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„Darf ich auch mal was erzählen?“

Nur äußerst selten geben Axel Prahl (links) und Jan Josef Liefers (Mitte) ein gemeinsames Interview. Unser Redakteur Joachim Schmitz hatte das Vergnügen. Foto: Andel Goy/RevierfotoNur äußerst selten geben Axel Prahl (links) und Jan Josef Liefers (Mitte) ein gemeinsames Interview. Unser Redakteur Joachim Schmitz hatte das Vergnügen. Foto: Andel Goy/Revierfoto

Billerbeck. Letzter Drehtag in Billerbeck. Das malerische Städtchen in den münsterländischen Baumbergen ist Schauplatz der nächsten Münsteraner „Tatort“-Folge „Gutsherrenart“ mit Axel Prahl und Jan Josef Liefers, die das Erste am 10. Oktober ausstrahlen wird. Es geht um den Mord an der Ehefrau des örtlichen „Spargelkönigs“, aber natürlich kommt auch der Spaß wieder nicht zu kurz. Prahl und Liefers sind eben ein witziges Duo, das zeigt sich auch im Gespräch nach dem Mittagessen am Set – einem der seltenen gemeinsamen Interviews, die die beiden geben. Es geht um den Bundespräsidenten, Billerbeck und die „Butterszene“:

Glückwunsch zur Wahl, Herr Liefers.

Liefers: Zu welcher Wahl?

Sie sind seit dem 30. Juni der Lieblingsschauspieler des Bundespräsidenten.

Liefers: Der Mann hat Geschmack (Prahl lacht). Und dass er Alexandra Maria Lara als Lieblingsschauspielerin genannt hat, spricht auch für ihn.

Die Sympathie beruht wohl auf Gegenseitigkeit.

Liefers: Ja, ich habe ihn mal kennengelernt.

Prahl: Aha, daher weht der Wind.

Liefers: Er war Ministerpräsident, ich bin Schauspieler und kein Politiker.

Prahl: Noch nicht.

Liefers: Er ist ein sehr freundlicher, interessierter Mann. Das hat jetzt nichts mit politischem Lager zu tun, mit Ideologien hab ich’s nicht so. Ich bin kein Fahnenschwenker, und meine Meinungen zu Personen haben wenig mit ihren Parteibüchern zu tun. Und da empfinde ich Christian Wulff als angenehmen Menschen und guten Gesprächspartner.

Joachim Gauck…

Liefers:…ist noch mal was anderes. Er ist mir viel länger ein Begriff, schon als Bürgerrechtler aus Zeiten des Neuen Forums in der DDR. Wir stammen aus demselben Land, das durch Menschen wie ihn grundlegend, aber friedlich verändert wurde. Das ist eine andere Art der Gemeinsamkeit. Wir sind uns zuletzt auf der Buchmesse ein paar Mal begegnet.

Sie sind aber mit der Präsidentenwahl zufrieden?

Liefers: Ja, beide Kandidaten waren gute Kandidaten. Nachher denke ich ein bisschen amerikanisch und sage: Jetzt, wo es Wulff geworden ist, hat er auch meine Unterstützung.

In der Bundesversammlung waren etliche Kollegen von Ihnen als Wahlmänner und -frauen vertreten – hat man Sie eigentlich nicht gefragt?

Liefers: Nee, kann ich mir nicht vorstellen. Falls es so eine Anfrage gab, ist sie vermutlich schon in der Agentur abgeschmettert worden, weil wir an diesem Tag beide unseren „Tatort“ drehen mussten.

Prahl: Ich bin zwar durchaus ein politischer Mensch, aber davon abgesehen, halte ich mich als Künstler von politischen Veranstaltungen lieber fern. Es gab immer wieder mal Anfragen von den Grünen, von der SPD, sogar von der CDU, ob ich irgendwas zum Besten geben will. Das habe ich bis jetzt immer von mir weisen können.

Wenn zwei Berliner zum „Tatort“-Dreh nach Billerbeck fahren – ist das die Höchststrafe oder ein bisschen wie Urlaub?

Prahl: Wir sind sehr gerne hier in Billerbeck, und diesmal ist das Wetter tatsächlich ein bisschen wie Urlaub. Es war fantastisch, wir haben unglaubliches Glück gehabt. Selbst am Anfang, als mehrfach Gewitter angesagt waren, sind wir immer trockenen Fußes aus der Produktion herausgegangen.

Sie kommen doch auch gerne mal mit dem Wohnwagen zum Dreh, oder?

Prahl: Zum „Tatort“-Dreh fahre ich normalerweise immer mit meinem Wohnmobil. Diesmal ging’s leider nicht, weil mir einer hinten reingefahren ist und auch noch Fahrerflucht begangen hat. Jetzt ist das Wohnmobil zur Reparatur, und ich hab’s noch nicht geschafft, ihn abzuholen. Nun macht’s auch keinen Sinn mehr, weil wir ja fast durch sind.

In Billerbeck haben Sie jetzt drei Tage gedreht – wo entsteht der Rest des „Tatorts“?

Liefers: Weitere Außenaufnahmen ohne Schauspieler wurden noch im Münsteraner Raum gedreht. Der Rest dann in Köln und Umgebung. Nicht weil wir das hier nicht mögen, sondern aus geschäftlichen Gründen. Das sind Rechenaufgaben, da geht’s um Geld, Reisekosten, Spesen, Unterbringung für ein ganzes Team.

Wo wohnen Sie sonst, wenn nicht im Hotel Weissenburg hier in Billerbeck ?Liefers: In einem Landhotel, etwas außerhalb von Münster.Prahl: Da ist es auch sehr, sehr schön und lustigerweise gibt’s da noch ne Kneipe, die heißt Börneken.Wer ist eigentlich damals auf die Idee gekommen, Sie beide zusammen in einem „Tatort“ ermitteln zu lassen?

Prahl: Das war sehr lustig, denn ursprünglich sollte Ulrich Noethen die Rolle von Jan Josef spielen. Das war schon ziemlich fest eingetütet, selbst die ersten Pressemitteilungen waren raus. Ulrich Noethen hat die Sache aber zwei Wochen vor dem geplanten Drehbeginn doch noch abgesagt. Und dann war’s eben Jan Josef.

Hatten Sie vorher schon mal zusammen einen Film gedreht?

Liefers: Nein, wir haben uns durch den „Tatort“ erst kennengelernt. Das war ganz lustig: Meine Agentur gab mir das Angebot durch, ich fragte: Wer spielt denn den Kommissar? Axel Prahl, hieß es. Ich sagte: Okay, den kenn ich nicht. Darauf die Agentur: Mit dem wirst du dich super verstehen, der ist auch aus dem Osten (Prahl lacht, denn er stammt aus Schleswig-Holstein).

Prahl: Das war genauso wie bei „Die Hoffnung stirbt zuletzt“. Da bin ich kurzfristig für Henry Hübchen eingesprungen. Regisseur Marc Rothemund sagte damals: Es ist nicht so, dass sich die Leute die Projekte suchen, sondern die Projekte suchen sich die Leute. Der Film wurde ein Supererfolg, da hatte ich echt Glück.

Liefers: Projekte wie der „Tatort“ sind extrem hoch gehängt und werden mit großer Vorsicht eingetütet. Durch Ulrich Noethens Absage war so etwas wie ein Luftloch entstanden, in das ich reingrätschen konnte. Entscheidungen, die sonst durch alle Instanzen müssen, traf ich einfach selber. Ich kann mich noch gut an meinen ersten Drehtag erinnern, als ich mit diesem Bart und der Brille auftauchte. Da standen die Produzenten vor mir und sagten: Das kann nicht dein Ernst sein, so kannst du das nicht spielen.

Konnten Sie aber wohl, wie man sieht.

Liefers: Man wirft die Würfel auf den Tisch, und so, wie sie liegen, liegen sie. Ich werde nie vergessen, wie wir bei der Präsentation unseres ersten „Tatorts“ in Münster im Kino saßen. Da gab es viele Dinge, um die man sich große Sorgen machte: Geht das gut mit den Witzen über die kleine Alberich? Was ist mit diesem schnoddrigen Ton? Das stand ja auch nicht alles im Drehbuch, da haben wir uns schon mächtig hochgeschaukelt. Und dann sind die Zuschauer im Kino richtig steil gegangen – und ich hörte das Gepolter, wie die Steine von den Herzen der Verantwortlichen purzelten.

Es steht also nicht jeder Gag im Drehbuch, sondern kommt auch mal spontan ?

Liefers: Absolut nicht. Rekord war eine ganze Szene, die überhaupt nicht im Buch stand.

Prahl: Darf ich vielleicht auch mal was erzählen, Herr Professor? (lacht) Boerne fiel über einen Baumstamm und sollte von da an rückengeschädigt rumhumpeln. Drei oder vier Tage später haben wir dann eine Szene gedreht, und niemand bemerkte, dass er gar nicht humpelte.

Liefers: Es war anders. Wir drehten diese Szene mit dem Baumstamm, und ich hatte die Idee: Da fällst du jetzt mal drüber und hast einen Hexenschuss. Aber wir hatten gar nicht daran gedacht, dass wir bereits vorher schon eine Szene gedreht hatten, die im Film aber nachher spielt und in der ich nicht humpele. Und deshalb haben wir die Butterszene improvisiert.

Die Butterszene?

Prahl: Ich sag zu ihm: Haben Sie nicht heute Morgen noch gehumpelt? – Er: Ich hab mir ne chemische Keule verabreicht. – Ich daraufhin: Das ist aber nicht so gesund. – Er: Weitaus gesünder als gesalzene Butter essen. – Ich: Woher wissen Sie denn, dass ich gesalzene Butter esse? – Er: Ich habe mir neulich ein kleines Stückchen geholt. – Ich: Wie, Sie waren in meiner Wohnung? – Er: Was haben Sie sich denn so? Ich hab sie ja wieder zurückgelegt. – Ich: Wie, Sie waren noch mal in meiner Wohnung? Das war der Butterdialog, den gab’s im Drehbuch gar nicht.

Privat sind Sie mittlerweile auch befreundet?

Prahl: Allerbest. Gelegentlich machen wir am Set zusammen Musik, im Eifer des Caipirinha-Gefechts. In Berlin sehen wir uns allerdings seltener, da sind wir dann eher familiär reserviert.

Was passiert eigentlich, wenn Sie zusammen unterwegs sind? Sie bleiben ja vermutlich nicht lange unerkannt.

Prahl: Vor dem Dreh war es so, dass Jan Josef keinen Bart hatte, ich dagegen einen Bart und lange Haare, da hat man uns nicht immer gleich oder zumindest deutlich seltener identifiziert. Aber wenn wir so durch die Gegend laufen, wie wir heute aussehen, dann sind wir geliefert. In Münster ist es am schlimmsten, da kommen wir keine fünf Meter weit, ohne dass einer ruft: Na, auch mal wieder hier? Guck doch mal, da ist er ja, der Professor (lacht).

Die „Süddeutsche Zeitung“...

Prahl: ...hat den Münster-„Tatort“ letztens mit „GZSZ“ verglichen und geschrieben, dass „Wilsberg“ der bessere Krimi aus Münster sei.

Liefers: Es gibt Journalisten, die ihr Heil darin suchen, gegen Erfolge wie den Münster-„Tatort“ anzuschreiben. In diesem Fall sollte der Artikel sogar wie ein fachmännisches Urteil klingen, war aber spätestens nach dem Daily-Soap-Vergleich nicht mehr ernst zu nehmen. Wir sind in unserer Arbeit eher kritisch und versuchen mit großem persönlichen Aufwand, bestmöglich und geschmackvoll zu unterhalten – das gelingt manchmal vielleicht nicht so, auch deshalb, weil wir die Schraube weiter drehen als andere. Dazu gehört ein gewisser Mut, ohne den sich gar nichts bewegen würde. Dafür nehme ich Kritiker-Nörgeleien in Kauf. Ist wohl auch Geschmackssache. „Wilsberg“ und Leonard Lansink finde ich übrigens auch super.

Münster ist vor ein paar Jahren mal von der UNESCO zur lebenswertesten Stadt auf dem Globus gewählt worden.

Prahl: Ich dachte immer, das wäre Osnabrück.

Das war eine andere Wahl.

Liefers: Diese Wahl findet doch alle paar Jahre statt, das heißt: Irgendwann hat jede Stadt mal die Chance, die lebenswerteste Stadt auf dem Globus zu sein.

Prahl: Auch Neustadt in Holstein?

Liefers: Auch Neustadt in Holstein wird es eines Tages aufs Treppchen schaffen.

Prahl: Wahrscheinlich, wenn ich dort begraben werde. Dann ist endlich Ruhe (beide lachen, die Produzentin ruft zum Dreh).


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