Bremerhaven Geschichte erleben im Deutschen Auswandererhaus

Von Martin Wein

Das Deutsche Auswandererhaus gehört seit 2005 zu den meistbesuchten Museen in Deutschland.Das Deutsche Auswandererhaus gehört seit 2005 zu den meistbesuchten Museen in Deutschland.
Martin Wein

Bremerhaven. In Bremerhaven wagt sich ein Spezialmuseum an das kontroverse Thema Einwanderung: Das Deutsche Auswandererhaus hat dazu einen „Saal der Debatten“ eröffnet und fordert das Publikum zu kritischer Selbstreflexion auf.

Soll ein Staat die Menschen, die ihr Land verlassen müssen, eher aufnehmen als die Menschen, die ihr Land verlassen möchten? Im Deutschen Auswandererhaus in Bremerhaven ploppt diese Frage neuerdings irgendwo auf während der virtuellen Reise von der schummerigen Stromkaje an der Außenweser über die Zollstation auf Ellis Island im Hafen von New York bis zum Grand Central Terminus in Manhattan. Man muss dazu nur seine individuelle i-card auf ein entsprechendes Symbol legen. Sechs Antworten stehen zur Auswahl. Je nach dem Standort innerhalb der Ausstellung mag sich durchaus eine unterschiedliche Präferenz ergeben. Aus Sicht der armen Auswanderer im 19. Jahrhundert eine andere als aus derjenigen des Heimatvertriebenen oder des saturierten Wohlstands-Bundesbürgers.

Martin Wein
Die virtuelle Reise von Bremerhaven nach New York endet im Grand Central Terminus in Manhattan, wo sich die Wege der deutschen Auswanderer zerstreuen.

Kritisches Denken im Auswandererhaus

„Critical thinking stations“ (CTS) nennen die Museumsmacher diese neuerdings eingebauten Unterbrechungen der musealen Erzählung. Der Anglizismus wurde weniger wegen der vielen US-amerikanischen Gäste gewählt, die in den Archiven des Auswandererhauses nach ihren europäischen Wurzeln forschen. „Es ist einfach so, dass sich der deutsche Ausdruck Digitaler Denk-Raum in einem Museum über Aus- und Einwanderung nicht ohne unpassende Assoziation abkürzen ließe“, erklärt der wissenschaftliche Mitarbeiter Christoph Bongert. Dabei zeigt schon dieses Bonmot, in welches Minenfeld sich das privat geführte Museum mit seinem neuen Ausstellungsteil und erweitertem Konzept mit einiger Chuzpe hineingewagt hat.

„Es gibt kein besseres Haus, um Migration zu thematisieren.“Christoph Bongert

Von Bremerhaven in die USA

1854 war das kaum ein Vierteljahrhundert zuvor gegründete Bremerhaven zum größten Auswandererhafen Europas aufgestiegen. 7,2 Millionen Menschen aus deutschen Teilstaaten und aus Osteuropa haben zwischen 1830 und 1974 von der Columbuskaje vor allem auf Dampfern des Norddeutschen Lloyd Europa den Rücken gekehrt. Seit 2005 erzählt das Museum am Originalstandort ihr Abenteuer in einer opulenten Inszenierung. Besucher folgen dabei mit ihrer i-card einem individuellen Schicksal. Man steht zusammen an der Kaje und wirft von der Galerie der sieben Millionen einen letzten bangen Blick auf Europa vor dem Fenster. Dann geht es an Bord. Finstere Kojen der Frühzeit, eine Messe auf einem Schnelldampfer an der Schwelle zum 20. Jahrhundert, schließlich an Deck zu erhebender Musik zwischen Stapeln aus Überseekoffern die Einfahrt in New York. Aber der Einwanderungsbeamte kennt keine Gnade, wenn jemand aus der dritten Decksklasse die gestellten Fragen falsch beantwortet. Ene, mene, Muh – der Abzählreim schwingt immer mit. Für diese historisch-emotionale Erzählung gab es seither viele Preise. Mit durchschnittlich 180 000 Gästen im Jahr ist das Haus in die Top-Liga deutscher Museen aufgestiegen. In Bremerhaven war es der Ausgangspunkt für eine Umgestaltung des Neuen Hafens zur Touristen-Attraktion Havenwelten mit dem markanten Atlantic Sail City Hotel, dem Klimahaus und dem Museumshafen samt Uboot, Segelschulschiff „Deutschland“ und dem Deutschen Schifffahrtsmuseum. Letzteres wird gerade komplett neu gestaltet.

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Das Auswandererdenkmal an der Seebäderkaje erinnert an die 7,2 Millionen, die Europa von Bremerhaven aus den Rücken kehrten.

Allerdings schauen die wenigsten eine solche Ausstellung zweimal an. Und weil jemand, der geht, auch irgendwo ankommt, lag es nahe, als zweite Seite der Medaille die Geschichte der Einwanderung anzuschließen. Bei den Deutschen in den USA, deren Wege sich im täuschend echt gelungenen Nachbau des New Yorker Zentralbahnhofs trennen, ist das noch unproblematisch. Aber nach einem dämmrigen Transit-Raum findet man sich seit Juni 2021 unversehens inmitten der erhitzten bundesdeutschen Migrationsdebatte wieder. In einem bewusst reizüberfüllten Saal demonstrieren 13 Menschen aus sieben Jahrzehnten bundesrepublikanischer Geschichte für Entschädigung als Vertriebene ebenso wie für Asyl oder für die Seenotrettung Geflüchteter.

Trip-Tipp

Das Deutsche Auswandererhaus
Das Deutsche Auswandererhaus, Columbusstraße 65, 27568 Bremerhaven ist bis Ende Oktober täglich geöffnet von 10 – 18 Uhr, Do bis 21 Uhr, November bis Februar 10 – 17 Uhr. Bushaltestelle: Havenwelten

Migration thematisieren

Wer kann in einem Land Schutz suchen? Wer kann einem Staat angehören? Was darf Integration kosten? Um Fragen wie diese geht es hier. Nachdem man sich eine ausgesucht hat, wird man von einer freundlichen Mitarbeiterin an vier Schauplätze der Debatten geschickt: Auf die politische Bühne, in ein Uni-Foyer, den Stadtteiltreff, in die Stadtbücherei. Um nicht gängige Denkmuster zu bedienen, setzt das Museum auf historische Debatten. „Die Frage der Kosten diskutieren wir beispielsweise anhand des Lastenausgleichsgesetzes von 1952“, erklärt die stellvertretende Direktorin Ilka Seer. Damals ging es um die Frage, wie sieben Millionen Vertriebene auf dem Gebiet der jungen Bundesrepublik untergebracht und integriert werden sollten. So ergeben sich auch hier unerwartete Perspektiven. Aus Richtung der Vertriebenen indessen kam Kritik: Man sehe sich keinesfalls als Einwanderer in der Bundesrepublik.

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13 Figuren aus sieben Jahrzehnten Bundesrepublik demonstrieren im Saal der Debatten für unterschiedliche Positionen in der nicht endenden Migrationsdebatte.

„Es gibt kein besseres Haus, um Migration zu thematisieren“, findet Christoph Bongert. Während Migrationsgeschichte als Modeerscheinung derzeit in vielen Stadtmuseen aus einer gewissen politischen Korrektheit heraus mit erzählt werde, setze das Auswandererhaus das „Kopfkino“ aus dem ersten Ausstellungsteil in vieler Hinsicht einfach unter geänderten Vorzeichen fort. Keinesfalls sei die Erweiterung eine Reaktion auf die Flüchtlingskrise von 2015, sagt Bongert: „Wir haben schon 2012 mit der Konzeption begonnen“. Dabei bricht das Auswandererhaus die Migrationsgeschichte nicht in Bremerhavener Verhältnisse herunter, sondern bleibt bewusst auf einer erhöhten Warte. Nur mit der Fassade des Anbaus strahlt das Haus in die Stadtgesellschaft hinaus. Dort sind je nach Sonnenstand die Gesichter von Einwanderern und Einwandererinnen aus verschiedenen Generationen schemenhaft zu erkennen. Kandidatinnen und Kandidaten konnten sich im vergangenen Jahr für einen Platz an dieser besonderen Wall of Fame bewerben.

Wie sich die Besucher an den verschiedenen „critical thinking stations“ positionieren, kann jeder Interessierte am Schluss der Ausstellung auf einer großen Videowand besichtigen. Dort werden anonym die Ergebnisse angezeigt, die von den Besuchern zuvor freigegeben wurden. Auch die Eingangsfrage dieses Textes ist jetzt plötzlich wieder da: Soll ein Staat die Menschen, die ihr Land verlassen müssen, eher aufnehmen als die Menschen, die ihr Land verlassen möchten? 1905 Menschen haben von Juni bis Mitte September geantwortet. „Ja, Asyl ist ein Menschenrecht, Einwanderung nicht“, findet jeder Dritte (33 %). Asyl und Einwanderung seien zwei individuelle Menschenrechte, meinen 21 Prozent. Zwölf Prozent gehen noch weiter: Sie glauben, dazu seien Staaten durch das Völkerrecht verpflichtet. Das sei doch gar nicht scharf zu trennen, sagen elf Prozent. Und sieben Prozent finden, Staaten sollten souverän entscheiden, wen sie aufnehmen. 17 Prozent halten es wie die meisten Politiker. Sie klicken auf: „Weder noch, es kommt auf den Einzelfall an“. Das klingt in Wahrheit schon wieder nach Abzählreim.


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