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Islam-Hetze geht in Hupkonzert unter Nach Ausschreitungen in Bonn: Pro NRW setzt umstrittene „Wahlkampftour“ in Münster und Bielefeld fort

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Wie hier in Münster demonstrierten Pro-NRW-Anhänger auch in Bielefeld und Hagen. Foto: Dirk FisserWie hier in Münster demonstrierten Pro-NRW-Anhänger auch in Bielefeld und Hagen. Foto: Dirk Fisser

Münster. Mit ein wenig Verspätung war es gestern so weit: Ein klappriger Opel-Combi und ein Mietbulli hielten vor der Moschee im Münsteraner Stadtteil Hiltrup. Heraus kamen ein älterer Herr mit Hut, Damen mit Sonnenbrillen – und ein Parteichef im schwarzen Anzug. Seit Tagen sorgt das Erscheinen dieser Herrschaften in Nordrhein-Westfalen für Tumulte, teils gewalttätige Ausschreitungen. Es handelt sich um die Wahlkampftour der rechtsextremen Vereinigung Pro NRW.

Gestern standen Bielefeld, Hagen und eben Münster auf dem Tourprogramm der Truppe um Lars Seidensticker, Landesvorsitzender Berlin. Der Kopf der rechtsextremen Bewegung, der den NRW-Ableger im Wahlkampf als Hauptredner unterstützt, rief zur Begrüßung: „Wir sind die Verteidiger des christlichen Abendlandes.“ Angemeldet hatten diese selbst ernannten Retter für 14 Uhr eine Wahlkampfveranstaltung vor einer Moschee in einem Gewerbegebiet.

Rund eine Stunde vor den Rechtsextremen hatten 100 Gegendemonstranten Position bezogen und sprachen sich für Toleranz aus. Ebenso vor Ort: eine Hundertschaft der Polizei sowie berittene Beamte. Die Sicherheitsvorkehrungen waren noch einmal deutlich verstärkt worden, nachdem es am Wochenende zu gewalttätigen Ausschreitungen in Bonn gekommen war.

Hier hatten Pro-NRW-Anhänger Karikaturen des Propheten Mohammed gezeigt. Eine bewusste Provokation gegen Muslime. Einige aus den Reihen der Salafisten verloren die Beherrschung und gingen auf die Polizei los – zwei Beamte wurden durch Messerstiche schwer verletzt. Ein 25-Jähriger sitzt wegen Mordversuchs in U-Haft. NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) hatte daraufhin das Zeigen der Karikaturen untersagt, nur um sich gestern gleich vor zwei Gerichten wegen dieser Anweisung ein blaues Auge zu holen.

Zwei Verwaltungsgerichte erlaubten Pro NRW die Ausstellung der Karikaturen. Und prompt wurden diese präsentiert. Reaktionen löste das in Münster aber nicht aus. Schließlich fand die Kundgebung quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Die Polizei hatte den Pro-NRW-Stand mit Einsatzfahrzeugen umzingelt – zur Abschirmung vor Gegendemonstranten, die nur einmal störten, als sie von berittener Polizei durch ein hüfthohes Maisfeld gescheucht wurden, aber nicht bis zum Veranstaltungsort vordringen konnten.

Weil die Polizei den Rechten dann auch noch den Saft für die Lautsprecheranlage abdrehte, konnten sie ihren Parolen kaum Gehör verschaffen. Die Begründung: Die Anlage sei angesichts der gerade einmal elf Teilnehmer zu laut. Das herangeschaffte Megafon reichte nicht: Ein angrenzender Autohändler ließ die Ansprache in einem Hupkonzert untergehen. Auf „Abschieben, Abschieben“-Rufe der Rechtsextremen reagierte er, indem er ihnen seinen deutschen Pass unter die Nase hielt.

Pro NRW wirbt um Stimmen für die Landtagswahl am Sonntag. Punkten wollen sie mit Islamhetze. Was sie denn gegen den Islam habe, wurde eine Teilnehmerin befragt. „Ja, das weiß ich jetzt auch nicht so genau.“ Die Islamisierung Deutschlands habe aber bereits erschreckende Ausmaße angenommen, versicherte sie.

Das Reden ist bei Pro NRW eher Sache von Seidensticker. Der gab gegen 15.30 Uhr entnervt auf. Der ältere Herr mit Hut, die Frauen mit den Sonnenbrillen und die Anzugträger stiegen in ihre Autos und brausten davon – in Richtung Hagen, wo die nächste Kundgebung stattfand. Doch bevor Seidensticker den Motor anwarf, rief er noch: „Wir versprechen Ihnen wiederzukommen.“ Abgesehen von der Polizei und dem hupenden Autohändler war da aber kaum noch jemand vor Ort.


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