Rheinland-Pfalz Mosel: Mauereidechse sucht Mäander

Von Martin Wein

Unterhalb des Calmont bei Ediger-Eller bildet die Mosel fast ein perfektes Omega.Unterhalb des Calmont bei Ediger-Eller bildet die Mosel fast ein perfektes Omega.
Martin Wein

Bernkastel-Kues. Am Mittellauf der Mosel kann man dem Fluss bei der Arbeit zusehen. Umlaufberge zeugen hier von der landschaftsprägenden Kraft des Wassers. Und Mutige wagen sich in einer Winzer-Bahn fast senkrecht in die Steilhänge

Die Mauereidechse gibt den Weg vor. Das wärmeliebende Reptil sei ein Symboltier für die Südhänge im Rheinischen Schiefergebirge, sagt Heidi Spang, die im Moseltal Naturerlebnisprogramme organisiert. Am Honigberg bei Osann-Monzel ein Stück flussaufwärts von Bernkastel-Kues weist deshalb eine schwarze Eidechse auf blauem Grund den Weg hangaufwärts. Seit einem Jahr engagiert sich hier eine Initiative für einen neuen Naturpark. 7000 Quadratmeter ehemaliger Weinberge hat der Verein für den Anfang übernommen und als „grünes Klassenzimmer“ gestaltet. Damit die Mauereidechse im Zuge der Flurbereinigung nicht unter die Räder gerät, bauen Heidi Spang und ihre Mitstreiter ihr Trockenmäuerchen zum Sonnen und Verstecken. Die Echsen finden sie praktisch. Ihre Zahl im Gebiet hat sich deshalb vervierfacht. Wanderer finden sie hübsch.

Auf der Suche nach der Kraft, die der Landschaft ihren besonderen Charakter gegeben hat, bleibt die kleine Mauereidechse hübsch auf dem Trockenen. Die Wegweiser führen hinauf zu einem Aussichtspunkt mit einem Insektenhotel, das gleichzeitig auch als Info-Steele dient. Nur ganz links in der Ferne sieht man das Band der Mosel schimmern. Und trotzdem blickt man hinab in ihr hier auffällig breites Tal. Darin stehen der Geisberg, der Noviander Hüttenkopf und der Maringer Berg als sture Zeugen der jüngeren Erdgeschichte. Umlaufberge nennen sie Geologen. Und ihre Häufung an dieser Stelle macht sie zum Ausflugsziel.

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Unterwegs auf dem BREVA-Weg oberhalb von Ernst.

Die Entstehung des Moseltals

Bis vor etwa 2,5 Millionen Jahren sei die Mosel als breiter Strom über die Hochebene des Rheinischen Schiefergebirges geflossen, erklärt Vereinsvorsitzender Markus Fries und deutet auf eine Zeichnung auf der Steele. Dann trugen die immer wieder schmelzenden Gletscher der Eiszeiten mit ihren riesigen Mengen an Geröll die Deckschicht ab. Derweil schlängelte und schmirgelte sich der Fluss immer tiefer ins weiche Gestein hinein und schuf das Moseltal. Dabei bildete er Schleifen, die immer weiter ausgriffen, weil das Wasser an der Außenseite, dem Prallhang, nagte und Sand und Steine an der Innenseite, dem Gleithang, wieder ablud. Mäander nennt man sie nach einem Fluss in Kleinasien, der schon die alten Griechen zu entsprechenden Schmuckbändern auf Tonwaren und Wandmalereien inspirierte.

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Blick vom Moselsteig auf die Moselschleife bei Ernst.

Irgendwann kamen sich zwei Flussschleifen so nah, dass die Mosel bei einem Hochwasser den schmalen Zwischenraum durchbrach und ihren Lauf verkürzte. Weil das Gefälle dadurch anstieg, blieb der alte Flusslauf als Trockental zurück. Wie viel Kraft das Wasser entwickeln kann, hat die Sturzflut an der Ahr Ende Juli 2021 erschreckend gezeigt. „Gleich dreimal ist ähnliches an der Mittelmosel passiert“, erklärt Fries. Zurück blieben die letzten Überreste der Hochfläche als Umlaufberge. Der Name ist etwas verwirrend. Schließlich sind es nur noch Wanderer, die die einzeln stehenden Kuppen umlaufen.

Auch heute noch ist die Mosel als Gestalterin der Landschaft an der Arbeit. Durch Schleusen und Kanalisierung für die Schifffahrt gebremst, ist ihr Wasser in normalen Zeiten allerdings nur noch mit schlappen 20 Zentimetern pro Sekunde unterwegs. Bei Hochwasser kann sich die Fließgeschwindigkeit indessen leicht verdreifachen. Dann entwickelt das Wasser viel mehr Kraft. Eine dicke Schlammschicht in den gefliesten Kellern und Erdgeschossen der Moselorte belegt das anschließend.

Die Moselschleife bei Bremm

Ihre bekannteste Schleife bildet die Mosel bei Bremm. Vor allem vom Klettersteig an der Flanke des gegenüberliegenden Calmont, etwas weniger umfassend vom höher gelegenen bequem erreichbaren Aussichtspunkt auf der Hochebene aus, lässt sich das perfekte Omega bewundern, das der Fluss hier ausgebildet hat. Gegenüber von Plünderich kann man vom Prinzenkopfturm aus eine weitere, 14 Kilometer lange Moselschleife bewundern, die sich um den Petersberg und die Zeller Hamm windet.

Trip-Tipps

Mosel
Übernachten: Hotel Zeltinger Hof*** – ein Hotel in elf Häusern, zentral gelegen zwischen Bernkastel-Kues und Traben-Trabach, gute regionale Küche, DZ ab 75 Euro, www.zeltinger-hof.de.
Themenweg Eidechse auf Moselsuche: ca. 5 km mit leichter Steigung, Startpunkt: Wassertretbecken, Im Siebenborn, 54484 Maring-Noviand, Wanderparkplatz Im Siebenborn 2, www.naturpark-mosel.de
BREVA-Wein und Weg: 3,1 km auf schmalen Pfaden, nur für Schwindelfreie von Bruttig nach Valwig, über den Moselsteig und den Apollo-Weg zurück zum Ausgangspunkt 10,5 km, Einstieg: Moselbrücke an der K35, 56814 Bruttig-Fankel, www.brevaweinundweg.de
Einkehren: Philipp’s Bistro im Moselland-Museum, Weingartenstr. 91, 56814 Ernst, www.moselland-museum.de
Monorackbahn: Weingut Scholtes, Schulstraße 5, 54340 Leiwen, www.weingutscholtes.de. Auch andere Winzer machen für Gäste und Kunden eine Fahrt möglich. Nachfragen lohnt sich.
Weitere Informationen: www.visitmosel.de; www.rlp-tourismus.com

Noch wenig bekannt ist dagegen ein neuer Wanderweg oberhalb des Dörfchens Ernst, den örtliche Winzer in Handarbeit durch den Steilhang des Valviger Herrenbergs gegraben haben. Unterwegs schweift der Blick nicht nur hinab ins Tal der Mosel, die hier regelrecht Karussell zu fahren scheint. An Hang kommen immer wieder auch die löchrigen roten und schwarzen Schieferschichten zum Vorschein, die dem Weinbau an der Mosel ein einzigartiges Terroir bereiten. Im Sommer kann die Sonne die Südhänge auf 45 oder sogar 50 Grad aufheizen. Winzerinnen und Winzer wie Janine Reichert oder Peter Göbel sind deshalb möglichst früh auf den Beinen. Starkregen versickere dagegen sofort und gefährde den Riesling nicht. Auch die Temperaturen machten ihm nichts aus. Denn die langen Wurzeln erreichten problemlos das Grundwasser. Auch seltene Wildpflanzen wie Weißer Mauerpfeffer, Natternkopf, Zimbelkraut oder Wipern-Perlgras sind auf den extremen Standort angewiesen. Besucht werden sie von seltenen Insekten wie dem Schwalbenschwanz. Mit sehr viel Glück fliegt auch mal ein weißer Apollo-Falter vorbei.

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In einer Monorackbahn lassen sich die Steillagen der Mosel ungewohnt intensiv erfahren.

Auch unter Winzern sind die extremen Steillagen wegen der hohen Sonneneinstrahlung nach wie vor begehrt. Um sich die Arbeit wenigstens zu erleichtern, haben viele Weingärtner sich vom Spezialisten Doppelmayr aber robuste Transportbahnen verlegen lassen. Auf einer verstärkten Wasserleitung mit untergeschweißter Zahnstange klettert ein sogenannter Traktor mit knatterndem Dieselmotor auch im Valwiger Herrenberg über eine Monorackbahn aufwärts. Die Mauern der Terrassen steigt er dabei senkrecht empor. Steigungen von 100 Prozent sind möglich – mit bis zu 250 Kilogramm Fracht im Anhänger. Alternativ dürfen auch zwei Personen mitfahren. Einige Winzer bieten das Vergnügen für Besucher an, die eine Weinprobe direkt im Berg mit einer Prise Abenteuer verbinden möchten. Die Höchstgeschwindigkeit liegt zwar bei beschaulichen fünf Stundenkilometern. Aber besonders bei der Talfahrt sollte man nicht unter Höhenangst leiden, wenn sich der Traktur wie in einer Achterbahn unaufhörlich in die Tiefe windet – die Moselschleife tief unten stets vor Augen.


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