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Netzwerke einschulen! Wie Lehrer und Schüler Facebook und Co. für den Unterricht in der Region nutzen

Von Michael Schiffbänker


Facebook reicht nicht, sagt Carsten de Groot. Facebook, das sei kurz erwähnt, ist in wenigen Jahren zu einem Konzern gewachsen, dessen Wert Experten auf 100 Milliarden Dollar schätzen. Laut Unternehmensangaben sind 845 Millionen Mitglieder in der Online-Plattform aktiv. Jeden Tag laden Menschen von überall auf der Erde mehr als 100 Millionen Fotos auf die Server der Community. Das Ding ist heiß, sagen Börsenmakler, und Gesellschaftsforscher nicken eifrig. Und jetzt kommt dieser de Groot und sagt: Reicht mir nicht. Was glaubt der eigentlich, wer er ist?

Carsten de Groot ist Medienpädagoge und für die Landesmedienanstalt als Leiter des Multimediamobils Südwest unterwegs in der Region. Er zeigt Lehrern, wie sie soziale Netzwerke für den Unterricht nutzen können. Nur eben nicht Facebook.

Dabei wäre das doch das Einfachste. Denn bei Facebook sind eh alle on, sagt Lars Altendeitering. „On“, das heißt so viel wie online, also gerade auf dem Portal aktiv. Da könne man prima Treffen mit Freunden abmachen, chatten und gucken, was die Kumpel von früher machen, fügt der 15-jährige Christian Pertz hinzu. Er geht wie Lars in die neunte Klasse der Friedensschule in Lingen – und in seiner Freizeit eben „auf Facebook“. Etwa 90 Prozent der 550 Haupt- und Realschüler der Friedensschule seien in dem Netzwerk angemeldet, mutmaßt Konrektor Jan Zevenhuizen. Er selbst ist ebenfalls on. Zevenhuizen hat 722 sogenannte Freunde in dem Netzwerk. Darunter sind viele Schüler. Mit einigen hat er Gruppen gegründet. Zum Beispiel mit seiner Klasse, der 9G. Die Gruppe ist nach außen geschlossen. Nur Mitglieder können dort Inhalte teilen und bekommen jede Mitteilung direkt auf ihr Profil. „Bei einer E-Mail könnten Schüler noch sagen, dass sie die nicht abgerufen hätten, aber bei Facebook ist jeder jeden Tag online“, sagt Zevenhuizen. Oder, um es mit den Worten seiner Schülerinnen Evelin Hoffmann und Laura Wierdemann zu sagen: Die klassische E-Mail ist schon fast wieder out. Einmal war für die erste Stunde ein Lehrer ausgefallen, erzählt Zevenhuizen. Am Tag zuvor ergab sich erst spät eine Vertretung. Also schrieb Zevenhuizen an die Gruppe und am nächsten Tag waren pünktlich 29 von 29 Schülern da.

Auch an der Domschule in Osnabrück nutzen manche Lehrer die Plattform. So chattet eine manchmal kurz mit ihren Schülern – natürlich auf Französisch, schließlich soll es ja etwas bringen. Und Lehrer Dietmar Hofschröer klärt dort manchen Termin mit den Mitgliedern der Schulband ab. Am Gymnasium Georgianum in Lingen haben das Comenius-Projekt und die Schülervertretung eigene Facebook-Seiten. Leider, sagt Lehrerin Miriam Machura, würden diese Seiten noch nicht so intensiv genutzt wie gewünscht. Ähnlich läuft es am Graf-Stauffenberg-Gymnasium-Gymnasium Osnabrück – nur ohne Lehrer: Die Redakteure der Schülerzeitung haben eine eigene Gruppe als Ideenbörse und zur Terminabsprache eingerichtet. Schülerin Annika Eußner nennt Facebook „ein zentrales Element zur Koordination“. Allerdings, schränkt sie ein, könnte die Gruppe ein persönliches Treffen nicht ersetzen. Inzwischen hätten andere Kurse das Modell übernommen, ein richtiger Trend sei das am GSG geworden. Nur die Lehrer machten nicht mit. Annika gefällt das. „Schließlich sollte beiden Seiten ein Maß an Privatsphäre erhalten bleiben.“ Das sehen auch viele Lehrer so. Manche sind sogar wieder aus dem Netzwerk ausgetreten. Einer löschte sein Profil, als Schülerinnen sich nach seiner persönlichen Situation erkundigten und ihn auf einen Kaffee treffen wollten.

An dieser Stelle setzt de Groot seine Kritik an: „Facebook lässt sich lässt sich schwer kontrollieren und administrieren.“ Deshalb erstellt er in Seminaren mit Lehrern eigene soziale Netzwerke. Die hätten zwar den „look“ und „feel“, das Aussehen und die Funktionen, des großen Bruders, seien aber in sich geschlossen und nur für Mitglieder zu erreichen. Ein Schutzraum, in dem die Schüler testen, wie sie sich im Netz präsentieren und wie sie miteinander umgehen wollen. Wenn de Groot darüber spricht, klingt das zunächst nach Online-Bunkern zum Trocken-Surfen, nicht nach einer Alternative zum größten sozialen Netzwerk. Doch genau das sollen die internen Netzgemeinschaften werden, wenn es nach de Groot geht. „Wenn es ans inhaltliche Arbeiten geht, gibt mir Facebook zu wenige Möglichkeiten“, sagt er. In den per Baukasten selbst erstellten Netzwerken chatten und stupsen sich die Schüler an wie in dem großen Bruder, gleichzeitig aber schreiben sie Blogs, basteln eigene Lexikon-Einträge zu Unterrichtsthemen, posten Karten und Videos, tauschen Links, chatten zu Sachfragen und lassen die Partnerschulen in aller Welt daran teilhaben.

Hört sich gut an. Zumindest in der Theorie. In der Praxis halten die meisten Lehrer Distanz. In der Grafschaft sind Fortbildungen zu diesem Thema bereits Bestandteil der Ausbildung. In Osnabrück hingegen steht die Zusammenarbeit mit der Landesmedienanstalt lediglich für die Lehramtsanwärter des Studienseminars für berufsbildende Schulen auf dem Lehrplan. Er halte es für unersetzlich, sich damit auseinanderzusetzen, sagt Seminarleiter Matthias Möllering: „Die Online-Plattformen haben Bedeutung für die jungen Menschen. Aber sie besitzen noch wenig Sensibilität für die Gefahren.“

Die Schulen müssen einen Weg finden, soziale Netzwerke in den Alltag einzubinden. Schulinterne Netzwerke wie IServ werden auf Dauer wohl nicht reichen. Diese arbeiten zwar funktional, gelten unter Schülern aber als uncool. Der 15-jährige Christian Pertz aus Lingen hält IServ sogar für unnütz. Schließlich seien Schüler viel häufiger und lieber bei Facebook.

Informationen für Schüler und Lehrer auf www.multimediamobile.de


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