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In Marseille wütet eine „Baby Connection“ – Täter im Drogenmilieu werden immer jünger Schüsse statt Drohungen

Von Birgit Holzer

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Waffen und Drogen finden Zoll und Polizei immer wieder bei Razzien in Marseille. Foto: dapdWaffen und Drogen finden Zoll und Polizei immer wieder bei Razzien in Marseille. Foto: dapd

Marseille. Sie werden immer jünger und ihre Konflikte immer brutaler. Das letzte Opfer war zugleich Täter und erst 16 Jahre alt. Jean-Michel, Drogenhändler in Marseille, wurde vor einigen Tagen mit Schüssen aus einer Kalaschnikow hingerichtet. Seit damit erstmals ein Minderjähriger an den Folgen erbarmungsloser Bandenkriege in Frankreichs zweitgrößter Stadt starb, geraten diese in den Fokus der Öffentlichkeit.

Einige Viertel vor allem im Norden von Marseille sind zu gefährlichen Pflastern geworden. Gilt die südfranzösische Hafenstadt seit Jahrzehnten als Umschlagplatz für Drogengeschäfte, so spielen sich hier seit etwa zwei Jahren Revierkämpfe mit vorher nicht gekannter Gewaltbereitschaft ab. In den vergangenen 18 Monaten starben bei 26 Schusswechseln 19 Menschen, die meisten waren noch unter 30.

In Anspielung auf die „French Connection“, einen berüchtigten französischen Händlerring, der bereits zwei Filmen ihren Titel gab, sprechen Fahnder und Medien von einer „Baby Connection“. Die Mitglieder sind sehr jung – als Späher eingesetzte Kinder verdienen 50 bis 100 Euro am Tag und damit mehr als ihre Eltern. Werden sie von der Polizei erwischt, haben minderjährige Ersttäter wenig zu befürchten. Die Clan-Chefs, oft ihre eigene Familie, nutzen das aus. Und: Die neuen Täter sind besonders skrupellos. Drohungen haben Taten Platz gemacht. „Früher war die tödliche Abrechnung das letzte Mittel der Banditen“, wird ein Polizist in einer französischen Zeitung zitiert. „Heute schießen sie, ohne lange zu zaudern.“ Die Jugendlichen tragen demnach kugelsichere Westen, haben Kalaschnikows und Handgranaten bei sich und verteidigen nach dem Modell amerikanischer Gangs ihr Revier.

Besonderes Aufsehen erregte der jüngste Vorfall, weil dabei ein Elfjähriger offenbar zufällig von drei Schüssen getroffen und schwer verletzt wurde. Das Kind war auf dem Weg ins Haus, vor dem sich das Drama abspielte. Besonders traurig: Auf den Aufruf des Staatsanwaltes, Zeugen sollten sich melden mit der Garantie, anonym zu bleiben, reagierte niemand. Marseilles Bürgermeister Jean-Claude Gaudin forderte polizeiliche Verstärkung, um eine weitere Eskalation zu verhindern. Innenminister Brice Hortefeux kündigte an, eine Sonder-Eingreiftruppe, Sicherheitshelfer und fünf spezialisierte Fahnder nach Marseille zu schicken. Eine Polizei-Operation mit fast 200 Einsatzkräften, begleitet von 30 Journalisten, sollte vermitteln, dass der Staat eingreife, um für Sicherheit zu sorgen. Gefunden wurden allerdings nur drei Kalaschnikows und ein paar Gramm Cannabis.

Punktuelle Maßnahmen reichten nicht aus, warnen Polizei-Gewerkschaften seit Monaten: Um das Problem nicht nur zu verlagern und die Netze, die sich stetig erneuerten, wirklich zu zerschlagen, seien langfristige Operationen notwendig. Durch Stellenstreichungen müsse die Polizei seit 2008 auf 250 Mann verzichten. Obwohl Präsident Nicolas Sarkozy Sicherheit als eine Priorität nenne, habe er auch die Polizei einem Sparzwang unterzogen.Zu ungleich sei der Kampf gegen die Banden, die Geld und Waffen, aber keine Skrupel haben, sagt Polizeisprecher Yves Robert. „In der nördlichen Gegend von Marseille bringt das Drogengeschäft 50 000 Euro pro Tag ein. Solange keine Gruppe die Herrschaft darüber gewinnt, werden die Morde weitergehen.“


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