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Einrichtungsklassiker der Endfünfziger

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Ein gefragtes Einrichungsstück war vor rund 50 Jahren die Sesam-Bar von Möbel Wiemann, die einst über 500000-mal am Firmensitz in Oesede produziert wurde. Eine Ausstellung zur Kulturgeschichte des privaten Feierns nach 1945, die unter dem Titel "Heut laden wir uns Gäste ein" noch bis Anfang September im Gütersloher Stadtmuseum gezeigt wird, rückt das selten gewordene Möbelstück wieder in den Blickpunkt.

Wohin mit dem neuen Fernseher? Nach dem Wirtschaftswunder stellte sich Ende der 50er-Jahre dieses Problem für jene Bundesbürger, die sich den Luxus einer '"'Flimmerkiste'"' in ihrem Wohnzimmer erlauben konnten. Kurzerhand verschwand der Gummibaum aus der '"'toten'"' Ecke, und ein Eckregal nahm den Platz ein - damit der Fernseher als neues Top-Einrichtungsstück seinen gebührenden Platz fand.

Damit nicht genug. Nach dem Öffnen zweier Schiebetüren war zunächst der Blick frei auf eine Reihe wohl geordneter Bücher. Schiller und Simmel, Rücken an Rücken. Und dann die Sensation: '"'Sesam, öffne dich!'"' Wie auf einer Drehbühne verschwanden die Bücher im Hintergrund, und eine ebenso wohl geordnete Hausbar präsentierte sich den staunenden Blicken.

Damit entpuppte sich das Fernsehregal in seinem Inneren als ein Januskopf mondäner Lese- und Trinkkultur. - Eine kleine Sensation war geboren. Wilhelm Wiemann, Chef der '"'Oeseder Möbel Industrie Mathias Wiemann GmbH u. Co. KG'"' ahnte Ende der 50er noch nicht, welch genialer Coup ihm mit der Erfindung dieses Möbelstücks gelungen war.

Die im Jahre 1900 gegründete Möbelfabrik war schon zuvor durch interessante Produktideen aufgefallen. In den 30er-Jahren führten die zahlreichen Haushaltsneugründungen zu einer großen Nachfrage von Schlafzimmermöbeln, und 1939 fertigten um die 180 Mitarbeiter 40 Schlafzimmer pro Tag. Die 50er bescherten der Möbelindustrie einen erneuten Boom. Kleinmöbel trugen den noch recht beengten Wohnverhältnissen Rechnung. Dennoch: Es wurden auch Gäste ins traute Heim eingeladen - zum Beispiel zum Fernsehen, um dazu einen '"'Sechsämtertropfen'"' oder einen '"'Lufthansa-Cocktail'"' zu kredenzen.

Als Fernsehregal vorausgegangen war die '"'Wiemann-Fernseh-Drehbühne'"'. In der '"'OMI-Sesam-Bar, ein Blickpunkt in der Wohnung'"', war mit der Aufbewahrung gekühlter Getränke eine weitere Funktion hinzugekommen. '"'Im 'Wandumdrehen' wird dieser Eckschrank zu einer geräumigen Hausbar'"', verkündete die Frauenzeitschrift Petra im Zusammenhang der Präsentation neuer Cocktailrezepte. '"'Mit dieser Bar macht die Party zu Haus erst richtig Spaß'"', hieß es im begleitenden Rezeptheft zum OMI-Möbelstück.

Spaß machte sie auch seinem Hersteller: Bis Ende der 60er wurde die Sesam-Bar von Wiemann in den verschiedensten Ausführungen über 500000-mal hergestellt. So zahlreich wie sie in deutschen Wohnzimmern aufgestellt wurde, so schnell verschwand sie allerdings auch wieder, als die Musiktruhen ihren Siegeszug antragen.

Da bei Wiemann keine Sesam-Bar mehr vorhanden ist, machten sich Firmenchef Markus Wiemann und der seit 1962 im Betrieb tätige Egon Pötter vor Kurzem auf nach Gütersloh, um in der Stadt der Bücher das ehemalige Top-Produkt zu besichtigen. '"'Wir sind froh, die Sesam-Bar in dieser Ausstellung wiederentdeckt zu haben, denn in unserem Betrieb gibt es noch viele gute Erinnerungen daran'"', so Wiemann beim Besuch des Stadtmuseums Gütersloh.

Pötter erinnert sich noch an Ausstattungsdetails: '"'Die Kunststoffisolation hielt die zuvor im Eisfach vorgekühlten Flaschen garantiert bis zum Ende der Party kalt.'"' Speziell für die Bar konstruierte Versandkisten hätten den Bahntransport erleichtert. Der reißende Absatz sei das schöne Ergebnis geschickten Marketings und auch aus heutiger Sicht modernen '"'Product-Placements'"' gewesen.

Für die Sommerparty ist der '"'OMI-House-Drink'"' aus dem Wiemann'schen Rezeptheft empfohlen: '"'3 Teile Martini rot, 1 Teil Cognac, 2 Eisstücke, 1 Scheibe Zitrone in einer Sektschale mit beliebig viel Mineralwasser reichen'"' - aber bitte auf einem Nierentisch.


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