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840 Kilometer von Brögbern bis Langenbielau

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Der Baustil des Hauses in der Heinrich-Voss-Straße in Lingen-Brögbern erinnert an eine Burg. Oben auf dem Bergfried weht die schlesische Flagge, ein hölzerner Wegweiser an der Mauer des Turmes trägt die Aufschrift "Nach Langenbielau 840 km". Neben der Eingangstür steht auf einem kleinen Schild "Burg Leuchtenberg".

Hausherr oder besser "Burgherr" ist Gärtnermeister Johannes Leuchtenberger, der sich als "bekennender Schlesier" bezeichnet und in seinem großräumigen Haus die Erinnerung an seine Heimat, aus der er mit seiner Mutter und vielen Landsleuten vor fast 60 Jahren vertrieben wurde, lebendig hält.

Wohin das Auge in den mit viel Grün und vielen prachtvollen Blumen ausgestatteten Räumen auch blickt: Schlesien, und vor allem die Heimatstadt der Eheleute Leuchtenberger, Langenbielau (polnisch Bielawa), ist allgegenwärtig in zahllosen Büchern und Bildern, Landkarten und Akten, Urkunden, Dokumenten und Zeitungsberichten, Plaketten und Andenken.

Seltene Exemplare wie beispielsweise die Originalchroniken der Städte Langenbielau und Reichenbach im Eulengebirge. Johannes Leuchtenberger hat sie nachdrucken lassen und mit rund 3000 nachproduzierten Heimatbüchern in alle Welt an Landsleute verschickt. Viele haben es ihm mit herzerweichenden Briefen gedankt.

"Vieles geht in der Welt verloren, weil man es zu schnell verloren gibt", steht auf einer Schrifttafel zwischen alten Büchern. Dieses Goethe-Zitat ist für den Schlesier Johannes Leuchtenberger zur Lebenseinstellung geworden. Konsequent benutzt er, wenn er aus seiner Heimat erzählt, die urdeutschen Namen der Städte und Dörfer. Und um Langenbielau nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, war er vor vielen Jahren der Initiator der Partnerschaft zwischen Lingen und der schlesischen Stadt. Er engagiert sich in der schlesischen Mundartgruppe.

Und in der vor 51 Jahren gegründeten "Hohen Eule", das Heimatblatt für die Stadt und den Kreis Reichenbach im Eulengebirge, das Landsleute in aller Welt erhalten, ist er regelmäßig mit Beiträgen und Bildern präsent. In dem Buch "Schlesische Heimatstübchen in der Bundesrepublik Deutschland" wird das Haus Leuchtenberger als "Heimatstübchen" vorgestellt. Zahlreiche Interessenten haben diese Fundgrube schlesischer Geschichte aufgesucht.

Leuchtenberger ist sicher: "Es gibt keinen Zweiten, der so viel an historischem Material aus Langenbielau und Umgebung zusammengetragen hat wie ich."

1972 ist er mit seiner Ehefrau, mit der er in Langenbielau die Volksschulbank gedrückt hat und mit der er seit 57 Jahren verheiratet ist, zum ersten Mal in seine schlesische Heimat zurückgekehrt. Seitdem besuchen sie ihren Geburtsort jedes Jahr. Vor Ort werden die Erinnerungen an Kindheit und Jugend und auch die schrecklichen Erlebnisse der Vertreibung besonders lebendig.

Als 18-Jähriger wurde Johannes Leuchtenberger zum Kriegsdienst einberufen, 1945 kehrte er zurück und übernahm die elterliche Gärtnerei. 1946 wurden er und seine Mutter (die Geschwister lebten mittlerweile im Westen) aus dem Dorf vertrieben: Fußweg zum Bahnhof, dann eine Woche lang mit weiteren 1500 Flüchtlingen im Eisenbahnwaggon in Richtung Grenze unterwegs.

Von Helmstedt aus kam man in den Kreis Lingen. In Brögbern baute er sich eine eigene Existenz auf, gründete ein Notkonto für hilfsbedürftige "Heimatverbliebene". Im Jahre 2001 erhielt Johannes Leuchtenberger das Bundesverdienstkreuz: Nicht zuletzt auch eine Auszeichnung für seinen Mut, mit dem er nach wie vor die Vertreibung von Menschen aus ihrer Heimat öffentlich anprangert.


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