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Im stummen Dialog mit der Natur

Dangast und Weltkunst? Im ersten Moment klingt das wie ein Gegensatz. Doch vor 100 Jahren zog das ganz besondere Licht an der Nordseeküste die expressionistischen "Brücke"-Maler Karl Schmidt-Rottluff, Erich Heckel, Max Pechstein und die Nachzügler Emma Ritter und Franz Radziwill in das damals dreihundert Seelen große Dorf am Jadebusen. Eine Spurensuche.

Zwei bläuliche, hölzerne Bettnischen, in der rechten eine nackte Frau, ein Bein lässig auf den Boden gestellt. In der Ecke ein roter Stuhl. Zwischen den Nischen ein kleines Schränkchen, mit einer Art Dach darauf. Über einem folkloristisch verzierten Schränkchen ein Bild, das Schmidt-Rottluff zeigt, den Mentor von Franz Radziwill. Ein Bild im Bild. "Mein Zimmer" heißt der schlichte Titel der aquarellierten Federzeichnung von 1923, die im Franz- Radziwill-Haus in Dangast zurzeit genau in dem Zimmer hängt, das sie zeigt.

Dort ist fast alles wie abgebildet. Nur der rote Stuhl steht in der Küche, und das Gemälde von Schmidt-Rottluff, dem Mentor Radziwills, hängt nicht mehr, wie in der Zeichnung, an der Wand. "Aus Geldnot hat es mein Vater in den sechziger Jahren verkauft", sagt Konstanze Radziwill, die Tochter des aus der Wesermarsch stammenden Malers. Mit ihrer Familie wohnt sie im Anbau des Hauses, der Rest ist seit 1987 ein Museum mit wechselnden Ausstellungen.

"Das Haus ist so, wie meine Eltern es verlassen haben", sagt die studierte Germanistin. "Eine gemauerte Biografie" nennt die 59-Jährige das kleine Fischerhäuschen in der Sielstraße drei, das ihr Vater 1923 erwarb. Mehr als 800 Bilder sind bis zum Tod des Künstlers 1983 hier entstanden. Die zum Maleratelier umgestaltete Diele, die dahinter- liegende Küche, die zwei kleineren Zimmer und die ehemaligen Stallanbauten atmen auch heute noch die Gegenwart Radziwills. Der Boden der Küche ist mit dunkelroten Klinkern gepflastert, ein Kreuzmotiv im Fußboden markiert das Zentrum des selbst gebauten Nestes. Mit blauweißen niederländischen Fliesen aus verschiedenen Jahrhunderten sind die Wände gekachelt. Wie bei seinen Bildern, bei denen Radziwill sich auch unempfindlich gegenüber kunsthistorischen Zeitfestlegungen zeigte und sie immer wieder munter übermalte, trug er auch hier Kacheln aus unterschiedlichen Jahrhunderten zusammen.

Kunst und Leben - eine Symbiose bei dem gelernten Maurer? "Ein zentrale Frage für meinen Vater war sicher, wie er sich sein Haus in der Welt baut", sagt Konstanze Radziwill. Ihr Vater tat dies mit Maurerkelle und Pinsel in seiner Wahlheimat.

1970 bekannte der Maler: "Kein Bild von mir ist ohne Dangast möglich." Von Karl Schmidt-Rottluff, erinnert sich Radziwills Tochter, erhielt er den Tipp, nach Dangast zu gehen. Schmidt-Rottluff, Erich Heckel, Max Pechstein, sie alle hatten zuvor, zwischen 1907 und 1912, einige Wochen in dem Kurort verbracht - angezogen von der Idylle, der rauen Küstenlandschaft und dem dort noch möglichen stummen Dialog mit der Natur. 1909 schrieb Schmidt-Rottluff: "Es ist unglaublich wie stark man die Farben hier empfindet, eine Intensität, wie sie kein Pigment hat, fast scharf für das Auge." Radziwill notierte Jahre später auf einer bemalten Postkarte ganz ähnlich: "Schwer und wuchtig wälzen sich die Farben des Frühlings hier in die Landschaft hinein." Und: "Hier habe ich einen Himmel, der stündlich die Farben wechselt."

Treffpunkt der Künstlerszene war damals wie heute das Alte Kurhaus, das auf einem Geestrücken in Hafennähe gebaut ist. Der Besitzer Karl August Tapken hat die meisten Künstler noch selbst erlebt. "Vater erzählt oft, dass seine Oma und ihre Schwester dabeisaßen, als Heckel den in einem Liegestuhl schlafenden Pechstein gemalt hat", erinnert sich die Tochter Maren Tapken. Damals, sagt die 33-jährige Kulturpädagogin, hätten die beiden Dangasterinnen darüber gelacht, dann wurden die Bilder sehr teuer verkauft. "Darauf hat meine Urgroßmutter gesagt: Du darfst nie einen Künstler abweisen, denn du weißt nicht, was daraus wird."

Ein Ratschlag, den die Familie Tapken beherzigt. Die Bilder der Expressionisten treffen im großen Saal des Gasthaues auf Gegenwartskunst, die zwar nicht mehr für die Weltkunst, dafür aber für den Fischerort prägend ist. Von der Terrasse hat der Besucher einen wunderbaren Blick auf die Plastik "Die Jade" des Künstlers Anatol, eines Schülers von Joseph Beuys, und den im Meer platzierten Kaiserstuhl des Künstlers Butjatha. Die Kunstwerke sind Teil des Dangaster Kunstpfades.

Ein weiterer Anlaufpunkt für Kunstsuchende ist die Villa Irmenfried. Sie liegt versteckt in der Nähe des Alten Kurhauses. Willy Hinck, der in seinen Bildern die Küstenlandschaft darstellte, lebte von 1950 bis zu seinem Tod 2002 hier. In den drei Atelierräumen arrangiert seine Tochter Ulrike Hinck jährlich die Bilder ihres Vaters neu.

"Vater hat das Licht hier geliebt, und für mich ist Dangast auch ein magischer Ort", sagt sie. Einer, der zwar in seiner Bekanntheit und Bedeutung nicht an eine Künstlerkolonie wie Worpswede heranreicht, aber eine Entdeckungsreise lohnt.


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