Der mit den Schafen zieht Wanderschäfer Josef Uhlen erschließt neue Weidegründe

Schäfer mit Hut und Stock: Zwei, drei Kilometer legt Josef Uhlen während der Sommerweide mit der Herde täglich zurück.Schäfer mit Hut und Stock: Zwei, drei Kilometer legt Josef Uhlen während der Sommerweide mit der Herde täglich zurück.
Hermann Pentermann

Melle. Idyllisch präsentiert sich das Heimatbild: Jedes Jahr gegen Ende September beginnt für Josef Uhlen die Wanderschaft. Dann zieht der Schäfer aus Wellingholzhausen mit seiner Herde und den beiden Altdeutschen Hütehunden durch das Osnabrücker Land.

Wenn der Sommer sich dem Ende zuneigt und die Tage kürzer werden, dann beginnt auch im Leben traditioneller Schäfer ein neuer Jahresabschnitt. Die Sommerweiden sind erschöpft, die Herde und ihr Hüter müssen aufbrechen, sich neue Weidegründe erschließen. Ihre stete Wanderschaft dauert bis in den Winter hinein und endet mitunter erst, wenn Schnee auf Felder und Wiesen niedergeht.

„Man freut sich darauf“, sagt Josef Uhlen über die mehrmonatige Wanderzeit, die für ihn und seine rund sechshundertköpfige Herde jedes Jahr gegen Ende September beginnt. Doch es sei auch Wehmut dabei: „Denn damit ist ja auch ein Zeitabschnitt des Jahres unwiderruflich vorbei. Aber wenn ich dann losziehe, dann gibt es kein Zurück mehr, es gibt nur noch ein Vorwärts.“

Der 66-Jährige und sein drei Jahre älterer Bruder Willi haben die Schäferei im Blut: Schon ihr Vater war Schäfer und hütete die Herde, bis er 85-Jahre alt war. Er hatte das Metier wiederum von seinem Vater gelernt, der im Jahr 1912 den Hof bei Wellingholzhausen gründete, den die Uhlen-Brüder heute gemeinsam bewirtschaften. Und noch viel weiter reicht die Tradition zurück: Bis ins Jahr 1760 sei die Schäferei in der Familie dokumentiert, berichtet Josef Uhlen.

„Das Futterangebot leitet den Weg der Herde“

Im Frühjahr, so gegen Mitte April, kommt die Herde auf die Sommerweide im Nemdener Bruch. Die Haseniederung liegt südwestlich von Melle-Westerhausen. Schon seit 40 Jahren haben die Brüder die Flächen von Landwirten, der Gemeinde und auch der Kirche gepachtet, es ist Grünland, das nicht ackerfähig ist – der Boden ist zu schwer und wird mitunter auch mal von der Hase überflutet. Den Weg dorthin legt die Schafherde noch auf dem Anhänger zurück. Nach 100 Tagen im Stall können die Tiere die 10 Kilometer lange Strecke nicht von jetzt auf gleich laufen, erklärt Willi Uhlen. Die beiden Brüder haben eine klare Arbeitsteilung: Willi ist für den Hof, die Maschinen und auch die Büroarbeit zuständig und Josef kümmert sich um das Hüten. Der ältere Bruder springt da nur hie und da ein.

Hermann Pentermann
Der Wanderschäfer zieht mit seiner Herde zu den Grünflächen, die von den Landwirten zu dieser Jahreszeit nicht mehr genutzt werden - ein Gewinn für beide Seiten.

Auf der Sommerweide ziehe er mit der Herde von einer Wiese zur nächsten, erklärt Josef Uhlen. Zwei, drei Kilometer legt er da mit der Herde täglich zurück. Wachsen die Gräser auf den Flächen gut, wird nur die Hälfte als Weide genutzt – der Rest darf wachsen und wird später als Winterfutter eingeholt. Von 10 bis 19 Uhr hütet Josef Uhlen seine Schafe „und an heißen Tagen noch viel länger.“ Denn schließlich müssen die Schafe mindestens zweimal am Tag zur Tränke. Nur über Nacht kommen die Tiere in einen mit Elektrozaun gesicherten Pferch und ihr Hirte kann zum Abendessen auf den heimischen Hof. Wenn im Herbst dann die Vegetation zurückgeht, muss die Herde den Nemdener Bruch verlassen, um sich neue Weidegründe zu erschließen: Für Schäfer Josef Uhlen beginnt nun die eigentliche Wanderschäferei.

„Wir ziehen dann auf Grünlandflächen, die zu der Jahreszeit von den Landwirten nicht mehr genutzt werden können“, sagt der Schäfer. „Wann man auf welche Fläche geht, ist flexibel.“ Entweder rufen die Landwirte an, oder die Brüder nehmen den Kontakt auf. Ein solches Gespräch könne auch schon mal nur aus einem Satz bestehen, sagt Josef Uhlen. „Da heißt es dann: So, alles was jetzt noch bei uns wächst, ist für euch.“ Jedes Jahr ist die Route anders - das ständig wechselnde Futterangebot leitet den Weg der Herde.

Eine Win-win-Situation

Zahlen müssen die Schäfer für diese Weideflächen nicht: Die Bauern freuen sich, wenn die Schafe kommen. Josef Uhlen grinst verschmitzt: „Es ist eine Win-win-Situation, so nennt man das doch heute.“ Denn steht auf den Wiesen das Gras über den Winter zu hoch, verfault es und wächst im nächsten Frühjahr nicht ordentlich. So profitieren beide Seiten von der Nachnutzung des Grünlands durch die weidenden Schafe.

Die ziehende Herde trage so auch dazu bei, die Vielgestaltigkeit der Landschaft zu bewahren. „Sie erhalten auch die Biodiversität auf den Flächen. Außerdem ist von Schafen beweidetes Grünland ein großer CO2-Speicher“, betont Josef Uhlen.

In Tagesetappen von maximal zehn Kilometern zieht Wanderschäfer Uhlen so von der Sommerweide in Richtung Halle, Versmold und Borgloh. „Ich muss vorher schon gesichert haben, dass ich eine Futtergrundlage habe und kann nicht einfach drauflos ziehen. Die Wanderroute muss ich vorher festgegen, und das muss mit den Landwirten abgesprochen werden.“ 

Höchste Sicherheit für die Herde

An Gesmold vorbei zieht er, durch den Teutoburger Wald und auch den Hermannsweg entlang. „Wir benutzen nur Straßen, wenn es nicht zu ändern ist. Sonst halten wir uns abseits“, erklärt Josef Uhlen. Seine zwei Hunde der selten gewordenen Rasse Altdeutscher Hütehund sind immer dabei und unverzichtbar. „Das sind unsere Mitarbeiter“, betont der Schäfer, der seine Kommandos ausschließlich auf plattdeutsch gibt. Die Hunde müssen die Herde von den benachbarten Flächen fernhalten und auch dafür sorgen, dass die Schafe in einem bestimmten Areal ungestört fressen können. „Und wenn wir ziehen, müssen sie die Herde rechts und links flankieren und zusammenhalten.“

Hermann Pentermann
Rund 600 Schafe umfasst die Herde - da kommt Uhlen die Hilfe von seinen vierbeinigen "Mitarbeitern" gerade recht.

Aber selbst bei bester Routenplanung – Straßen lassen sich nicht immer vermeiden. Wenn die Herde etwa eine Autobahnbrücke passieren muss, ist auch die zusätzliche Hilfe von Bruder Willi notwendig. Zusammen müssen die Brüder sicherstellen, dass keines der Tiere hinter die Leitplanken läuft. Es ist ihnen schon passiert, dass Schafe sich in so einer Situation festgelaufen hatten und dann weder über die Leitplanken hinweg noch unter ihr durchkonnten. Mit Autoverkehr von allen Seiten – Stress pur!

Aus Sicherheitsgründen müsse man mitunter an gefährlichen Stellen mit der Herde die Straße dann auch mal „dichtmachen“, erzählt Willi Uhlen. Denn halte man die Straße zur Hälfte frei, „dann jagen die Autos an der Herde vorbei. Wenn man sie aber mit den Schafen komplett dicht mach, passiert nichts.“ Länger als zehn Minuten müsste aber kein Autofahrer warten, bis die Straße wieder frei ist, versichert er.

„Kein Tag ist wie der andere“

Die Zeit der Wanderschaft sei eigentlich eine eher ruhige Zeit im Schäferjahr, meint Josef Uhlen. Für ihn ist es Routine. Trotzdem: „Kein Tag ist wie der andere, kein Jahr ist wie das andere. Es ist immer flexibel.“ Und stressig kann es durchaus auch mal sein – etwa, wenn das Wetter nicht auf der Seite des Schäfers ist. „Wir sind schon in dichten Nebel gekommen, wo wir Polizeibegleitung mit Blaulicht brauchten.“ Nebel, Glatteis, plötzliche Regenschauer können ein Risiko darstellen – und all das hat Josef Uhlen schon erlebt. Das Wetter nimmt auch sonst Einfluss auf Herde und Schäfer – in einem guten Jahr wachse so viel Gras, dass er mit seiner Herde gar nicht alle Flächen „abhüten“ könne, wie er von Landwirten angeboten bekomme. „Doch in den letzten drei Jahren war eine sehr kritische Futtersituation, wo wir hier in diesem Bereich nur abgeerntete Rapsfelder gehütet haben, weil das Grünland im August schon nichts mehr hergab.“

Bis in den Winter hinein dauert für Schäfer und Herde die Wanderschaft. „Wir planen ein, dass wir ab Anfang Januar Winterfutter für die Stallhaltung haben“, sagt Willi Uhlen. „Es kann aber auch sein, dass man Mitte Februar noch im Schnee mit der Herde draußen ist, fügt sein Bruder hinzu. Den Rückweg in den Stall legen die Schafe wieder auf dem Anhänger zurück – denn die weiblichen Tiere sind bereits trächtig und müssen geschont werden. Mit der Ankunft im Stall beginnt für die Brüder dann eine sehr arbeitsintensive Zeit – nicht nur wegen des Fütterns. Auch die Lammzeit beginnt und man muss die Tiere rund um die Uhr im Blick behalten.

„Die Hüte-Schafhaltung in der bisherigen Form ist schwerlich aufrecht zu erhalten“, meint Josef Uhlen. Der Beruf sei eben sehr beschwerlich und man habe auch sehr wenig Freizeit. Der Trend der Zukunft liege wohl in der Nebenerwerbs-Schäferei. „Es wird aber auch in Zukunft noch Hüte-Schäferei geben“, ist er sich sicher. „Wenn auch in sehr begrenztem Umfang.“

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