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Verfemt und vergessen Ernst Willimowski aus Kattowitz war ein Weltklassestürmer – Vier Tore gegen Brasilien

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Kattowitz. Immerhin, ein Anfang ist gemacht. Am Sonntag veranstaltet der 1. FC Kattowitz ein Jugendturnier, und auf den Plakaten steht der Name des Mannes, an den mit dieser Veranstaltung erinnert werden soll. Ernst Willimowski. Ernst wer? Die tragische Geschichte eines vergessenen Weltklassefußballers.

Kann man einen Stürmer vergessen, der als einziger Fußballer der Geschichte vier Tore in einem WM-Spiel erzielt hat? Einen Angreifer, der sowohl für Deutschland als auch für Polen mehr Tore geschossen als Länderspiele bestritten hat? Einen Fußballer, der Helmut Schön verdrängte, von dem Fritz Walter schwärmte und den Sepp Herberger förderte?

Man kann. Geboren 1916 in Oberschlesien als Sohn einer deutschen Mutter, war der junge Ernst ein fußballerisches Naturtalent, der seine Ballbehandlung und seine Dribbelkunst durch stundenlanges Kicken auf der Straße perfektionierte. Früh spielte er für den 1. FC Kattowitz, den Verein der deutschen Minderheit in Oberschlesien.

Mit 17 Jahren debütierte er in der ersten Mannschaft des zweitklassigen Klubs, der Wechsel zu Spitzenklub Ruch Wielkie Hajduki – dem Vorläuferverein des heutigen Klubs Ruch Chorzow/Königshütte – erfolgte nur ein Jahr später. 1000 Zloty zahlte Ruch an Kattowitz, in zeitgenössischen Quellen wurde diese Summe dem Jahresgehalt eines Briefträgers gleichgesetzt.

Innerhalb kürzester Zeit wurde der schmächtige, rothaarige Stürmer mit den markanten Segelohren zum Star des polnischen Klubfußballs. 1934 wurde er erstmals in die Nationalmannschaft berufen, bei der Weltmeisterschaft 1938 machte er am 5. Juni in Straßburg das Spiel seines Lebens: Vier Tore schoss der freche Willimowski gegen die Brasilianer um Weltstar Leoniads, trotzdem verloren die Polen – mit 5:6.

Auf der Tribüne in Straßburg saß Reichstrainer Sepp Herberger und war natürlich beeindruckt von der Klasse Willimowskis. Nach dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen und der Besetzung des Landes war der Weg Willimowskis in die deutsche Nationalmannschaft vorgezeichnet. 1940 wechselte er zum sächsischen Polizei-SV Chemnitz, weil er sich so dem Wehrdienst entziehen konnte.

Der deutschstämmige Willimowski hat sich nie politisch geäußert, überliefert ist der Satz: „Ich bin Oberschlesier, und ich will nur Fußball spielen.“ Vor den Nazis hatte er Angst, weil ihm der mächtige NSDAP-Kreisleiter den Wechsel vom deutschen 1. FC Kattowitz zum „Polen-Klub“ Ruch übel genommen hatte.

1941 trug Willimowski erstmals das weiße Trikot mit dem schwarzen Adler – und dem Hakenkreuz; beim 4:1 gegen Rumänien gelangen ihm zwei Tore. Sein bestes Spiel bestritt er im Oktober 1942 in Bern gegen die damals zur Weltspitze zählende Schweiz: Beim 5:3 erzielte er vier Tore, und der Schweizer Torwart Erwin Ballabio soll sich beim Bankett aus Kummer über diese Schmach betrunken haben.

Der große Fritz Walter sprach damals und später in höchsten Tönen von Willimowski, den er „das Schlitzohr“ nannte: „Er hatte keine Nerven, war eiskalt. Für mich der größte aller Torjäger, ein Wunder im Ausnutzen von Chancen. Er erzielte mehr Tore, als er Chancen hatte.“

Willimowski war aber mehr als ein großer Stürmer, er war auch ein unangepasster, lebensfroher Mensch. Er hatte einen Schlag bei Frauen und trank gern mal ein Gläschen zu viel. Negative Schlagzeilen beantwortete er mit Toren, einmal rief er einem Journalisten nach einem starken Auftritt zu: „Schreiben Sie wörtlich: Ernst Willimowski grüßt all diejenigen in Oberschlesien, die aus ihm einen Alkoholiker machen wollen! Er zeigt ihnen nun, wie man Fußball spielt.“

Nach dem Krieg spielte er noch für diverse Klubs, versuchte sich als Profi in Frankreich und landete schließlich beim VfR Kaiserslautern. Noch mit 43 Jahren stürmte er beim zweitklassigen Kehler FV, danach lebte und arbeitete er in Karlsruhe, wo er 1997 verstarb.

Im kommunistischen Polen wurde er geächtet, weil er für die deutsche Nationalmannschaft gespielt hatte; er galt als Verräter. Im Westen vergaß man – sicher auch über das Wundervon Bern – den Wunderstürmer aus Oberschlesien. In den aufwendigen Jubiläumschroniken des DFB taucht Willimowski nicht auf. Nur eine Biografie gibt es, verfasst von seinem Schwiegersohn Karl-Heinz Haarke; das Buch ist nicht mehr erhältlich. Im Buch „Schwarze Adler, weiße Adler“ (Verlag Die Werkstatt) hat der Journalist Thomas Urban ihm das Kapitel „Der vergessene Wunderstürmer“ gewidmet.

Doch das ist eigentlich viel zu wenig. Das Leben des Ernst Willimowski böte Stoff für einen Film.


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