zuletzt aktualisiert vor

Dem Himmel ganz nah

Aus Briketts errichtete Susanne Tunn ihre Säulenordnungen auf dem Dach der Villa Schlikker in Osnabrück.Aus Briketts errichtete Susanne Tunn ihre Säulenordnungen auf dem Dach der Villa Schlikker in Osnabrück.

Braucht eine Villa 19 Schlote auf dem Dach? Natürlich nicht. Aber das Kulturgeschichtliche Museum Osnabrück kann zum 125. Geburtstag eine künstlerische Arbeit bestens gebrauchen, die statt der Dekoration zum Festtag einen beziehungsreichen Kommentar zu ihrem Umfeld formuliert.

Die Bildhauerin Susanne Tunn hat dafür tonnenweise Briketts für die Türme auf der klassizistischen Villa Schlikker verbaut ("Atem") und zwei weitere Rotunden aus dem gleichen Material in der Galerie Röhr ("Meta") aufgeschichtet. Auf dem Dach der Villa wachsen die schwarzen Säulen wie eine Dachkrone in den offenen Himmel, in der Galerie, die in dem gleichfalls zum Museum gehörenden Dreikronenhaus residiert, versperren die deckenhohen Rundkörper fast die Räume: Tunn inszeniert ihr Projekt als wirkungsvollen Kontrast gegensätzlicher Raumbezüge.

Dabei kombiniert die Künstlerin, die bereits Arbeiten zu Bauten Frank O. Gehrys beisteuerte, die unterschiedlichen Aspekte von Objekt und Installation, Intervention und Kontext. Briketts schichtet sie wie modulare Bausteine zu Säulenstümpfen, die als Objekte mit abwechslungsreich rhythmisierter Oberfläche angesehen werden können und gleichzeitig die historisierende Architektur der ehemaligen Fabrikantenvilla ebenso pathetisch wie ironisch verstärken. Die Säulen scheinen dem Bau ein weiteres, imaginäres Geschoss aufzusetzen. Oder fügen sie sich zu einem rabenschwarzen Dachgarten?

Mit der Wahl des Materials verschränkt Susanne Tunn jedenfalls Architekturform und die Reminiszenz an Natur. Schließlich bestehen Briketts aus gepresster Kohle, bergen also organisches Material und dessen Verwandlung in sich. Die Künstlerin bringt auf diese Weise Natur in den Stadtkontext - und sucht den Anschluss an eine Materialästhetik, die mit gleichen und ähnlichen Werkstoffen vor ihr der Arte-Povera-Klassiker Jannis Kounellis und Rainer Ruthenbeck geprägt haben. Susanne Tunn zieht da allemal gleich. Denn sie inszeniert Gewicht und Wucht des Volumens ebenso wie die tiefe Schwärze des Materials. Zudem nutzt sie die Umrisse der Briketts, um ihren Säulen unterschiedliche Muster einzuprägen.

Susanne Tunn verwandelt das Alltagsding jedoch nicht nur in ein Kunstobjekt. Zugleich ziehen die Säulenordnungen den Blick des Betrachters nicht nur auf sich, sondern lenken ihn auch auf den Museumskomplex mit dem von Libeskind errichteten Nussbaum-Haus und weiter auf die Skyline der Osnabrücker Innenstadt. So verstanden bilden die dunklen Säulen Rahmen für eine ganz andere Bildwahrnehmung. Kunst als Inszenierung ihres Umfeldes: Auch diesen Aspekt bringt Susanne Tunn glänzend ins Spiel. Schade nur, dass Besucher das Villendach nicht betreten dürfen. Sicherheitsauflagen nehmen der Kunst hier wichtige Aspekte ihrer Wirkung.

Dafür kommt der Betrachter den schwarzen Säulen in der Galerie Röhr ganz nah. Hier darf er deren Aura hautnah erspüren sowie gestickte Zeichnungen und kleine Objekte Susanne Tunns betrachten. In jedem Medium begegnet der Betrachter einer Künstlerin von Gewicht.

Osnabrück, Villa Schlikker: Susanne Tunn: Atem. Eröffnung: Samstag, 27. März, 17 Uhr. Bis 27. September. Di.-Fr., 11-18 Uhr, Sa., So., 10-18 Uhr. Galerie Anette Röhr: Meta. Bis 27. Juni. Mi.-Fr., 15-18 Uhr, Sa., 10-13 Uhr.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN