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Preise, die für die Mülltonne geeignet sind

Von Udo Muras

Schlechter geht´s nicht: Adriano vom AS Rom. Foto: dpaSchlechter geht´s nicht: Adriano vom AS Rom. Foto: dpa

Berlin. Fußballer spielen für ihr Leben gern um Titel und Erfolge, jedenfalls nachdem sie ausgesorgt haben. Doch da die permanente Enttäuschung im Sport systemimmanent ist, denn nur einer wird ja Meister oder Pokalsieger, bleibt oft nur die individuelle Auszeichnung, um den persönlichen Ehrgeiz zu stillen. Gerade in diesen Tagen macht sich so mancher wieder Hoffnung, denn fast jede Kleinstadt wählt ihren Sportler des Jahres. Doch auch in der Adventszeit gibt es Menschen, denen Hohn und Spott noch etwas heiliger sind als Respekt und Nächstenliebe. Sie rechnen am Jahresende ab, und die Auszeichnung, die sie vergeben, will keiner haben.

Gerade erreicht uns aus Italien die Meldung, dass der Spieler Adriano von AS Rom die Goldene Mülltonne gewonnen habe. Das ist der schon traditionelle Preis für den schlechtesten Spieler der Serie A, seit 2003 verliehen vom Radio-Sender Rai due und gewählt von der geneigten Hörerschaft.

Tradition hat es auch, ihn an einen Brasilianer im Allgemeinen und an den armen Adriano im Besonderen zu vergeben. Der streitbare Stürmer hat drei der fünf Mülltonnen, die bis dato an seine Landsleute gingen, erhalten und jetzt endlich die Botschaft verstanden: Er sucht das Weite und steht vor dem Wechsel in seine Heimat. Corinthians São Paulo will ihm angeblich 180000 Euro im Monat zahlen, das Mülltonnen-Mobbing hat seinem Marktwert offenbar nicht wesentlich geschadet. Übrigens befindet sich Adriano in bester Gesellschaft: Auch Weltmeister Rivaldo stemmte schon die Goldene Mülltonne, und Ronaldinho landete aktuell auf Platz drei.

Bleibt die Frage, was das soll. Ein menschliches Grundbedürfnis nach Schadenfreude stillen, dem Sozialneid auf Großverdiener ein Ventil schaffen – oder alte Rechnungen begleichen, haben die Italiener doch schon zwei WM-Finals gegen Brasilien verloren.

So einfach ist es nicht, Italiener kennen auch mit ihren Landsleuten keine Gnade. So wählten die Fans des AC Parma Andrea Barzagli vor dem Wechsel nach Wolfsburg 2008 zum Abschied noch schnell zum schlechtesten Spieler der Saison.

In Deutschland machen wir so was ja eigentlich nicht. Dass die ARD-Sportschau im August 1985 dem Bayern-Profi Helmut Winklhofer die Plakette für das „Tor des Monats“ verlieh, obwohl er aus 25 Metern seinen eigenen Torwart Jean-Marie Pfaff überwunden hatte, war die pure Ratlosigkeit. Was sollten sie auch machen? Die Zuschauer hatten ihn nun mal gewählt. Winklhofer lehnte die Plakette übrigens dankend ab.

Dass Franz Beckenbauer 30 Jahre nach Karriereende seine erste negative Auszeichnung erhielt, hatte weniger mit Fußball zu tun. Er erhielt vor der WM 2006 den Big Brother Award „für die inquisitorischen Fragebögen zur Bestellung von WM-Tickets, für die geplante Weitergabe der Adressen an die FIFA und deren Sponsoren“ etc. und holte ihn sich sogar ab. Ein echter Kerl, unser Kaiser.

In Internet-Zeiten findet natürlich noch so manche kleine Gemeinheit in Fan-Foren statt. Es gibt aber auch durchaus schmeichelhafte Preise, hinter denen Institutionen stehen. So wurde Felix Magath 2004 vom Kuratorium Gutes Sehen zum Brillenträger des Jahres gekürt. Jürgen Klopp ließ das offenbar nicht ruhen, und 2008 hielt auch er die einer Buchstütze ähnelnde Skulptur strahlend in Händen. Hauptsache keine Mülltonne.

*Udo Muras ist Fußballkenner mit einem Faible für nostalgische Ausflüge und einem Sinn für aktuelle Merkwürdigkeiten der Szene. Seine Kolumne erscheint regelmäßig in dieser Zeitung.