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"Wer sich verletzt fühlt, muss abschalten"

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Tatort "Passion", ARD, Sonntag, 20.15 Uhr

Von Karsten Strauß

Osnabrück.
,,Geschmacklosigkeit", ,,Blasphemie´" - selten zuvor wurde ein ,,Tatort" schon vor seiner Ausstrahlung insbesondere von den Kirchen schwer unter Beschuss genommen wie die morgige Folge ,,Passion". Grund für die Kritik unter anderem seitens der Deutschen Bischofskonferenz ist eine zentrale Szene: Das Mordopfer, der Jesus-Darsteller der alle acht Jahre stattfindenden Passionsspiele, wird gekreuzigt. Der Tiroler Autor Felix Mitterer hatte den Handlungsort des ORF-Tatorts mitten in seine Heimat verlegt, gedreht wurde am Mieminger Plateau, wo einst auch ,,Der Bergdoktor" entstand. Neben Harald Kranssnitzer als Kommissar Eisner und Sophie Rois als seine Kollegin Roxane Aschenwald spielt in diesem ,,Heimat-Krimi" auch ein weiterer prominenter Österreicher mit: Dietmar Schönherr. Er verkörpert den Bürgermeister des Bergdorfs und Vater des Ermordeten. Mit unserer Zeitung sprach er über Kirche und Krimis.

Herr Schönherr, tiefer Glaube und religiöser Wahn spielen im Tatort ,,Passion" eine wichtige Rolle. Welche Rolle spielt der Glauben in ihrem Leben?
Schönherr: Eine sehr große Rolle, weil meine ganze Arbeit für Nicaragua aus einem christlichen Verantwortungsgefühl kommt. Ich wurde katholisch erzogen und meine Eltern, meine ganze Familie, sind sehr gläubige Leute.

Sie sind aber auch ein Querdenker. Jemand, der sich durchaus seinen eigenen Kopf leistet?
Schönherr: Ich finde nicht alles gut, was die katholische Kirche macht. Aber trotzdem gehöre ich dazu und natürlich kritisiere ich diese und jene Dinge. Aber wenn man einmal katholisch aufgewachsen ist, wird man das nie mehr los.

Wie beurteilen Sie denn die Kritik der Kirchen an der Kreuzigungszene in ,,Passion"?
Schönherr: Eine Kreuzigung ist immer eine ganz heikle Geschichte. Aber ich denke, dass man zwischen Realität und Fiktion unterscheiden kann. Der Tatort ist letzten Endes ein Krimi. Es ist kein Dokumentarspiel. Aber jemand, der im Glauben gefestigt ist, wird das überhaupt nicht stören, weil er sagen wird, ,,na ja, das ist eine fiktive Geschichte".

Als Sie das Drehbuch des Tatort gelesen haben, konnten Sie sich vorstellen, dass es sich um ein so ein sensibles Thema handelt?
Schönherr: Dass es heikel ist, war mir völlig klar. Österreich ist ein sehr katholisches Land. Dort ist der Tatort ohne nennenswerte Proteste gelaufen. Aber wenn sich jemand in seinen religiösen Gefühlen verletzt fühlt, muss er es halt abschalten.

Für Sat.1 und das ZDF haben Sie Krimis gedreht, jetzt ist der Tatort dran. Was ist so spannend daran für einen Schauspieler, in einem Krimi mit zu wirken?
Schönherr: Ich habe im letzten Jahr den King Lear gespielt und dann sind solche Krimis Fingerübungen. Sie sind ganz amüsant, haben aber lange nicht dieses Gewicht wie ein Shakespeare.

Ihre Kollegin Nina Petri hat sich jüngst darüber beklagt, dass immer mehr ,,Zlatkos" und Soap-Stars mit schönen Gesichtern als Schauspieler das große Geld verdienen, ohne wirklich Schauspieler zu sein. Ärgert Sie das?
Schönherr: Das ist ein Trend unserer Zeit. Für gute Schauspieler wird es immer einen Platz geben und für gute Gesichter auch.

Sind diese ,,Kollegen" keine Konkurrenz?
Schönherr: Also nein. Leute in meinem Alter fürchten keine Konkurrenz.

Ein mutiger Satz - oder Altersabgeklärtheit?
Schönherr: Na ja, wenn jemand so einen alten Zausel wie mich braucht, holt er mich oder einen Kollegen meiner Altersklasse. Da gibt es wenig Laien, die da irgendeine Rolle spielen.

Noch einmal zum Tatort. Sie sind geborener Österreicher...
Schönherr: Ich bin Tiroler. Ich bin der einzige Tiroler überhaupt in diesem ganzen Passionsstück.

...und spielen einen sehr heimatverbundenen Tiroler. Was empfinden Sie für das Österreich Jörg Haiders?
Schönherr: Das ist natürlich eine außerordentlich schwierige Situation, die mir persönlich überhaupt nicht gefällt. Ich weiß leider auch nicht, wie man aus diesem Dilemma wieder herauskommt. Die Politiker schon gar nicht.

Werden Sie sich jetzt in Österreich politisch engagieren?
Schönherr: Nein, ganz bestimmt nicht. Ich bin nicht in der Lage, an der Situation, die auf demokratischem Weg entstanden ist, irgend etwas zu ändern. Das ist einfach die Folge davon, dass man die Nazi-Vergangenheit nie wirklich verarbeitet hat. Und das ist eigentlich der Grund, warum Haider überhaupt so viele Stimmen bekommen konnte.

Harald Krassnitzer ist bekennender Österreicher. Was bedeutet die alpenländische Heimat für Sie?
Schönherr: Für mich bedeutet Sie sehr viel. Ich habe meine Wurzeln dort. Das ist für mich der Inbegriff von Heimat, aber ganz ohne irgendwelche Volkstümelei. Ich bin einfach dort her und gehöre dort hin.

Und trotzdem wohnen Sie nicht dort...
Schönherr: Nein, ich wohne in der Schweiz weil ich dort 15 Jahre am Schauspielhaus war und dann einfach geblieben bin. Irgendwie hört man auf, in der Welt herumzuziehen.


Dietmar Schönherr...
...wurde am 17. Mai 1926 als Sohn eines Generals in Innsbruck geboren. Mit seinen Eltern siedelte er nach Potsdam über, wo er 1943 das Abitur machte. Seine erste Filmrolle erhielt er im Ufa-Durchhaltefilm ,,Junge Adler". Nach Kriegsdienst, und Gefangenschaft nahm Schönherr kurz ein Architekturstudium auf, das er wegen eine Filmangebots (,,Wintermelodie") abbrach. Bis 1955 arbeitete er als Sprecher, Regisseur, Reporter und Schauspieler bei ORF, später beim WDR. Schönherr wirkte seit seinem Durchbruch mit ,,Rosenmontag" in zahlreichen Filmen mit. Im Fernsehen wurde er als ,,Commander McLane" der ,,Raumpatrouille" und als Moderator der Quiz-Reihe ,,Wünsch Dir was" bekannt. Der Schauspieler engagierte sich in den 80er Jahren politisch für die Friedensbewegung und nahm auch an einer ,,Prominenten-Blockade" des US-Stützpunktes Mutlangen teil. 1985 rief er die Stiftung ,,Hilfe zur Selbsthilfe" ins Leben, die Entwicklungsprojekte in Nicaragua unterstützt.


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