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Die „Köln-Flocken“ werden trockengelegt

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Ein Dreivierteljahr ist es her, dass in Köln das Stadtarchiv einstürzte. Zwei Menschen starben, Tausende wertvoller Bücher und Dokumente versanken im Schutt. Die juristische Aufarbeitung des Unglücks hat gerade erst begonnen, und auch sonst ist die Katastrophe längst nicht bewältigt. So arbeiten Fachleute nach wie vor fieberhaft an der Rettung des beschädigten Archivguts.

Einer der Orte, an dem die verschmutzten und feuchten Dokumente aufbereitet werden, ist die Restaurierungswerkstatt des Westfälischen Archivamtes in Münster. 19 Tonnen an Büchern und Akten haben die Mitarbeiter der Werkstatt schon vor der Zerstörung bewahren können. Bereits eine Woche nach dem Unglück am 3. März waren in Münster erste Archivalien eingetroffen. Seitdem laufen die Maschinen, in denen die feucht gewordenen Dokumente getrocknet werden, rund um die Uhr.

„87 Behälter mit je einem Kubikmeter an Dokumenten sind inzwischen trocken, 18 stehen noch aus, Anfang Januar wollen wir fertig sein“, sagt Birgit Geller, die verantwortliche Restauratorin. Nach und nach holen Geller und ihre Kollegen die Pergamentbündel und Bücher aus einem Kühlhaus in Everswinkel zwischen Münster und Warendorf. Dorthin wurde sofort nach dem Unglück ein großer Teil der Dokumente gebracht, um ihn bei minus 25 Grad einzulagern. „Das Tieffrieren diente dazu, Schimmelbildung und Verklebungen vorzubeugen“, erläutert Geller.

In Münster werden die Dokumente in einer Anlage getrocknet, die Ähnlichkeit mit einem normalen Gefrierschrank hat. Innen werden die Akten einem Vakuum ausgesetzt, das Eis geht dabei vom festen sofort in einen gasförmigen Zustand über. Das Gas wird abgesaugt, übrig bleiben trockene Seiten. „Die meisten Sachen sind innerhalb von zwei bis vier Tagen trocken, nur einige richtig nasse Dokumente brauchen bis zu zwei Wochen“, sagt Geller. Warum die Dokumente nicht einfach mittels eines warmen Gebläses getrocknet werden? Dies sei keine Alternative, antwortet die Münsteraner Expertin. „Das würde Ränder auf dem Papier verursachen und ganz schnell zu Schimmelpilzbefall führen.“

Nach der Trocknung werden die Akten oberflächengereinigt. Das geschieht unter Reinraumbedingungen, hinter einer Abzugshaube. Gefährliche Beton-Feinstäube und Sporen sollen nicht in die Luft gelangen. Zuständig für das Säubern ist Heinrich-Wilhelm Stuchtey. Seite für Seite muss er umblättern und kontrollieren – eine mühselige Arbeit. Doch Stuchtey will nicht klagen. „Ich habe ja einen MP3-Player“, sagt er, spricht’s, stöpselt die Kopfhörer ein und bürstet weiter.

Die größte Aufgabe steht noch den Mitarbeitern des Kölner Stadtarchivs bevor. Wenn alle Dokumente getrocknet und gereinigt sind, müssen sie das Chaos ordnen. Da die Bergungsarbeiten schnell über die Bühne gehen mussten, blieb keine Zeit, um das Archivgut zu ordnen. So landeten wertvolle Handschriften aus dem Mittelalter im gleichen Container wie Akten aus den 50er-Jahren oder der napoleonischen Zeit.

Und dann ist da auch noch der Riesenberg an Papierfetzen und Schnipseln. Entstanden, als bei dem Einsturz viele Dokumente in Einzelteile zerrissen. Von den Fachleuten werden die Schnipsel in einer Mischung aus Entsetzen und Sarkasmus „Köln-Flocken“ genannt. „Zusammen mit der Birthler-Behörde wird jetzt versucht, ein Computersystem auf die Beine zu stellen, das in der Lage ist, die Schnipsel zu erkennen und zusammenzufügen“, so Geller. Eine bereits für die zerschredderten Stasi-Akten entwickelte Software könne nicht einfach auf die Kölner Fragmente angewendet werden. „Bei den Stasi-Akten haben Sie Maschinenschrift und gerade Kanten, viele der Kölner Fragmente sind dagegen handschriftlich und haben Risskanten.“ In Münster geht die Wiederherstellung der Dokumente dem Ende entgegen. In Köln hat sie gerade erst begonnen.


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