Interview Flugreisen: Angst und Scham werden die Welt nicht retten


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Osnabrück. Flugangst, Flugscham, Klimawandel: Verena Kantrowitsch ist Diplom-Psychologin und hat ein Buch über Flugangst geschrieben. Als Klimaschützerin ist Flugscham aber auch ein Thema für sie. Ein Dilemma?

Noch vor meinem ersten Treffen mit Verena Kantrowitsch weiß ich, dass wir drei Dinge gemeinsam haben: Wir wollen mehr Klimaschutz, wir reisen gerne und wir haben Flugangst. Kürzlich kam Verena aus dem Urlaub zurück, flog von Kreta nach Düsseldorf. Zur selben Zeit fand der internationale Klimastreik statt, zu dem die Fridays for Future-Bewegung aufgerufen hatte und an dem auch ich teilnahm. Zusammen mit 15.000 Menschen protestierte ich auf dem Münsteraner Schlossplatz für mehr Klimaschutz. Vier Wochen später hob mein Flieger ab nach Albanien.

Dieses Dilemma belastet mich und darüber möchte ich mit Verena Kantrowitsch sprechen. Sie ist Klimaschützerin, Psychologin und Autorin. Ihr Buch „Ich kann fliegen!“ handelt von ihrer eigenen Flugangst und davon, wie sie sie überwunden hat. Bei einer Tasse fairem Kaffee mit Hafermilch im Inklusionscafé unterhalten wir uns über Flugangst und Flugscham.

Liebe Verena, wie war dein letzter Flug: beängstigend, entspannend oder schambehaftet?

Den Flug habe ich sehr genossen. Ich saß am Fenster und war sehr aufmerksam. Ich wollte alles um mich herum wahrnehmen und habe einfach versucht, den Flug zu genießen, weil das Fliegen in meinen Leben ein seltenes Ereignis sein soll. Für mich ist Fliegen keine Selbstverständlichkeit. Angst hatte ich nicht.

Oh je, fliegen und genießen, das passt für mich nicht zusammen. Ich bin jedes Mal, wenn ich ins Flugzeug steige, davon überzeugt zu sterben. Dabei weiß ich es eigentlich besser: Eine Flugreise ist weniger gefährlich als jede Radtour oder Autofahrt. Warum dringen diese Fakten nicht zu mir durch?

Vielleicht hast du dich noch nicht genug mit deiner Angst auseinandergesetzt. Dass du diese Fakten kennst, ist aber erst einmal eine gute Erkenntnis. Unser Handeln und Fühlen stehen oft im Widerspruch zueinander, das ist normal. Du kannst dir aber mal die Wahrscheinlichkeit, bei einem Flugzeugabsturz zu sterben, vor Augen führen: Wenn ich eine Seite in meinem 334-seitigen Buch aufschlage und dich bitte, dir ein Satzzeichen oder einen Buchstaben herauszusuchen, dann ist ja die Wahrscheinlichkeit extrem gering, dass ich „deinen“ Buchstaben errate. Wenn wir das mit der Zahl der Flugzeugunfälle mit Todesopfern gleichsetzen, dann müssten wir das Ratespiel mit sechs Exemplaren spielen, um annähernd eine ähnlich niedrige Wahrscheinlichkeit zu erreichen! Das zu vergegenwärtigen, kann der erste Schritt sein und Mut machen, sich mit der Angst zu befassen.

Mathias Bothor
Verena Kantrowitsch lebt in Osnabrück und arbeitet als Psychologin im öffentlichen Dienst. Ihr Buch "Ich kann fliegen!" handelt von ihrer eigenen Flugangst. Privat reist sie am liebsten nach Griechenland.

Guter Vergleich. Du selbst hast auch an Flugangst gelitten, wie hast du sie in den Griff bekommen?

Es gibt verschiedene Flugangsttypen, ich persönlich hatte Angst vor Abstürzen. Was bei diesem Typus hilft, ist Wissen, also Kenntnisse über Physik und Technik. Da ich in diesem Bereich eher unbegabt bin, hatte ich lange Zeit keine Lust, mich damit auseinanderzusetzen. Mir hat es aber im Nachhinein geholfen, denn jetzt kann ich die Geräusche im Flugzeug oder auch die Bewegungen beim Fliegen einordnen. Wie sehr es beruhigt zu wissen, was in der Maschine passiert, habe ich total unterschätzt.

Okay, Wissen hilft, aber kann ich mich auch noch darüber hinaus aufs Fliegen vorbereiten?

Zunächst einmal sollte man seine Angst kennenlernen. Es gibt auch Passagiere, die Angst haben vor Übelkeit oder Unbehagen. Auch hier hilft Flugwissen: Es ist ganz normal einen trockenen Hals zu bekommen, ganz einfach weil die Luft im Flugzeug ganz anders ist. Wir können auch Neigungen beim Fliegen nicht korrekt einschätzen. Piloten lernen in ihrer Ausbildung, mehr auf ihre Messinstrumente zu vertrauen als auf ihren Körper. Dann gibt es noch solche, die Angst vor Kontrollverlust haben. Sie können zum Beispiel ein Angstprotokoll führen. Oft denkt man nämlich, die Angst ist auf dem Flug immer gleich stark, das ist aber ein Irrglaube, denn sie variiert. Auf diese Weise kann man seine Angst kennenlernen, sich ihr Stellen, einen Umgang mit ihr entwickeln und den eigenen Einfluss auf hilfreiche Gedanken und damit auch die Angst besser wahrnehmen.

Themenwechsel: Der Flugverkehr ist für rund zwei Prozent der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich. Frage an die Klimaschützerin in dir: Hat die Flugangst, die Menschen vor Reisen abhält, in Zeiten der Klimakrise auch ihre gute Seite?

Nein, die Flugangst wird die Welt nicht retten. Wer weniger Angst hat, hat mehr Raum für bewusste und freiwillige Entscheidungen. Zum Beispiel, wie wir unsere Reisegewohnheiten ändern können. Von einer angstfreien Warte heraus entwickelt man einen bewussteren Umgang mit dem Konsum und kann sein Handeln in Einklang mit seinen Werten bringen.

Wie ist das bei dir? Wie möchtest du künftig reisen?

Ich habe mir ein Limit gesetzt: Ich will nur noch alle drei Jahre fliegen. Wahrscheinlich werde ich das Limit aber auch noch strenger machen. Momentan sehe ich jedenfalls keinen Grund, öfter zu fliegen - eher noch seltener.

Torpedo-Fragen

Augen auf oder Augen zu?
Mein Motto ist: „Augen auf und durch.“
Platz am Fenster oder am Gang?
Platz am Fenster.
Kräutertee oder Piccolo?
Kräutertee. Mut antrinken, das funktioniert meistens leider nicht. Alkohol macht nur brüchig und den Körper unruhig.
Beruhigungspille oder Atemübung?
Atemübung. Die Beruhigungspille hilft vielleicht für den Augenblick, vernebelt aber das Flugerlebnis. Eine einfache Atemübung ist, zwischen den Atemzügen immer eine Pause einzulegen: langsam und nicht zu tief einatmen – ausatmen – dann zwei Sekunden Pause vor dem nächsten Zyklus. Am besten steigert man sich auf bis zu vier Sekunden Pause. Das ist in akut den Situationen schwierig, man kann die Atemübung aber zu Hause trainieren.
Flugscham oder Zugstolz?
Zugstolz. Das ist etwas ganz Großartiges. Das motiviert und ist ein gutes Ziel!

Limits beim Fliegen, ein guter Punkt. Bist du eigentlich für oder gegen das Verbot von Kurzstreckenflüge?

Ich bin dafür. Eigentlich ist es verrückt, dass das nicht reguliert ist. Das Verbot würde einen neuen Standard setzen, mit dem wir neue Lösungen für moderne Mobilität umsetzen könnten.

Solche Lösungen suche ich auch im Alltag, weil mir Klimaschutz am Herzen liegt: Ich esse kein Fleisch, habe kein Auto, trage Second Hand-Klamotten und telefoniere mit meinem Handyvertrag auch noch ökologisch. Nur beim Fliegen fällt mir Verzicht schwer. Wie kann ich das ändern?

Als neugierigem Menschen scheint dir Reisen eine Herzensangelegenheit zu sein. Das ist vollkommen nachvollziehbar. Wie du schon sagst, machst du schon einiges fürs Klima und bist dir der schädlichen Auswirkungen des Fliegens bewusst. Niemand ist in allen Bereichen perfekt. Denn wir leben in einem System, in dem klimaschädliches Verhalten normal ist und richtiges Handeln zum Heldentum macht. Wenn politische Rahmenbedingungen nicht darin unterstützen, das Richtige zu tun, kann das sehr demotivierend sein. Hier würden neue Limits auch dazu ermutigen, neue Dinge auszuprobieren. Hast du denn schon einmal Urlaub in nächster Nähe ausprobiert?

Ja, natürlich, es gibt viele schöne Orte vor der Haustür. Trotzdem ist die Reiselust groß, auch wenn immer das schlechte Gewissen mitfliegt. Was hilft dagegen: schönreden, kompensieren oder ignorieren?

Schönreden ist auf jeden Fall menschlich, auch wenn es eigentlich nicht so gut ist. Ignorieren finde ich am schwierigsten, weil es das Fliegen tabuisieren würde. Wir brauchen aber mehr Diskussion und Offenheit, damit wir neue Vereinbarungen treffen. Den CO2-Ausstoß zu kompensieren, ist die zweitbeste Lösung: Man verursacht Emissionen, aber gleicht sie wieder aus. Das ist besser als Nichtstun. Es sollte nicht darum gehen, das schlechte Gewissen reinzuwaschen, sondern um Bewusstwerdung, was mein Handeln „kostet“. Die beste Lösung bleibt aber: weniger fliegen. Ich finde, generell sollte man sein schlechtes Gewissen auch als Chance sehen, denn es zeigt, dass man die Dinge lieber anders tun würde. Das kann dazu führen, dass man sein Reiseverhalten ändert: weniger und bewusster reisen und verbleibende Flüge kompensieren. Es kann aber auch Scham erzeugen.

Kurz-Bio

Verena Kantrowitsch ist Diplom-Psychologin aus Osnabrück und arbeitet im öffentlichen Dienst. Ende 2020 erschien ihr Buch „Ich kann fliegen! Flugangst: woher sie rührt, wofür sie steht und wie wir sie überwinden“ im Hamburger mare-Verlag. Darin verarbeitet sie auch ihre eigene Angst vorm Fliegen. Aus ihrem Buch liest sie am 7. März 2022 ab 19 Uhr in der Buchhandlung zur Heide in Osnabrück vor. Neben ihrer Arbeit als Psychologin und Autorin ist Verena Kantrowitsch aktiv bei Psychologists for Future, die sich für gesellschaftliche Transformationsprozesse und mehr Klimagerechtigkeit engagieren.

Gute Überleitung: Taugt Flugscham, also das Schlechtmachen von Flugreisen, im Kampf gegen Vielfliegerei oder erzeugt der grüne Zeigefinger nur Dickköpfigkeit?

Flugscham sollte man keinesfalls instrumentalisieren. Das Shaming würde nur Reaktanz, also Abwehrreaktionen, hervorrufen. Allerdings kann die Flugscham auch anders wirken: Sie kann dazu führen, dass man nachdenkt, Ideen entwickelt, Forderungen erhebt und sich politisiert. Das finde ich viel besser.

Urlaub und Entspannung sind reine Fragen der Interpretation. Ich muss ja nicht in den albanischen Alpen herumwandern, wenn es im Schwarzwald genauso schöne Wanderwege gibt. Gibt es für dich noch legitime Gründe zu fliegen?

Ja, die gibt es. Zum Beispiel lässt sich das Fliegen je nach Job gar nicht vermeiden. In Deutschland leben auch viele Menschen, deren Familien im Ausland zu Hause sind. Da ist es völlig verständlich, wenn man die Verwandten besuchen will. Ich finde es trotzdem schwierig, über die Gründe zu urteilen. Ich würde schon sagen, dass der Shoppingtrip nach London am Wochenende kein legitimer Grund ist, die Erfüllung eines lang gehegten Traumes schon eher. Aber da bin ich selbst unsicher.

Weltweit betrachtet haben die wenigsten Menschen in ihrem Leben bisher ein Flugzeug von innen gesehen. Da kommt mir meine Flugangst doch vor wie ein Wohlstandsschaden, zumal ich eigentlich viel größere Angst vor dem Klimakollaps haben sollte. Wie geht es dir?

Genauso. Flugangst ist ein sehr privilegiertes und egozentrisches Problem verglichen mit der Angst, die die Klimakrise erzeugt. Trotzdem bin ich optimistisch: In der Vergangenheit haben wir immer wieder Menschheitsprobleme gelöst. Vor Hunderten von Jahren hätte niemand geglaubt, dass wir heute eine Sozialversicherung haben würden oder dass die Sklaverei abgeschafft würde. Es gibt soziale Kipp-Punkte, die Veränderungen in Gang setzen, dafür reichen schon 25 Prozent der Bevölkerung. Die Frage ist nur: Wo ist dieser Kipp-Punkt und wie können wir ihn durch konkretere Vorstellungen eines anderen, besseren Lebens noch wahrscheinlicher machen?

Wohin geht dein nächster Flug?

Das weiß ich noch nicht. Traumziele habe ich viele, zum Beispiel New York oder Kanada. Aber gerade fällt mir kein Grund ein, der gut genug ist, um dorthin zu fliegen. Ich möchte mich jetzt erstmal auf andere Dinge konzentrieren, die auch wichtig sind und Spaß machen.


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