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Warum kostet das so viel? Produzent Stefan Arndt: So wurde der 100-Mio-Dollar-Film „Cloud Atlas“ finanziert

100-Mio.-Dollar-Männer: Der „Cloud-Atlas“-Produzent Stefan Arndt mit dem Regisseur Tom Tykwer. Foto: x-Film100-Mio.-Dollar-Männer: Der „Cloud-Atlas“-Produzent Stefan Arndt mit dem Regisseur Tom Tykwer. Foto: x-Film

Berlin. „Cloud Atlas“ ist der teuerste deutsche Film aller Zeiten. 100 Millionen Dollar hat er gekostet. Warum? Weil mehr nicht drin war. Das sagt der Produzent Stefan Arndt von der Firma x-Filme. Im Gespräch erklärt er, warum er auf das „Wetten, dass..?“-Bashing von Tom Hanks gern verzichtet hätte – und wieso ihn die Oscars so unendlich deprimieren.

Hier gibt‘s einen Kommentar zum Film

„Ursprünglich war der Film auf über 160 Millionen Dollar kalkuliert. Aber das war nicht zu finanzieren.“ Was war am teuersten? „Menschen“, sagt Arndt im Interview. „Beim Dreh hatten wir bis zu 700 Leute am Set oder in den Büros oder in der Tricktechnik.“ Besonders wertvolle Mitarbeiter: Halle Berry, Hugh Grant, Susan Sarandon und Tom Hanks. „Die Top-Stars haben für einen Bruchteil ihrer normalen Gage gearbeitet – weil wir ihnen was geboten haben: Freude am Spiel.“ Hanks allein bekommt sonst über 20 Millionen Dollar pro Film, für den zweiten Dan-Brown-Film gerüchtehalber sogar mehr als das Doppelte.

Wessen Geld fließt hier eigentlich? „Unser Weg der Finanzierung ist klassisch europäisch: Ko-Produktion“, sagt Arndt. „Der größte Investor sind wir, also x-Filme, an zweiter Stelle kommen Unternehmer aus China.“ Und die deutsche Filmförderung? „Ist mit rund elf Millionen Dollar etwa an fünfter Stelle.“ Bedingung dafür: Es muss viel Deutsches im Film sein. Arndt: „89 Prozent der Mitarbeiter waren Deutsche oder Europäer, und von den 100 Millionen Dollar sind, glaube ich, 70 Millionen in Deutschland geblieben.“ Das liegt auch am Drehort: „Babelsberg war beim Drehen unsere Zentrale. So war der Film nur möglich – indem wir nicht San Francisco in San Francisco und Hawaii auf Hawaii drehen. Außer Babelsberg mussten wir nur nach Mallorca, Schottland und in die Gegend von Dresden und Köln fahren. Dadurch waren wir alle nah zusammen und brauchten nicht 120 Drehtage, sondern 60.“

Den lautesten Nachhall verdankt der Film bislang dem „Wetten, dass..?“-Bashing von Tom Hanks. Was war diese Werbung wert? „Keine Ahnung“, sagt der 51-Jährige. „Alle haben davon gehört, aber kriegt irgendjemand die Verbindung zum Film hin? Ich hätte mir gewünscht, dass es nicht passiert. Aber er hat halt recht.“ Tatsächlich ist der Werbe-Etat in den 100 Millionen nicht enthalten. Arndt kalkuliert das Marketing so: „Man rechnet so 10000 Euro pro Kopie. In Amerika ist der Film mit 2000 Kopien gestartet – macht 20 Millionen. Aber das reicht für die USA noch nicht mal. In Deutschland sind es deutlich über fünf Millionen Euro. Grausam!“

Angst bei x-Filme?

Ist die Investition für x-Filme existenziell? Verlieren im Fall eines Misserfolgs viele ein bisschen oder alle alles? „x-Filme verliert dann alles. Man kann als Produzent in Deutschland kein großes Eigenkapital ansammeln.“ Der Auftakt in Nordamerika dürfte den Filmemacher mit Sorge erfüllen: Hier hat „Cloud Atlas“ am Startwochenende unter 10 Millionen Dollar eingespielt. Der aktuelle Bond-Film „Skyfall“ ist hier mit 88 Millionen Dollar beinah zehnmal so gut gestartet. Und beim letzten „Matrix“-Film der Wachowskis waren es 2003 48 Millionen Dollar. Arndt ordnet die Zahlen zu seinem Film ein: „Das Risikoland des Films waren die USA; es war klar, dass er an der Ost- und Westküste gut ankommt. Aber was ist mit der weiten Mitte? Er hält sich noch in den Top Ten, jetzt beginnt die Award Season: Ich habe keine Sorge, dass wir ihn lang halten können.“ Und was sind die Parameter, die Arndt im Blick behält? „Ich fände es total gut, wenn das amerikanische Einspiel diesmal unter 15 Prozent des Welteinspiels liegt. Früher waren das immer über 50 Prozent, langsam ist es bei 25 bis 30 Prozent.“

Die teuersten Filme

Über den Erfolg entscheidet selbstverständlich nicht nur die Kinokasse. „Ob ein Film profitabel ist, weiß man erst nach Jahren. Grandios ist es, wenn er sein Geld schon im Kino einspielt. In den USA haben wir über 25 Millionen Dollar.“ Großproduktionen wie „Potter“ und „Fluch der Karibik“ finanzieren sich stark über Fan-Artikel. Kriegt auch Arndt Geld über das Merchandising? Der Produzent: „Das kann man hier vergessen.“ Ohnehin betont Arndt, dass es auch ihm als Produzenten um die Geschichte geht und nicht um die Kosten: „Ich könnte meinen Job nie machen, wenn Geld mich wahnsinnig interessieren würde. Dann könnte ich nicht mehr schlafen. Es geht darum, welche Geschichten man erzählen will.“

In welcher Größenordnung spielt „Cloud Atlas“ übrigens international? „Avatar“ (2007) hat 237 Millionen Dollar gekostet, „Pirates of the Caribbean – Am Ende der Welt“ (2007) geschätzt sogar 300 Millionen. Nach oben gibt es also keine Grenzen, aber auch für 100 Millionen Dollar muss man lange telefonieren: „Es hat mich ein Jahr gekostet, die Leute zu überzeugen“, sagt der Produzent. Das größte Problem dabei: „Das Sicherheitsdenken! Die Welt will immer nur, was schon erprobt ist. Und dann kriegt man immer wieder den neuen Batman und Bond, und weiß schon, was passieren wird. ‚Cloud Atlas‘ ist einzigartig.“

Deprimierende Oscars

Mit 670 Seiten, sechs Geschichten in sechs Genres bietet David Mitchells Roman-Vorlage viel Stoff. Das hätte auch ein Mehrteiler oder eine Serie werden können. Für Arndt kam das nicht infrage: „Wir wollten unbedingt das ganze Buch verfilmen und keine Fortsetzungen machen. Offen gesagt gehe ich auch gern ins Kino und schaue mir große epische Filme an. Man merkt dem Film aber an, wie gut die Regisseure sich mit Serien auskennen: an der Weise, wie sie mit Cliffhangern arbeiten zum Beispiel.“

Wie viel Geld hat Arndt denn darauf gewettet, dass „Cloud Atlas“ den Schnitt-Oscar kriegt? „Ich wette nicht, bin nur heilfroh, dass die Oscars für uns nicht so wichtig sind wie für die Amerikaner. Meine erste Verleihung war die deprimierendste Veranstaltung, bei der ich je war.“ Wieso? „In jeder Kategorie sind fünf Leute nominiert, alle haben zehn Freunde dabei. Das macht vierzig Verlierer pro Kategorie, und nur die bleiben im Saal, weil die Sieger zum Feiern rausgehen. Das schafft eine sehr, sehr seltsame Atmosphäre.“

Hier gibt‘s die Rezension zum Film


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