Die Kleider-Bibliothek Nachhaltiger Klamotten-Verleih bei Fairo Moda

Für Gründerin Lesley-Ann Baldwin und ihre Hilfskraft Rieke Scholle (rechts) ist die nachhaltige Kleider-Bibliothek ein Herzensprojekt.Für Gründerin Lesley-Ann Baldwin und ihre Hilfskraft Rieke Scholle (rechts) ist die nachhaltige Kleider-Bibliothek ein Herzensprojekt.
André Havergo

Osnabrück. Miese Arbeitsbedingungen, umweltfeindliches Wirtschaften, billige Wegwerfprodukte: In der Textilindustrie ist Nachhaltigkeit noch ein Nischenthema. Eine Osnabrücker Studentin findet sich damit nicht ab und gründet einen uni-internen Kleiderverleih. Zu Besuch bei Fairo Moda.

Die Farben sind bunt, die Schnitte sind unkonventionell: Ein Besuch bei Fairo Moda fühlt sich an wie eine Reise durch die Modegeschichte. „Wir haben hier das Beste von den Fünfzigern bis heute“, sagt Gründerin Lesley-Ann Baldwin über die Kollektion. Auch Tische, Stühle und Regale stammen aus einer anderen Zeit, Vintage ist zurzeit eben in. Währenddessen läuft Love Will Tear Us Apart von der 70er-Jahre-Post-Punkband Joy Division im Hintergrund.

Fairo Moda nennt sich „hochschuldidaktischer Kleiderverleih“, von Studierenden für Studierende. Die Damenmode, die die kleine Boutique im Gebäude 52 der Uni Osnabrück anbietet, besteht zu 100 Prozent aus Spenden. Neben farbenfrohen Sommerkleidern, eleganten Blusen fürs Vorstellungsgespräch und dem einen oder anderen Statement-Piece finden sich hier auch Erinnerungsstücke aus Stoff: „Einen Jumpsuit, den wir verleihen, hat meine Mutter getragen, als sie meinen Vater in der Disko kennengelernt hat“, erzählt Lesley.

Seit Juni 2021 betreibt Lesley mit Hilfskraft Rieke Scholle nun den Kleiderverleih in bester Lage am Osnabrücker Innenstadt-Campus. Unweit unzähliger Shoppingtempel wie H&M, Zara und Co. wollen die beiden die Kundinnen für ihr Herzensthema sensibilisieren, nämlich den Massenkonsum und die untragbaren Zustände in der globalen Textilindustrie. Aus diesem Grund ist Fairo Moda auch mehr als nur ein Ort, an dem sich Studentinnen wie Mitarbeiterinnen der Uni Klamotten ausleihen können: Perspektivisch sollen hier auch Workshops und Vorträge stattfinden, auch eine kleine Lounge zum Kaffeetrinken und für Uni-Kram ist angedacht.

Textilien teilen – warum denn eigentlich nicht?

Rückblick ins Jahr 2016: Gegen Ende ihres Bachelorstudiums muss Lesley zwei Projektarbeiten anfertigen. Das Thema: vestimentäre Nachhaltigkeit. Ihr kommt die Idee, das Prinzip der Sharing Economy auf die Textilbranche anzuwenden. Autos, Bücher, Wohnungen – viele Alltagsgegenstände leihen, teilen oder mieten wir, warum dann nicht auch Kleidung? „Ganz ehrlich: Am Anfang war Fairo Moda eine Schnapsidee“, gibt Lesley zu. Auch der Name für den Kleiderverleih sei ihr spontan bei einer Tasse Kaffee mit einem Freund eingefallen.

André Havergo
Modern und Vintage zugleich - Fairo Moda gibt einen Einblick in die Mode-Zeitgeschichte.

Dann kommt der Tag der Präsentation: „Ich kannte damals die Höhle der Löwen nicht, aber ganz genauso wie im Fernsehen habe ich Fairo Moda vorgestellt“, erinnert sich Lesley. Am Ende ihres Pitches verteilt sie sogar selbstgestaltete Visitenkarten. Die anfängliche Schnapsidee stößt auf Anklang: Bärbel Schmidt, Professorin für Textiles Gestalten, ist seitdem eine treue Unterstützerin von Fairo Moda. Sie motiviert Lesley, in ihrer Bachelorarbeit das Konzept auszuarbeiten und sich bei einem Ideenwettbewerb der NGO Femnet zu bewerben, die sich für gute Arbeitsbedingungen in der globalen Textilbranche einsetzt. Auch hier punktet Fairo Moda, der Kleiderverleih schafft es in die Top 3.

Doch es dauert, bis Fairo Moda öffnet. Einige Anträge und einen Masterstudiengang später bewilligt die Zentrale Studienkommission der Uni im Oktober 2019 erstmals Fördergelder für den Kleiderverleih. Ein halbes Jahr später fließt die erste Auszahlung – ausgerechnet zum Start der Corona-Pandemie. „Die Zeit habe ich dann genutzt, um die Dinge im Homeoffice zu erledigen, die sich von dort aus erledigen ließen“, sagt Lesley. Gleichzeitig wird der Kleiderverleih aufgebaut. Jürgen Menkhaus, Tischler der Uni, und die Künstlerin Katrin Lazaruk helfen dabei tatkräftig.

Leihen zum Nulltarif

Und Fairo Moda wächst: Im November 2020 stößt Rieke hinzu. „Ich hatte in der Fachschaft schon von dem Projekt gehört“, erzählt sie. „Als ich im Auslandssemester in Kanada war, habe ich Lesley einfach angeschrieben: Hey, kannst du Hilfe gebrauchen?“ – Das konnte sie. Es matcht zwischen den beiden, Rieke wird Hilfskraft, sie unterstützt Lesley beim Aufbau der Boutique und jetzt, wo Fairo Moda tatsächlich geöffnet hat, beim Verleih der Klamotten.

Wie funktioniert der Kleiderverleih bei Fairo Moda?

Wie funktioniert der Kleiderverleih bei Fairo Moda?
Bevor die Kundinnen mit dem Leihen loslegen können, müssen sie sich über StudIP registrieren. Hierzu müssen sie eine Kaution von 60 Euro zahlen, die sie aber bei der Abmeldung zurückerhalten. Coronabedingt ist der Service bei Fairo Moda zurzeit sehr individuell: Die Kundinnen müssen erst einen Termin bei StudIP buchen, um dann durch die Kollektion von Fairo Moda zu stöbern. Haben sie ein Kleidungsstück entdeckt, das ihnen gefällt, unterzeichnen sie einen Leihvertrag, auf dem auch steht, wie sie die Klamotte am besten waschen und pflegen. Maximal drei Stücke können die Kundinnen zur selben Zeit ausleihen. Geld verdienen Rieke und Lesley mit dem Kleiderverleih allerdings nicht, Fairo Moda ist ein Non-Profit-Unternehmen.

Kleiderverleih, Workshops, Vorträge, Kaffee-Lounge: Bevor es weitergeht, wird das Projekt noch auf Herz und Nieren geprüft, denn Fairo Moda wird Thema in einem Evaluationsseminar sein. Bisher sind Lesley und Rieke jedoch zufrieden: Im ersten Monat konnten sie 25 Kundinnen gewinnen. „Wir waren richtig aufgeregt bei der Eröffnung“, sagt Rieke. „Aber es war toll, die Reaktionen waren durchweg positiv. Die Party hat zwar gefehlt, aber wir haben zu zweit angestoßen.“

Dieser Artikel erschien zuerst in der Winterausgabe des NOZ-Hochschulmagazins "Quo Vadis?".

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