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Als Schauspielerin begonnen Für Theresia Walser ist Schreiben körperliche Arbeit: „Ich fuchtele den Rhythmus“

Von Christine Adam

Theresia Walser, die jüngste Tochter des berühmten Schriftstellers Martin Walser, war Schauspielerin, bevor sie begann, Stücke zu schreiben. Das Altenheim-Drama „King Kongs Töchter“ 1998 war ihr Durchbruch, die Kritik jubelte. Seitdem werden ihre Dramen regelmäßig an großen Bühnen aus der Taufe gehoben. Zum Gespräch im Freiburger Innenstadt-Café hat sie ihr junges, verspieltes Hündchen Winnie dabei, Spielkamerad ihrer fünfjährigen Tochter – das die Arbeitsphasen Walsers wohl schon kennt und sich mucksmäuschenstill unterm Tisch verkriecht.

Frau Walser, Theater sind seit Jahren hochgradig an Ihren Stücken interessiert. Brauchen Sie nur noch Auftragsarbeiten zu schreiben?

Die meisten Stücke werden heute als Auftrag geschrieben. Der Uraufführungshunger der Theater lässt ja seit Jahren zum Glück nicht nach. Ich glaube, kaum ein Autor schreibt heute noch ein Stück einfach ins Blaue hinein. Seit einiger Zeit arbeite ich vor allem für das Nationaltheater Mannheim, der dortige Schauspielleiter Burkhard Kosminski ist mein Hauptpartner. Aber die Idee, für Freiburg zu schreiben, gab es schon länger. Wir mussten nur noch den richtigen Zeitpunkt finden. Und jetzt ist daraus das Stück „Eine Stille für Frau Schirakesch“ entstanden.

 

Warum hat das Theater Osnabrück die Uraufführung dieses Stücks bekommen und nichtetwa Freiburg?

Es ist ja eine Koproduktion, was heißt: Zwei Theater teilen sich eine Uraufführung. Allerdings hat Osnabrück das Recht der ersten Nacht. Das hat mit Osnabrücks neuer Schauspielleiterin Annette Pullen zu tun. Ich habe mir sie als Regisseurin gewünscht, und die Freiburger waren von dieser Idee sehr angetan. Die Freiburger Intendantin Barbara Mundel hat das wunderbarerweise möglich gemacht.

 

Was spricht Sie an AnnettePullens Arbeitsweise so besonders an?

Ich hatte 2005 ihre Magdeburger Inszenierung von meinem Stück „Wandernutten“ gesehen und mochte es sehr, wie sie mit der Sprache umgeht. Sie hat ein feines Gespür für Balancen und Gratwanderungen: nie zu leicht und nie zu schwer. Bei aller Verspieltheit, die ihre Inszenierung hatte, driftete sie nie zu weitvom Text weg und wurde zum Selbstzweck. Stets hielt sie sich sprachmusikalisch an die Partitur. Das gefällt mir: diese Fähigkeit, ganz eigen zu denken, sich aber in dieser Erfindungslust auch von einer gewissen Musik treiben zu lassen, die dem Text inne ist.

Inwiefern hat dieses Drama mit dem Thema Krieg zu tun?

Hätte man mir gesagt, du schreibst jetzt ein Stück über Krieg, hätte ich nein sagen müssen. Dieses Stück ist auch kein Stück über den Krieg, sondern über das Dilemma von ein paar Leuten, die in einer Gesprächsrunde versuchen, über so etwas wie Krieg zu sprechen. Wenn man sich eines solchen Stoffes annimmt, ist es befreiend, dass man über die unterschiedlichsten einander widersprechenden Stimmen und Meinungen, die ja wahrscheinlich in jedem von uns vorhanden sind, keine eindeutige Entscheidung treffen muss. Man kann sie den Figuren und ihren Wortgefechten überlassen. Ich nenne das Konfliktmusik.

Sind Sie manchmal selbst überrascht, was bei Ihrem Schreiben herauskommt?

Es gibt so einen Moment der Verselbstständigung meiner Figuren, den ich sehr schätze, und von dem ich auch in gewisser Hinsicht abhängig bin. Die Figuren bringen ihre Themen mit, oder sagen wir besser: In der Musikalität ihrer Sprache verschärfen sie ihre Themen. Wenn ich bestimmte Absichten oder Pläne habe, bin ich oft froh, wenn die Figuren diese Pläne nach und nach unterwandern oder sogar über den Haufen werfen. Diese Verselbstständigung der Figuren ist bei allen Kämpfen auch ein Glück. Mit Figuren, die nur brav meinen Absichten folgen würden, könnte ich auf Dauer nicht auskommen. Ich hoffe ja immer, dass die Regisseure mit ihnen später ähnliche Erfahrungen machen wie ich selbst. Allerdings gibt es einen Punkt, an dem ein Chaos derart überhandnehmen kann, dass man im schlimmsten Fall das Stück wegwerfen muss.

Ist Ihnen das schon passiert?

Ja. Ich kenne inzwischen meine Umwegskurven. Es hat schon Stücke gegeben, von denen habe ich nur ein paar Sätze brauchen können.

Arbeiten Sie mit Ihrem Mann zusammen?

Ich habe mit Karl-Heinz Ott zusammen das Theaterstück „Die ganze Welt“ geschrieben und den Roman „Die Geierwally“ dramatisiert. Wenn jetzt jeder von uns wieder an seiner eigenen Arbeit ist, dann lesen wir einander daraus vor, das auf jeden Fall.

Haben Sie sich über das Schreiben gefunden?

Er war in Zürich am Neumarkt-Theater Dramaturg, als ich dort meine Uraufführung von „King Kongs Töchter“ hatte. Aber er hatte damals schon seinen ersten Roman veröffentlicht.

Funktioniert eine Beziehung von zwei Schreibenden?

Früher dachte ich immer, das muss nicht sein. Aber inzwischen habe ich nichts dagegen, im Gegenteil. Vor allem, wenn der andere verstehen kann, dass man gerade mit etwas sehr beschäftigt ist und nicht mal eben zum Wochenende damit aufhören kann. Diesen Freizeitdruck, den es in anderen Beziehungen vielleicht eher gab, verspüre ich nicht mehr.

Schreiben Sie eher dialogisch oder mehr szenisch?

Das eine lässt sich vom andern ja nicht trennen. Meistens fuchtele ich beim Schreiben mit einer Hand den Rhythmus mit oder spreche laut, oder flüstere, oder stehe auf und gehe herum. Es kommt immer darauf an, was gerade szenisch los ist. Auf jeden Fall ist Schreiben für mich körperliche Arbeit.

Haben Sie selbst das Gefühl,eine Entwicklung im Schreiben durchlaufen zu haben, wenn Sie an frühere Stücke denken?

Eine Veränderung – das ist schwer zu sagen. Eine gewisse Stringenz hat zugenommen. Wenn man nicht mehr so viel Zeit hat wie früher, dann kann man natürlich manches nicht mehr so feierlich ausgestalten (lacht).

Sie haben auch mal Krach gehabt mit Regisseuren?

Es gab eine Uraufführung, die war schlichtweg indiskutabel. Das habe ich damals gesagt. Ich hoffe und denke, dass mir so etwas heute nicht mehr passiert. Ich schaue jetzt schon eher, wem ich eine Uraufführung gebe. Man kann der Person, die das damals gemacht hat, ja nicht mal einen Vorwurf machen, weil schon die Idee, ihr mein Stück zur Uraufführung zu geben, falsch war. Nur habe ich das leider zu spät gemerkt.

Gibt es Dinge, die Sie besonders nerven in diesem Zusammenhang?

Damals hat mich sehr geärgert, dass man mir die künstlerische Freiheit der Regie entgegengehalten hat – wobei diese Inszenierung eine reine Selbstbespiegelung der Regisseurin war. Ich habe mich immer gefragt, was dieser Freiheitsbegriff da zu suchen hat: Freiheit vom Text für wirres Bildergewusel mit Musiksoße? Für diese Art von Selbstinszenierung hätte es mein Stück nicht gebraucht. Aber man muss auch sagen, dass das in dieser Drastik ein Einzelfall war.

Liest Ihr Vater eigentlich auch mal Ihre Dramen? Sagt er etwas zu ihnen – oder haben Sie da ein Stillschweigeabkommen unter Autoren vereinbart?

Diese Frage erinnert mich ein wenig an meine Schulzeit, wenn Lehrer gefragt haben, ob die Eltern auch die Aufsätze gelesen haben. Manchmal, wenn ein Stück fertig ist, gebe ich es meinem Vater zu lesen.

Sie sind ja auch Schauspielerin, kennen das Theater mit seinen Gesetzmäßigkeiten von innen. Und er schreibt Prosa im Wesentlichen.

Ja, da ist ein Unterschied.

Haben Sie selbst mal Prosatexte geschrieben?

Die Prosatexte, die ich geschrieben habe, die wurden von mir immer ausgebaggert, ausgeschlachtet für irgendwelche Stücke (lacht).

Ein großer Freund von Autobiografischem sind Sie auch nicht?

Die Suche nach irgendwelchen autobiografischen Ostereiern in Texten interessiert mich wenig. Alles kommt aus dem Leben und verweist wieder aufs Leben, gerade das, was wir als grotesk bezeichnen. Natürlich ist in all meinen Figuren ein Anteil von mir selbst. Wie könnte es auch anders sein? Nicht umsonst bleiben ja gewisse Figuren immer wieder an einem hängen. Auch beim Personal von „Eine Stille für Frau Schirakesch“ gibt es wieder Verwandtschaften zu Figuren aus früheren Stücken. Auch der General könnte ein ferner Verwandter von jenem Prechtl sein, der in „Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm“ den Jüngeren die Welt erklärt.

Gibt es denn echte Generäle in Ihrem Leben?

Nein. Aber ein Freund meines Mannes war als Diplomat eine Zeit lang in Afghanistan. Davon ist sicher etwas in mein Stück hineingeschwappt. Auch die vielen Gesprächsrunden, die man in den letzten Jahren im Fernsehen erleben konnte, haben natürlich eine Rolle gespielt. Es fällt auf, dass der Sprachgebrauch zwischen Leuten, die im Krieg wirklich einen Einsatz hatten, und jenen anderen, die das aus moralischer Distanz verurteilen, kaum sprachliche Gemeinsamkeiten besitzen. Da herrscht eine Kluft, die unüberwindbar scheint, weil offenbar keine Sprache sie überwinden kann. Es gibt nur eine Entsetzensgrenze. In einer dieser unzähligen Talkshows sprach ein Militär einmal von „Einwirkungen“ und meinte damit Bombardements. Ich habe das in mein Stück übernommen, weil mich das beschäftigt hat. Es war schade, dass dieser Sprachgebrauch in dieser Fernsehrunde nicht weiter thematisiert wurde. Im Grunde müsste man sich zuerst einmal über die Sprache selbst verständigen. Man kann das ja nicht von der Sache trennen. Die Sprache bestimmt ja schließlich auch den Blick auf die Dinge.

Beobachten Sie missglückte Kommunikation auch jenseits von TV-Talkshows?

In gewissem Sinne ist ja jedes Gespräch, vor allem wenn mehrere in es verwickelt sind, immer auch ein Selbstdarstellungsgefecht. Die Selbstdarstellung beginnt schon in dem Moment, in dem man einem anderen über sich erzählt. Man wird dabei auch zum Schöpfer der eigenen Geschichte. Das kann auf der Bühne ein durchaus rührender Moment sein. Das haben vielleicht alle meine Figuren ein wenig gemeinsam, dass sie sich das Leben so daherreden, wie sie sich wünschen, dass es wäre. Ein Stück weit tun wir das ja alle. Das ist in meinem neuen Stück nicht anders.

Gibt es mit Ihren Schwestern Franziska, Johanna und Alissa auch gemeinsame Projekte?

Nein, Familie ist Familie, da braucht man miteinander nicht noch Projekte. Aber Franziska hat mal eine Uraufführung von mir gespielt.

Wie lange leben Sie schon in Freiburg?

Im August sind es fünf Jahre. Davor habe ich in Mannheim gelebt, oder sagen wir, in einer Mischung aus Mannheim und Berlin. Ich habe sieben Jahre in Berlin gewohnt. Mannheim war dann sozusagen mein langsamer Übergang in den Süden zurück.

Wie gefällt Ihnen Freiburg?

Diese Landschaft um Freiburg herum gehört wahrscheinlich zum Schönsten, was man auf der Welt sehen kann. Unglaublich, dieses unendliche Auf und Ab von Tälern, Hügeln, Bergen und dann wieder Weiten, wo man auf einmal bis hinüber nach Frankreich und fast hinab in die Schweiz sehen kann. Ich frage mich aber, ob so ein Idyllenparadies einen auch unter den Druck setzen kann, dass es einem einfach gut gehen muss. Und ob es einen nicht auch ein bisschen unzufrieden macht, wenn man ständig von einer solchen Schönheit erpresst wird, die einen geradezu zwingt, hier glücklich zu sein. Das hat ja auch etwas Zermürbendes. Während es in Mannheim und Ludwigshafen aus den Schloten qualmt. In undum Freiburg herum will die Schönheit immer bewundert werden. Das kann auch mürrisch machen. Nicht mal das Recht, unglücklich zu sein, hat man hier! (lacht).