestimmte Rituale, Gebete oder Talismane für eine Bergbesteigung?
Ein gewisses Insichkehren und Nachdenklichsein gehört dazu. Aber das stellt sich oft schon auf dem Weg zur Wand ein, durch das monotone Knirschen im Schnee oder die Stille in der Natur. Man hört nur sich und die anderen atmen. Diese Atmosphäre aufzunehmen und nicht zu zerstören ist ein gewisses Ritual. Philosophisch betrachtet, ist es ein Vereinigen mit dem Berg, das Einswerden mit der Sache.

Fühlen Sie sich Gott näher?
Ja. Dieses Gefühl stellt sich nicht wegen der Höhe ein, sondern aufgrund der Erfüllung, die man erfährt. Erfüllung ist genau das, was der Mensch sucht, auch im Glauben. Es gibt nicht zu Unrecht das Sprichwort: Es gibt viele Wege zu Gott, einer davon führt über den Berg.

Was machen Sie, um nach Bergtouren zu entspannen – eine Reise in die Südsee?
Ich bin genau Heiligabend aus der Antarktis nach Hause gekommen. Da brauche ich als Ausgleich keine Palmen. Man kehrt zur Familie zurück. Zu Hause und in der Heimat neue Energie zu tanken ist unser Lebenselixier. Im Berchtesgadener Land sind wir verwurzelt. So, wie der Baum seine Energien aus den Wurzeln bezieht, ist es auch beim Menschen.

Das hört sich alles sehr harmonisch an. Gibt es keine Konkurrenz unter Brüdern?
(lacht) Konkurrenz war für uns immer eine positive Triebfeder. Das hat aber nichts mit Neid zu tun. Wenn der Bruder etwas erreicht hat, dann ist das ein irrsinniger Ansporn, es ihm gleichzutun. Letztendlich geht es aber immer um das persönliche Leben und darum, was du selbst aus dir herausholst. Ehrgeiz ist auf natürliche Weise in die Familie eingebaut worden und hat uns sicher geholfen, so weit zu kommen.

Sie sind 40, Ihr Bruder Thomas 42. Fragt man sich da nicht, wie es weitergeht?
Bei Thomas ist es einfach beantwortet. Er hat eine Familie mit drei Kindern. Wir wissen natürlich, dass wir nicht noch 10 oder 15 Jahre vorn dabei sein werden. Es gelingt uns nach wie vor, und wir werden es sicher auch noch weiter versuchen. Aber auch uns sind natürliche Grenzen gesetzt. Das Programm, das mein Bruder mit drei Kindern bereits erfüllt hat, steht bei mir irgendwann auch auf dem Plan. (lacht)

Was war Ihr höchster Berg?
Der Cho Oyu, der sechsthöchste Berg mit 8201 Metern zwischen Nepal und Tibet.

Und in wie vielen Tagen waren Sie dort oben?
Typischerweise geht man in drei Tagen rauf. Es gibt mittlerweile schon 8000er-Rennen. Das ist eine Speed-Disziplin, die sich in den letzten Jahren entwickelt hat. Der Rekord liegt bei 26 Stunden vom Basislager aus. Ähnlich ist die Entwicklung des Speed-Kletterns im Yosemite-Nationalpark. Unser Rekord am El Capitan von zwei Stunden und 45 Minuten wurde schon wieder übertroffen. Heute werden Dinge geleistet, von denen man vor 20 oder 25 Jahren, und auch Reinhold Messner nicht geträumt hat.

War Messner für Sie ein Idol?
Ganz klar. Er hat auch ein gewisses Zeitalter des Alpinismus geprägt. Seine Leistungen stehen für sich, auch seine Visionen und seine Kreativität, die er an den Tag gelegt hat. Er war vielleicht physisch nicht der stärkste Bergsteiger seiner Zeit, aber er hatte die Ideen, er hatte den Geist und den Glauben. Das hat ihn ausgezeichnet.

Stellen Sie sich vor, Sie könnten bei einer Mondexpedition einen Berg besteigen ...
(lacht) Das wäre für mich absolut nicht interessant.

Warum?
Weil es mit Bergsteigen nichts zu tun hat. Außerdem ist es ein unmoralisches Angebot, weil es ein Schmarren ist. Der Mensch muss nicht überall hinkommen. Ich würde zwar auch gern auf dem Mond stehen. Wenn es aber keinen wissenschaftlichen Grund gibt, diesen Platz zu besuchen, dann soll der Mensch fernbleiben.


Alexander Huber
Alexander Huber wird am 30. Dezember 1968 in Trostberg geboren, sein Bruder Thomas zwei Jahre zuvor. Mit elf bzw. 13 Jahren stehen die Brüder mit ihrem Vater erstmals auf dem Gipfel eines Viertausenders im Wallis. Nach der Schule absolviert Alexander Huber 1992 eine Ausbildung als Berg- und Skiführer, fünf Jahre später ist er diplomierter Physiker. Die Brüder machen sich in der Alpinisten-Szene einen Namen als „Huber-Buam“. Bereits 1992 klettert Alexander im elften (höchsten) Schwierigkeitsgrad. Der internationale Durchbruch gelingt den beiden, als sie den senkrechten Felsen El Capitan im Yosemite-Nationalpark freikletternd bezwingen. Es folgen weltweit spektakuläre Klettertouren. 2007 entsteht der Dokumentarfilm „Am Limit“ von Pepe Danquart. 2008 werden die Brüder als „Botschafter des bayerischen Sports“ geehrt.


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