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Die großen Unbekannten

Entstanden ist die Idee vor zwei Jahren in einem Wiener Kaffeehaus. Damals kamen Michael Dreyer und Nader Mashayekhi auf die verrückte Idee, das Tehran Symphony Orchestra zum Morgenland Festival nach Osnabrück einzuladen. Mittlerweile scheinen bürokratische Hürden überwunden und politische Klippen umschifft. Am Sonntag, 20. August, eröffnet das Orchester das Festival.

Es ist heiß. Nicht so wie draußen auf den Straßen von Teheran, wo schon um halb zehn Temperaturen von über dreißig Grad und der Benzingestank der 16-Millionen-Stadt die Luft zum Flimmern bringen. Hier, im dritten Stock der Rudaki-Foundation, ist es wesentlich erträglicher, und dennoch fächeln sich die Musiker auf dem Podium des Konzertsaals mit ihren Notenmappen Luft zu. "Wir machen gleich Pause", kündigt Dirigent Nadar Mashayekhi an. Doch zuvor gibt es noch ein paar Takte aus Peter Tschaikowskys Ouvertüre "Romeo und Julia".

Die Anstrengung ist nicht zu überhören. Die Celli quälen sich und wollen bei einer zweistimmigen Kantilene nicht recht zusammenfinden. Das Blech kiekst, der Mann an den Becken hat seine Not mit dem vertrackten Rhythmus - das Orchester ist nicht in seiner besten Verfassung. Kein Wunder: Die Musiker sind eigens aus dem Urlaub angereist, um den Reportern aus Deutschland Futter zu geben. Ein Zeichen für hohes Engagement.

Klassische Musik gilt im Iran als elitäre Kunst für ein ebenso elitäres Publikum. Zwar gibt es 28 Jahre nach der Revolution genug Publikum, um die 700 Plätze im Konzertsaal regelmäßig zu füllen. Aber die Zuhörer haben kaum Erfahrung mit klassischer westlicher Musik, und wer auf den Straßen nach dem Tehran Symphony Orchestra fragt, erntet nur Kopfschütteln. Kaum jemand kennt das Orchester. Waren zu Schah-Zeiten noch Domingo und Karajan, Stockhausen und Maurice Béjart zu Gast, gibt es jetzt ein klassisches Konzert proMonat - höchstens. Nicht viel für eine Stadt, in der doppelt so viele Menschen wohnen wie in ganz Niedersachsen.

So sieht Nader Mashayekhi seine dringlichste Aufgabe darin, das Orchester im Bewusstsein der Öffentlichkeit zu verankern. 28 Programme will er deshalb in der nächsten Spielzeit erarbeiten. Außerdem will er die Qualität des Orchesters steigern, und das hat wie überall auch mit Geld zu tun: Das Salär der Musiker wurde auf 280000 Toman monatlich erhöht, umgerechnet 280 Euro. "Die Musiker sollen wenigstens genug zum Leben haben", meint Mashayekhi. Jeder Nebenjob geht auf Kosten der Konzentration und damit auf Kosten musikalischer Qualität. Dabei sitzen junge, begeisterte Musikerinnen und Musiker vor Mashayekhi. Wie ihre Kollegen in aller Welt haben sie vor allem ein Hobby: Musik. Was sie zu Hause spielen, hat allerdings mit Klassik wenig zu tun.

Geigerin Aida Nosrat zum Beispiel hat den Jazz im Stil des französischen Jazzgeigers Stéphane Grappelli für sich entdeckt. "Mein Mann brachte mich dazu", erklärt die Endzwanzigerin und lächelt mit dem bezaubernden Charme eines jungen Mädchens. Ihre Kostprobe überzeugt: Mit ernsthaftem Gesicht setzt sie die Geige an und beginnt zu swingen. So wie sie spielt und dazu mit dem Fuß wippt, möchte man glauben, sie sei froh um jeden Ton, den sie vor Zuhörern spielen kann. Denn Jazz hat es in Teheran noch schwerer als Klassik. Nur selten gastieren Musiker aus Frankreich oder aus der Schweiz in der Niawaran-Halle, und Auftrittsmöglichkeiten für einheimische Musiker sind noch seltener.

Ali Reza, der 27-jährige Trompeter des Orchesters, fährt deshalb nach Eriwan im benachbarten Armenien. In den Jazzclubs dort findet er den Austausch mit anderen Musikern, der in Teheran fehlt. Dort holt sich Ali Impulse für seine locker zusammengewürfelte Band, mit der er kubanische Musik spielt, oder für seine Hip-Hop-Formation.

Die Musiker genießen den frischen Wind, den Nader Mashayekhi in das Orchester gebracht hat. "Vieles ist besser geworden, seit er uns dirigiert", sagt Mahmaz Sahebjam, eine junge Geigerin, die in ihrer Freizeit sechssaitigen E-Bass spielt und Filmmusik komponiert. Das tut sie allerdings vor allem für die Schublade: Während die jungen Frauen im Orchester als gleichberechtigte Kolleginnen sitzen, hat sie es als Komponistin schwer, sich gegen die männliche Konkurrenz zu behaupten.

Auch Fereydoon Zarrinball sieht das Orchester im Aufschwung. Der 62-Jährige Bratscher muss es wissen: Seit 25 Jahren gehört er zum Orchester, hat es nach der Revolution wieder mit aufgebaut. Ein klägliches Häuflein von zwölf Musikern war damals übrig geblieben - die ausländischen Musiker mussten den Iran verlassen; der Klangkörper kam in arge Bedrängnis. "Erst zehn Jahre später hatten wir wieder genug Kräfte für große Symphonik gesammelt", erinnert sich Zarrinball.

Das größte Problem sind die alten Instrumente. Nicht alle besitzen, so wie Bratscher Zarrinball, ihr eigenes Instrument. Die Kontrabässe sind abgespielt, die Harfe stand lange unbrauchbar im Büro des Dirigenten. Doch Nader Mashayekhi hat die Herausforderung namens Tehran Symphony Orchestra angenommen. Und trotz aller Widrigkeiten verfügt er über ein kostbares Gut: seine begeisterungsfähigen jungen Musiker. "In Persien sind alle sehr fanatisch - auch die Musiker", sagt er. "Wer sie hört, wird festellen, dass Mozart in Wien unterschätzt wird."


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