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Die Nacht-Forelle mutierte zum Frei-Fisch

Der Popocatepetl liegt nicht in Kanada, sondern in Mexiko. Für diese tiefschürfende Erkenntnis bedurfte es am Sonntag keiner Geografiestunde. Vielmehr führte der Meller Madrigalchor sein Publikum mit "Witz nach Noten" von Málaga bis Yokohama. Der landeskundliche Sprechgesang aus der Feder von Ernst Toch krönte mit Humor und Präzision das Konzert in der Feierhalle Grönenburg.

Ein spritziges und abwechslungsreiches Musikvergnügen hielten die Sängerinnen und Sänger unter der Leitung von Urs Borer für die Besucher bereit. Als heiteres Sammelsurium Klang gewordener Anspielungen entpuppte sich dabei Johann Sebastian Bachs kompositorisches Fragment "Quodlibet", das mit geistreicher Finesse die kompositorische Sau in Form oktavierter Melodieführung durchs Dorf trieb. Mit Klang gewordener Ironie blickte Franz von Suppé auf "Die Beichte": Als Beichtvater fieberte Felix Rußwinkel (Bariton) den sündig-süßen Enthüllungen entgegen, die Sopran Sarah Weller mit unschuldigem Augenaufschlag zu Protokoll gab.

Vom Beichtstuhl ans Dirigentenpult - Felix Rußwinkel bewies gleich mehrfach seine schauspielerischen Qualitäten. Franz von Suppés "Ländliche Konzertprobe" stellte dabei die Nerven des verhinderten Genies auf eine harte Probe. Der Madrigalchor verwandelte sich für den ehrenvollen Besuch kurzerhand in ein - vom Publikum zu Recht gefeiertes - Behelfsorchester. Angesichts der quäkenden Oboen, jubilierenden Flöten und tiefgründigen Hörner stimmten die Konzertbesucher bereitwillig in den Lobgesang ein: "Wahrlich reizend, wunderlieblich!"

Er grünt und sticht seit Jahrzehnten mit ungebrochener Beliebtheit: Der "kleine, grüne Kaktus" durfte auf der Fensterbank des Madrigalchors natürlich nicht fehlen. "Träum ich oder wach ich?" Mit bemerkenswerter Bühnenpräsenz und stimmlichem Ausdruck wandelte Erwin Vogt (Bass) zwischen Freude und Zweifel. Schließlich sind die "Fünftausend Taler", die Albert Lortzing dem vermeintlichen Wildschütz anbieten lässt, eine geradezu fürstliche Abfindung für seine Braut. Mitreißend ausgestaltete Zukunftsvisionen befielen den Schulmeister angesichts des unverhofften Geldsegens.

Derweil ist die Lebensfreude der "Launigen Forelle" nur von kurzer Dauer. Den wohl bekanntesten Fisch der Musikgeschichte ließ Franz Schöggl mit kompositorischem Witz durch internationale Gewässer schwimmen. Gekonnt folgte der Madrigalchor dem Flossenträger von Wien bis an die Wolga. Die Begegnung mit Mozart verwandelte die Forelle dabei unversehens in eine heitere "Nacht-Forelle". Gravitätisch schwamm sie an der Seite Beethovens durch tiefe Gründe, um gleich darauf, dem Jagdtrieb folgend, zum Weber'schen "Frei-Fisch" zu mutieren.

Auf Samtpfoten schlichen unterdessen Sarah Weller und Felix Rußwinkel über die Bühne: Gioacchino Rossinis "Duett zweier Katzen" führte mit szenischer Ausgestaltung durch das ganze Spektrum der Gefühle. Gelangweilt, gefesselt, eifersüchtig, schmeichlerisch miauten sich die sangeskräftigen Stubentiger in die Herzen ihres Publikums. Ihm bescherte der Madrigalchor gemeinsam mit seinen Solisten und Urs Borer am virtuos geführten Klavier ein erfrischend-heiteres Musikvergnügen. Doch ohne Fleiß kein Preis - Albert Lortzings "Singschule" gab deshalb zum Abschluss noch einmal Einblick in die turbulente Probenzeit.


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