Karriere in der Kulturszene Von wegen brotlose Kunst!

Sie malen, gestalten, designen, musizieren, inszenieren: Kulturschaffende leisten wertvolle Dienste an der Gesellschaft. Der Kultursektor ist dynamisch und innovativ - und stärker als angenommen.Sie malen, gestalten, designen, musizieren, inszenieren: Kulturschaffende leisten wertvolle Dienste an der Gesellschaft. Der Kultursektor ist dynamisch und innovativ - und stärker als angenommen.
Dzurag

Lingen. Designer:innen, Übersetzer:innen, Musiker:innen: Sie alle arbeiten in der Kultur- und Kreativwirtschaft. Deutschlands drittstärkster Wirtschaftszweig wird oft belächelt. Zu Unrecht, denn kaum eine andere Branche ist so innovativ und vielseitig.

Sie komponieren Musikstücke, designen Kleidung oder entwickeln Videospiele: Kulturschaffende sind Expert:innen in Sachen Kreativität. Kaum eine andere Branche ist so bunt und vielfältig wie die Kultur- und Kreativwirtschaft. Die rund 1,2 Millionen Beschäftigten arbeiten in der Software-Industrie, im Filmgeschäft oder in der Kunstbranche. Gemeinsam ist ihnen eines: Sie leben von Wissen, Innovation und Kreativität.

Eine der Kreativen ist Laura Will. Sie hat Theaterpädagogik in emsländischen Lingen studiert und arbeitet mittlerweile als Freiberuflerin. Das ist keine Seltenheit im Business: „Viele meiner Kontakte sind freiberuflich tätig“, sagt Laura. „Ich persönlich will mich im Moment nicht an eine Arbeitgeberin binden, sondern mich lieber in verschiedenen Projekten ausprobieren.“

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Berufseinsteigerin Laura Will hat Theaterpädagogik an der HS Osnabrück in Lingen studiert. Sie hat unter anderem bereits als Regieassistentin Theaterproduktionen unterstützt.

Laura hat bereits als Regieassistentin gearbeitet und dabei Theaterproduktionen von den Proben bis zur Aufführung begleitet. Darüber hinaus absolvierte sie im Studium zwei Praktika: einmal am College of the Arts in Namibias Hauptstadt Windhoek, wo sie Projekte sowie Workshops mit den Studierenden durchgeführt hat, und ein zweites Praxisprojekt als Teil ihrer Bachelorarbeit. Durch die Coronakrise konnte sie außerdem ein Stipendium ergattern, das sie für ihr erstes eigenes Theaterprojekt nutzt. Noch sei wenig spruchreif, erzählt Laura, aber sie plane, eine performative Audiotour durch Münster zu konzipieren und umzusetzen.

Oft belächelt und unterschätzt

Freiberuflichkeit ist in der Kultur- und Kreativbranche keine Seltenheit, im Gegenteil: Jede:r Fünfte ist selbstständig, ein Wert, der so hoch ist wie in fast keinem anderen Wirtschaftszweig. Freiberufler:in zu sein, bedeutet aber auch, sich Aufträge auf Honorarbasis suchen zu müssen und kein festes Monatseinkommen zu erzielen. Für viele ein echtes Problem, denn oft ist die Einkommenssituation der Kreativen… naja, nicht so prickelnd. Auch Laura muss sorgfältig haushalten: „Ich muss zusehen, dass ich weiß, welche Jobs ich in den nächsten Monaten habe. Wenn ich merke, dass das nicht reicht, muss ich mir etwas dazuverdienen“, sagt sie. Zwischen 400 Euro in vier Wochen und 3000 Euro in drei Monaten habe sie bisher als Berufseinsteigerin verdient, fügt Laura hinzu. Netzwerkarbeit erleichtere dabei einiges: „Ich bin in mehreren E-Mail-Verteilern angemeldet und bekomme mit, welche Projekte gerade Unterstützung suchen.“

Gerade weil die Einkommenssituation vieler Kulturschaffender mies ist, wird die gesamte Branche gerne belächelt. Dabei zählt das Bundeswirtschaftsministerium die Kultur- und Kreativbranche zu den dynamischsten Wirtschaftssektoren der Bundesrepublik. Dazu ein kurzer Exkurs in die Statistik: Mehr als eine Viertel Million Betriebe zählt die Branche in Deutschland. Gemeinsam mit dem Freiberufler:innen erwirtschafteten sie 2019 106,4 Milliarden Euro an Wertschöpfung und 174,1 Milliarden Euro Umsatz. Insgesamt macht das rund 3 Prozent des Bruttoinlandprodukts aus.

Mit diesen Zahlen übertrifft die Kultur- und Kreativwirtschaft Sektoren, die man häufig überschätzt: Die Finanzbranche (74,1 Mrd. Euro Bruttowertschöpfung), die chemische Industrie (51,8 Mrd. Euro), die Energieversorgung (49,7 Mrd. Euro) – alles Zweige, die weniger Wirtschaftsleistung generieren als die Kulturindustrie. Nur der Fahrzeugbau leistet in Deutschland mehr als die zu Unrecht verkannte Kreativszene.

Erfolgsstory Künstlersozialkasse

Zwar ist Kultur im deutschen Föderalismus Ländersache, aber dennoch stimuliert der Bund die Kulturwirtschaft. Zum Beispiel gibt es für Gründer:innen diverse Preisausschreiben und Stipendien, die die Initiative Kultur- und Kreativwirtschaft vergibt. Der Staat greift damit den Betrieben in der Szene unter die Arme, die in gut 90 Prozent der Fälle aus weniger als zehn Personen bestehen und einem massiven Wettbewerbsdruck ausgesetzt sind.

Auch Freiberufler:innen profitieren davon, denn für sie vergibt die öffentliche Hand Stipendien oder Förderungen. „Wie man dafür einen Antrag schreiben muss, haben wir schon im Studium gelernt“, erzählt Laura. Doch auch das Internet spielt bei der Finanzierung eine immer stärkere Rolle: Auf Crowdfunding-Plattformen können Kreative ihre Projektideen pitchen und so um die Unterstützung der Community werben.

Darüber hinaus genießen die Freischaffenden ein besonderes Privileg in der Kultur- und Kreativszene: Im Gegensatz zu anderen Selbstständigen können sie sich bei der Künstlersozialkasse (KSK) versichern. Vorausgesetzt, ihr künstlerischer oder publizistischer Job ist ihr Haupterwerb. Die KSK finanziert dann wie ein:e Arbeitgeber:in die Hälfte der Sozialbeiträge. Auch Laura genießt inzwischen wie knapp 190.000 Versicherte diesen Schutz: „Der Antrag für KSK war einfacher als jeder Bafög-Antrag“, sagt sie. „Zwei Jahre hat man außerdem Welpenschutz und darf etwas weniger verdienen, um versichert zu sein.“ Laut KSK beträgt das mittlere Einkommen der Versicherten 17.850 Euro pro Jahr.

Sinnstiftend und erfüllend

Aber machen wir uns nichts vor: Auch trotz KSK und Hilfen vom Staat ist die soziale Lage vieler Kulturschaffender heikel. Das zeigt sich nicht zuletzt auch in der Covid-19-Pandemie: Während die Veranstaltungsindustrie rund um Musik, Theater, Film und Tanz komplett kollabiert ist, zeigen sich immerhin die Architektur, Presse sowie Gaming- und Software-Industrie krisenfester.

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Voll im Element: Laura bei einer Aufführung auf der Bühne.

Und auch wenn die Kultur nicht gerade die besten Karrierechancen bietet, so ist sie für viele Beschäftige eine wahre Traumbranche: Sinnstiftende und erfüllende Arbeit finden viele eher in den Konzert- und Kunsthäusern der Bundesrepublik als in der Vorstandsetage einer Bank oder eines DAX-Konzerns.

Das sieht Laura genauso. Sie sagt: „Durch das Medium Theater kann ich viele Themen in der Öffentlichkeit kommunizieren. In meiner Abschlussinszenierung habe ich zum Beispiel mit Jugendlichen zu Stressfaktoren gearbeitet und ihren Alltag auf die Bühne gebracht.“ Mit dem Bachelor in Theaterpädagogik soll es auf lange Sicht nicht bleiben. Laura würde sich gerne weiterbilden und noch einen Master an ihr Studium dranhängen, um mehr Inszenierungstechniken kennenzulernen und neue Kontakte zu knüpfen. Ob es Gießen oder Hildesheim wird, das weiß sie noch nicht. Fest steht aber, dass sie der Kulturszene treu bleiben wird.

Dieser Artikel erschien zuerst in der Winterausgabe des NOZ-Hochschulmagazins "Quo Vadis?".

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