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Die Welt trägt Johannes Paul II. zu Grabe

Johannes Paul wurde mit einem Schleier aus weißer Seide über dem
Gesicht beerdigt.Johannes Paul wurde mit einem Schleier aus weißer Seide über dem Gesicht beerdigt.

Die Welt hat den Papst zu Grabe getragen: In einer aufwühlenden Zeremonie haben Politiker, gekrönte Häupter und Kirchenführer Johannes Paul II. am Freitag das Letzte Geleit gegeben. Immer wieder spendeten eine Million Gläubige rund um den Vatikan Beifall, schwenkten Fahnen und riefen «Santo, Santo» (heilig, heilig). Zu einem Ausbruch der Gefühle kam es, als der einfache Holzsarg zum letzten Mal der Menschenmenge zugewandt wurde. «Jetzt steht Johannes Paul am Fenster des Hauses des Vaters und sieht und segnet uns», sagte der deutsche Kardinal Josef Ratzinger in einer emotionalen Predigt.

Über alle nationalen und politischen Grenzen hinweg versammelten sich 200 Staats- und Regierungschefs zu der prunkvollen Zeremonie, darunter US-Präsident George W. Bush, UN-Generalsekretär Kofi Annan, Bundespräsident Horst Köhler und Kanzler Gerhard Schröder. Viele der 300 000 Menschen direkt auf dem Petersplatz knieten nieder und weinten. Auch dem früheren US-Präsidenten Bill Clinton und dem spanischen König Juan Carlos traten Tränen in die Augen. Zahlreiche Menschen aus der polnischen Heimat des Papstes waren tief bewegt. Milliarden in der ganzen Welt sahen die Totenmesse im Fernsehen. Der Sarg stand während der Feier auf dem Petersplatz, darauf lag ein Evangelium, dessen Seiten der Wind bewegte.

Nach Schätzungen verfolgten allein in Rom etwa drei Millionen Pilger das Requiem, die meisten vor Video-Leinwänden auf den Plätzen der Ewigen Stadt. Auch in vielen anderen italienischen Städten herrschte große Anteilnahme, weltweit kamen Millionen Gläubige zu Gedenkfeiern zusammen, besonders in Polen sowie in Mexiko-Stadt und Manila. Auch in deutschen Städten versammelten sich tausende Gläubige.

Es war das größte Papstbegräbnis in der 2000-jährigen Kirchengeschichte. Während der rund 20-minütigen Predigt Ratzingers brandete über ein Dutzend mal Beifall auf - etwa als er daran erinnerte, wie sich der leidende Papst noch Ostersonntag, wenige Tage vor seinem Tod, den Gläubigen zeigte und unter letzter Aufbietung aller Kräfte den Segen spenden wollte. «Der Heilige Vater ... ist bis zum äußersten Priester gewesen, denn er hat sein Leben Gott geopfert für seine Schafe und die ganze Menschheitsfamilie», rief Ratzinger. Auch die besondere Zuneigung des Pontifex zur Jugend hob der Kardinal hervor.

Immer wieder unterbrachen die Menschen die Predigt mit Rufen wie «Santo subito» (heilig sofort), womit sie ihren Wunsch nach einer baldigen Heiligsprechung «ihres Papstes» bekräftigten. Sofort nach der Trauerfeier schulterten zwölf Träger den Sarg, der in einer Prozession durch den Petersdom in die vatikanischen Grotten gebracht wurde. Nur wenige Geistliche waren dabei, als der Sarg um 14.20 Uhr unweit des Petrus-Grabes in die Erde gelassen wurde. Über den Sarg wurde auch Erde aus der polnischen Heimat gegeben. Auf einer schlichten Marmorplatte steht: «Joannes Paulus II 1920-2005». Bei dieser letzten Zeremonie waren keine Kameras zugelassen.

Johannes Paul wurde mit einem Schleier aus weißer Seide über dem Gesicht beerdigt. In seinem Sarg befinden sich ein Säckchen mit Bronze- und Silbermünzen aus der Zeit seines Pontifikats und eine Rolle mit seinen Lebensdaten in lateinischer Sprache. Zum Zeichen der Demut wolle er im Sarg beerdigt und nicht in einem Marmorsarkophag bestattet werden - so lautete der Letzte Wille des Papstes.

Auch die Patriarchen der östlichen Kirchen beteten auf dem Petersplatz für den Papst. Sie stellten sich im Halbrund um den Sarg und stimmten orientalische Kirchengesänge an. An dem dreistündigen Requiem nahmen zudem Prinz Charles, der britische Premier Tony Blair und Frankreichs Staatspräsident Jacques Chirac teil. Auffallend war die Präsenz zahlreicher Staatsoberhäupter aus der islamischen Welt, etwa Mohammed Chatami (Iran), Bashar Assad (Syrien) und König Abdullah II. (Jordanien). Aus Israel waren Außenminister Silvan Schalom und religiöse Würdenträger gekommen.

Auf dem Petersdom waren Scharfschützen postiert, 15 000 Sicherheitskräfte waren im Einsatz. Der Luftraum war gesperrt, Flugabwehrraketen waren in Stellung gebracht. Auch auf dem Petersplatz herrschte «Sicherheitsstufe eins»: Selbst Bischöfe mussten Durchsuchungen wie auf dem Flughafen über sich ergehen lassen. Fast die gesamte römische Innenstadt war für den Verkehr gesperrt, Schulen, Ämter und Museen blieben geschlossen.

In Deutschland wehten viele Flaggen auf Halbmast. Bundespräsident Köhler würdigte den Toten: «Das ist ein ganz großer Papst», sagte er dem Nachrichtensender N24. Die Welt trauere über Konfessionen und Kulturen hinweg, «und ich bin sehr froh, dass ich teilnehmen kann». Auch Bundestagspräsident Wolfgang Thierse, der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) und die CDU- Vorsitzende Angela Merkel waren in Rom.

Am Nachmittag kam es zu einem Zwischenfall im römischen Luftraum: Italienische Kampfjets fingen ein verdächtiges Kleinflugzeug ab und eskortierten es zu einem Flughafen. Später stellte sich heraus, dass es sich um einen Jet der mazedonischen Delegation handelte.

Das Grab von Johannes Paul kann erst in einigen Tagen besucht werden: Entgegen einer ersten Vatikan-Ankündigung soll es noch nicht am kommenden Montag zugänglich gemacht werden. Der Zivilschutz intervenierte, weil er einen ähnlich starken Besucheransturm wie zur Aufbahrung befürchtete. Das Konklave zur Wahl des neuen Papstes beginnt am 18. April.


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