Norderney Einsame Insel für Anfänger

Von Monika Dütmeyer

Alleine verreisen? Unsere Autorin hat es ausprobiert.Alleine verreisen? Unsere Autorin hat es ausprobiert.
Josefin/Unsplash

Norderney. Soll man eigentlich alleine verreisen oder lieber nicht? Ein Selbstversuch.

Was war das schön, als man mit den Klassenkameraden Grimassen zog, um den britischen Wachsoldaten vorm Tower in London mit von Berufswegen versteinerter Mine ein verbotenes Lächeln abzuringen. Oder ein anderes Mal, als man mit ordentlich Sand unter den Füßen, einer Flasche Wein und einer Freundin die großen Fragen des Lebens bis zum Morgengrauen erörterte – immer im Hintergrund: ein angenehmes Meeresrauschen. Aber was wäre jetzt, wenn da nur das Meeresrauschen wäre? Keine Freundin, keine Klassenkameraden oder sonstige Begleiter? Also Urlaub ganz allein.

Angebot für fast alle

In gewissen Altersklassen ist das von der reinen Angebotssituation her offenbar kein Problem. Aus allein reisenden Kindern wird durch Kirchengemeinden oder Jugendreiseveranstalter ein Ferienlager zusammengezaubert. Aus jungen Erwachsenen eine Weltenbummlergemeinschaft geformt. Aus Senioren werden Busgruppen gemacht. Aber was passiert mit Menschen, die weder als Jugendreisender noch als Gast im Seniorenbus taugen? Die können ja immerhin noch Singlereisen unternehmen. Vielleicht ist man aber gar kein Single und es hat einfach niemand Zeit, mit einem zu verreisen. Und auch als Single kann man sich unter Erholung etwas anderes vorstellen, als sich rund um die Uhr den Stress der planmäßigen Verpaarung anzutun. Vielleicht hat man auch einfach mal keine Lust, neue Leute kennenzulernen und sich als Reisegang zwangsläufig zu vergesellschaften. Dann hat man die Qual der Wahl: Entweder man muss zu Hause bleiben oder man muss das erste Mal in der persönlichen Zeitrechnung allein verreisen.

Allein zu Haus?

Da allein zu Hause bleiben auch doof ist, fällt der Entschluss auf die erste Alleinreise. Mit dabei ist allerdings eine Dauererkältung, der selbst der Arzt schon einen Trip an die Nordsee empfohlen hat. So soll es dann wohl sein: Die Erkältung wird für ein paar Tage an die See reisen mit dem Ziel, sie dort zurückzulassen. Schnell kommen Erinnerungen an ein Nordseeeiland auf, auf dem es etwas mehr gibt als Strand, Wind und die mögliche Einsamkeit des Hotelzimmers. Es soll nach Norderney gehen. Dort gibt es eine Innenstadt mit Geschäften, es werden häufig Kinofilme gezeigt und es gibt auch Cafés und Bars, in denen bei vergangenen Urlauben auch schon öfter Alleinreisende gesichtet wurden.

Geplant, getan

Im Internet findet sich mitten in der Hochsaison noch ein bezahlbares Einzelzimmer. Vielleicht ein Wink des Schicksals und der erste Vorteil am Alleinreisen: Man ist im Rahmen der eigenen Möglichkeiten maximalflexibel – und das endet nicht beim Zimmerangebot. Zum Beispiel steht schon vorm Reiseantritt fest, dass es unterwegs keinen Zoff wegen irgendwas mit Mitreisenden geben wird. Für Unterhaltung sorgt allerdings die immer im Kopf kreisende Frage, wie eine Reise allein wohl sein wird. Um die Antwort darauf zu finden, gibt es nur eins: Mit dem Versprechen an sich selbst, nach drei Nächten in jedem Fall wieder zu Hause zu sein, geht es los. Und das besser ohne Auto.

Wer will Worte?

Denn das ist definitiv ein Nachteil: Wenn niemand da ist, der sich mit einem unterhält, dann scheinen die Uhren langsamer zu ticken. Durchaus anstrengende Tätigkeiten wie Autofahren können in der Wahrnehmung gar nicht unter ferner liefen vertuscht werden und werden ganz bewusst wahrgenommen. Wenn einen kein Mensch nervt, dann also was anderes. So ist das Zugticket gebucht und es geht auf Schienen gen Norddeich – dem Fährableger Richtung „einsame Insel“. Die Fahrtzeit lässt sich damit vertreiben, lieben Menschen übers Handy Nachrichten zu schicken und welche zu bekommen. Nach einigen Stunden fühlt es sich aber komisch an, kein einziges gesprochenes Wort ausgetauscht zu haben. Wenn man sich ein einem sozialen Umfeld bewegt, handelt es sich normalerweise um viele Tausende Wörter am Tag. Im so gesehen asozialen Umfeld Alleinreise führt der Wortstau zu einem bedrückenden Gefühl.

Danke, ihr Berufsredner

Da tut es gut, dass Menschen, die beispielsweise an Schaltern Fährentickets verkaufen, auch mal ein Wort mehr als beruflich gefordert übrig haben. „Das wäre aber nicht nötig gewesen“, sagt der Ticketverkäufer, als ein dampfender Kaffee auf seinem Tresen abgestellt wird, um die Hände für den Griff ins Portemonnaie freizuhaben. Als er als Antwort zu hören kommt, dass er schon ein bisschen müde ausschaut und die Urlauber sich ruhig etwas mehr um die Menschen in der Tourismusindustrie kümmern könnten, lacht er. Die Kollegin am Schalter nebenan zieht auch die Mundwinkel nach oben und bedankt sich, dass sie ihren Kollegen nun nicht mehr allein „mobben“ muss. Lachen, Reden, Kaffee trinken – das tut gut und verschafft Erleichterung. Fährfahrt und Reise zur Pension gehen schnell vorbei. Die Wirtin ist nett und kennt das schon mit den Alleinreisenden mit dem ganzen Redebedarf. Sie sagt, dass am nächsten Morgen beim Frühstück noch mehr dieser Exemplare anwesend sein werden, und dass sie gar nichts Seltenes seien. Nach dem Gespräch war es das wahrscheinlich für den Anreisetag mit dem Kontakt. Doch diese Annahme soll sich als Irrtum herausstellen – jedoch anders als gedacht.

Ein Flügelstreich

Mit einer Eistüte in der Hand soll es an den Strand gehen – der erste Blick aufs Meer gehört schließlich aus Erfahrung zu den besten Momenten im Urlaub. Dazu soll noch ein Unvergessener kommen. Direkt hinterm Deich streicht mir eine Möwe mit ihrem Flügel mitten über die Wange – aber nicht gerade auf die sanfte Tour. Sie nutzt den inszenierten Schockmoment und gabelt mit ihrem Schnabel die Eistüte auf. Sie macht sich einen vermutlich schönen Nachmittag – mit hoffentlich etwas Bauchschmerzen. „Verdammter Eisflieger“ oder Schlimmeres möchte man der Möwe hinterher schimpfen. Man möchte in ein ebenso empört aussehendes Gesicht wie das eigene schauen. Man möchte so etwas hören wie „Ja, genau, das macht zwei Euro, verfressener Mistvogel.“ Es wird klar: Es ist einfach schade, dass man die Erlebnisse mit niemandem teilen kann. Und es ist auch nicht das Gleiche, wenn man sie später am Telefon erzählt. Es war einfach niemand mit eigenen Augen und Ohren dabei. Die Laune sinkt noch weiter, als der Kellner in der Pizzeria am Abend nach der eigentlich offensichtlichen Personenbestückung für den Tisch fragt. Die Zahl „Eins“ will nur schwer über die Lippen. Also nie wieder alleine Urlaub machen?

Das Fazit lautet . . .

Am Strand laufen, durch Salzwiesen radeln, in Klamottengeschäften Geld ausgeben, das geht alles wunderbar! Manchmal bekommt man als einsamer Tischblockierer in der Gastronomie auch Besuch von anderen Touristen, die ein Plätzen suchen und ein nettes Wort für einen übrig haben. Und dann gab es noch was unterwegs: Viele Handy-Nachrichten von lieben Menschen, die noch während der Alleinreise Pläne für zukünftige Urlaube und das Teilen etwaiger Möwenereignisse vorschlagen. Alles in allem lautet das Fazit: Allein reisen – Jein danke.


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