Promovieren - ja oder nein? 4,7 Jahre für den Doktortitel

Wer promovieren will, braucht mehr als exzellente Noten. Auch Ausdauer, Frustrationstoleranz und Fleiß gehören auf dem Weg zum Doktortitel dazu.Wer promovieren will, braucht mehr als exzellente Noten. Auch Ausdauer, Frustrationstoleranz und Fleiß gehören auf dem Weg zum Doktortitel dazu.
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Osnabrück. 120 Studierende der Universität Osnabrück schaffen es jedes Jahr: Sie schließen ihre Promotion ab. Doch worauf kommt es in dieser Lebensphase an? Zwei der rund 1000 Doktorand:innen erzählen.

Über sein Promotionsthema, das Deutsche Kulturwerk Europäischen Geistes, ist Mattes Schmerdtmann zufällig gestolpert. Was nach einem Klub für Kosmopolit:innen klingt, war bis zur Auflösung 1996 zeitweise Deutschlands größte rechtsradikale Organisation nach der NPD. Der Großteil der Mitglieder bestand aus Autor:innen, die völkische Literatur in der Bundesrepublik wieder salonfähig machen wollten. „Obwohl das Kulturwerk ein wichtiger Teil der Szene war, gibt es wenig Literatur darüber“, sagt Mattes. Eine Forschungslücke, die sein Interesse weckte.

Wer wie Mattes Grundlagenforschung betreibt, bearbeitet ein klassisches Promotionsvorhaben. Die Motivation, einen eigenen Beitrag zur Wissenschaft zu leisten, ist dabei ein wichtiger Baustein. Mehr noch: „Wer Freude am wissenschaftlichen Arbeiten und der vertieften Auseinandersetzung mit eigenen Forschungsfragen hat, kann die Promotion als ‚privilegierte‘ Lebensphase erfahren“, sagt Dr. Sabine Mehlmann vom Zentrum für Promovierende und Postdocs der Universität Osnabrück (ZePrOs).

Dieses Privileg lebt auch Susan Kang. Sie hat Kognitions- und Neurowissenschaft in Osnabrück und Berlin studiert, jetzt promoviert sie in Psychologie. Ihr Thema ist die Behandlung von sozialer Ängstlichkeit. „Ich fühle mich an der Universität sehr wohl“, sagt Susan. „Nach dem Master war ich erst 23. Da wollte ich mich noch nicht entscheiden, ob ich in der Forschung bleibe oder in die Wirtschaft wechsle.“

Warum sich Promovieren (fast) immer lohnt

Wissenschaft oder Wirtschaft – wohin der Karriereweg führt, das hängt mit einer zweiten Frage zusammen: Lohnt sich der Doktortitel? Eine Dissertation schreibt sich nicht von allein, durchschnittlich 4,7 Jahre brauchen Promovierende laut aktuellem Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs (Buwin), um die Doktorarbeit fertigzustellen. Zeit, die Promovierende in Bildung investieren, während andere schon in den Beruf einsteigen.

Doch der Buwin hat auch gute Nachrichten: In den meisten Fällen rentiert sich die Plackerei. Promovierte finden in aller Regel schnell einen Job außerhalb der Uni, für eine Karriere in der Wissenschaft oder in einem forschungsnahen Beruf ist der Doktortitel sowieso ein Muss. Arbeitslose Promovierte muss man mit der Lupe suchen, die Erwerbslosenquote liegt unter 2 Prozent. Über alle Fächer hinweg verdienen Promovierte mehr als Nicht-Promovierte, sie übernehmen häufiger Leitungsfunktionen, vier von fünf fühlen sich adäquat beschäftigt. Das macht sie insgesamt zufriedener als Kolleg:innen ohne Doktortitel.

Trotzdem muss man genauer hinschauen, denn der Nutzen des Doktortitels unterscheidet sich je nach Fachkultur. Während sich die Promotion für Sprach- und Kulturwissenschaftler:innen selten rechnet, ist der Dr. Jur. oder Dr. Ing. in den Rechts- und Ingenieurswissenschaften oft auch ein finanzieller Gewinn. Wo sich die einen möglicherweise mit dem Doktortitel von der Masse abheben, können es andere schwerer haben, mit der Promotion hervorzustechen. Denn in manchen Fächern gehört die Promotion einfach dazu: Laut Buwin dissertieren Zweidrittel aller Biolog:innen nach dem Master of Science, auch für Chemiker:innen gilt die Promotion als Regelabschluss.

Eine Frage der Ausdauer

Vor einer Doktor-Schwemme sorgen sich Mattes und Susan allerdings nicht. Seit 2019 promovieren die beiden, ihr Arbeitsalltag könnte kaum unterschiedlicher sein. Während Susan verschiedene Einzelstudien veröffentlicht, schreibt Mattes an einer Monografie. Sie führt Experimente durch, er wälzt Literatur in Bibliotheken und Archiven. Dennoch ist das Gefühl dasselbe: „Vom Arbeitsaufwand war ich nicht überrascht, aber es gibt Aufs und Abs“, sagt Susan. Und Mattes ergänzt: „Man muss sich immer wieder selbst motivieren, um am Ball zu bleiben.“

Ohne einen Schuss Realismus wird es mit dem Doktortitel also schwierig: Den roten Faden weiterzuspinnen und das Ziel im Auge zu behalten, das ist die vielleicht größte Herausforderung beim Promovieren. Nicht immer läuft alles glatt: „Für die Promotion werden drei Krisen unterschieden, die Promovierende bewältigen müssen. Wie kann ich meine Forschungsfrage abgrenzen und bearbeiten? Ist mein Beitrag zur Wissenschaft von Bedeutung? Kann ich das Projekt loslassen und was kommt danach?“ Durchhaltevermögen, Frustrationstoleranz, gute Betreuung, fachlicher Austausch – das sind wesentliche Voraussetzungen, um die Höhen und Tiefen zu überstehen und die Dissertation erfolgreich zu beenden, führt Mehlmann weiter aus.

Schritte ins Ungewisse

Aber das ist nicht alles. Auf dem Weg zum Doktortitel muss auch der Rahmen stimmen, das ist eine Frage der Ressourcen – persönlich, fachlich und finanziell. Vier Fragen sollten sich Promotionsinteressierte daher unbedingt stellen:

  1. Passt die Promotion in meine Lebensplanung?
  2. Wie viel Zeit kann und will ich investieren?
  3. Reichen die Unterstützung und der fachliche Austausch aus?
  4. Wie kann ich die Promotion finanzieren?

Denn eines ist klar: „Die Entscheidung für die Promotion bedeutet auch, sich auf ein Projekt mit – prinzipiell – offenen Ausgang einzulassen und eine Phase der finanziellen und beruflichen Unsicherheit in Kauf zu nehmen“, sagt Dr. Sabine Mehlmann vom ZePrOs.

Gerade deshalb ist es wichtig, dass die Finanzierung geklärt ist. Als Doktorand:in ist man nämlich nicht unbedingt wissenschaftliche Mitarbeiter:in oder Stipendiat:in. Laut National Academics Panel Study war 2019 für 13 Prozent der Befragten ein Job neben der Dissertation die Haupteinnahmequelle, je 6 Prozent finanzierten sich über Zuwendungen von Familie und Partner:innen, staatliche Leistungen oder Ersparnisse.

Heißt aber auch: Die überwiegende Mehrheit kann forschungsintern promovieren. So wie Susan Kang. Sie hat einen auf zwei Jahre befristeten Drittmittelvertrag ergattert und eine Anschlussfinanzierung ist auch schon gesichert, sodass sie jede freie Minute der Dissertation widmen kann. Damit gehört sie zu den 57 Prozent, die ihren Lebensunterhalt als Beschäftigte an der Hochschule bestreiten. Mattes Schmerdtmann lebt hingegen, wie 15 Prozent der Promovierenden auch, von einem Stipendium. Ein Privileg, wie er findet: „Viele unserer Kollegen knapsen.“


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