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Documenta im Pocket-Format

MARTa schweigt - allerdings ziemlich laut. Denn es ist nicht so, als hätte Jan Hoet die Türen seines Herforder Hauses mit einem riesigen Leukoplast-Streifen wie einen imaginären Mund fest verschlossen. Statt dem durch Documenta, Skulptur-Projekte und Biennale hochgedrehten Kunstsommer einfach in die Ferien zu entfliehen, lärmt der MARTa-Leiter kräftig mit. Denn "MARTa schweigt" ist eine ambitionierte Schau, in der Hoet mit großen Namen von Beuys bis Warhol, Nam June Paik oder Gerhard Richter aufwartet und sich obendrein über die lokale Debatte um das Museum lustig macht.

Vor allem stellt sich die Frage, ob der als Leiter der Documenta 9 von 1992 ausgewiesene Hoet mit seiner Ausstellung nicht vorwegnimmt, was Roger M. Buergel seiner Documenta 12 als zentrale Leistung zuweist - nämlich unter dem Stichwort "Migration der Form" dem von Theoriekonstrukten befreiten Dialog der Werke selbst neuen Raum zu eröffnen. Diesem Programm entspricht schon jetzt Jan Hoets Raumregie, die Exponate in einem einzigen, stillen Gespräch miteinander vernetzt. Dass der kuratierende Museumsdirektor dabei kräftig am Lautstärkeregler drehen muss, allein schon um gegen die mächtig aufrauschende Architektur von Frank O. Gehry anzukommen, ist nicht der einzige unausweichliche Widerspruch dieser Ausstellung.

Wer vom Schweigen einen Begriff geben will, muss reden. In die Sphäre der Objekte übersetzt: Nur wer etwas zeigt, kann die Leere begreifbar machen. Dieses aufschlussreiche Paradox lässt sich in der Ausstellung auf vielfache Weise durchdenken. Etwa mit Hiroshi Sugimotos Fotos von leeren Kinoleinwänden, Susanne Tunns tonnenschweren, leider nur vor dem Museum platzierten Steinskulpturen oder - welcher Kontrast der Dimensionen - dem unscheinbaren Blatt, in dessen Weiß Joseph Kosuth einen zweizeiligen Lexikoneintrag klebte. Das Stichwort: "nothing". Allein der Blick auf diese Exponate macht aber auch deutlich, wie sehr der Fokus der Schau wandert, statt unverrückbar in deren Mitte fixiert zu sein. Schweigen, Stille, Leere, Abwesenheit: Es geht um vielfältige Erscheinungsformen des Minimalen.

Es mag kein überraschend neuer Gedanke sein, dass die äußerste Grenze der Reduktion auf mancherlei Weise sichtbar gemacht werden kann. Jan Hoet und seine Kuratoren entwickelten jede Menge Spürsinn und Feingefühl, um dies im Ausstellungsraum zum Erlebnis werden zu lassen. Anselm Kiefers "Grabmal des unbekannten Malers", ein Morandi-Stillleben, eine Filmspule, von Beuys im Filzkubus versenkt, dazu ein Steinkreis von Richard Long oder Paiks "TV-Buddha" - der Reigen der Exponate nimmt nicht nur Jan Hoets Herforder Eröffnungsschau "My private Heroes" wieder auf, sondern wirkt als erlesene Namensliste auch wie eine Documenta im Kleinstformat. Dass ausgerechnet Andy Warhols "Electric Chair"-Serie hier wie ein Fremdkörper wirkt - man kann es verschmerzen.

Dafür entschädigt allemal Jan Hoets mit viel Ironie gewürzte Angriffslust. Denn mit Martin Kippenbergers "Modell Interconti" - ein graues Gerhard-Richter-Bild als Tischplatte missbraucht - persifliert er die Erwartungen der regionalen Möbelindustrie, das MARTa möge Impulsgeber des Designs sein. Und mit einer angehängten Präsentation etruskischer Keramik spielt er auf Forderungen an, die in der hitzigen Debatte um Defizite im Museumsbudget laut geworden waren. Damals war verlangt worden, das Haus für Gegenwartskunst solle mit altägyptischen Exponaten mehr Publikum erreichen. Statt Rummel gibt es jetzt Stille. Und mitten im Herforder Schweigen hören wir vor allem eines - Jan Hoets Gelächter.


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