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Ein Lese-Beispiel Was trennt das Buch vom Film? „Cloud Atlas“ ist selbstironisch


Berlin. Wie unterscheiden sich David Mitchells Roman „Cloud Atlas“ und die Verfilmung von Tom Tykwer und den Wachowskis? Eine Erklärungsversucht am Lektüre-Beispiel.

Ein Kunstwerk erklärt sich selbst: „Habe die letzten vierzehn Tage im Musikzimmer zugebracht und die Fragmente dieses Jahres zu einem ‚Sextett für einander überschneidende Solostimmen‘ umgearbeitet“, schreibt der Komponist Robert Frobisher in David Mitchells Roman. Und weiter: „Im 1. Satz wird jedes Solo vom nachfolgenden unterbrochen; im 2. Satz setzen sich die Soli in umgekehrter Reihenfolge fort.“ Das fiktive Sextett heißt „Wolkenatlas“, genau wie der Roman, der davon erzählt. Beide sind sie gleich gebaut: Auch Mitchell arrangiert sechs Episoden – alle mit einer andern Tonlage, alle im eigenen Genre. Anders als die Verfilmung werden die Geschichten in der Vorlage aber nicht parallel erzählt, sondern nacheinander: Jeder Strang unterbricht den vorangegangenen – mitunter mitten im Satz. Vom See-Abenteuer aus dem 19. Jahrhundert geht es durch einen Künstler-Roman der 30er bis in die Sci-Fi-Vision. Wendepunkt ist die postapokalyptische Welt. Ihre Schilderung bildet das dramaturgische Zentrum, nach dem Mitchell alle angefangenen Plots in umgekehrter Reihenfolge bündig zu Ende erzählt: von der Zukunft zurück ins 19. Jahrhundert. „Revolutionär oder effekthascherisch?“, hinterfragt der fiktive Frobisher das Konzept seines Autors. Diesen Kontrapunkt der Ironie hat das unterhaltsame (und effekthascherische) Buch dem Film voraus


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