Dänemark Zu Gast bei den Wikingern

Von Martin Wein

Ribes erste Straße aus dem frühen 8. Jahrhundert. Nur die Knochen als Grundlage hat man durch Holzbohlen ersetzt.Ribes erste Straße aus dem frühen 8. Jahrhundert. Nur die Knochen als Grundlage hat man durch Holzbohlen ersetzt.
Martin Wein

Ribe. Ribe im Süden Jütlands ist ein Musterbeispiel dänischer Behaglichkeit. Die erste Stadt Dänemarks war bis in die Neuzeit ein wichtiger Nordseehafen. Dann retteten Sand und ein Dornröschenschlaf das Idyll vor der Moderne.

Für heutige Reisende wirkt die Anreise etwas unpraktisch. Von der großen Europastraße 45 aus Richtung Flensburg kommend, muss man kurz hinter Apenrade auf die ungleich kleinere Landstraße 24 wechseln und einmal schräg die Halbinsel Jütland durchqueren. Kurz vor dem Ziel überraschen dann zwei Kreisverkehre in der flachen Marsch, die hier zwischen Kuhweiden ähnlich unerwartet auftauchen wie ein Ufo. Wer nun nicht schleunigst den nächsten Parkplatz ansteuert, der rollt wenig später über unbequemes Kopfsteinpflaster direkt vor die mächtige Domkirche von Ribe wie ein Gestrandeter Zeitreisender im Mittelalter.

Eine Zeitreise ins Mittelalter

„Wie Sie sich denken können, war das nicht immer so“, sagt wenig später Anni Møller-Christensen ohne jeden Anflug von Ironie in der Stimme. Früher war Ribe über die Mündung des Flüsschens Ribe Å direkt mit der Nordsee verbunden, verrät die Stadtführerin. Das war so bequem, dass die Stadt bis in die Neuzeit Dänemarks wichtigster Nordseehafen blieb. Friesische Händler hätten schon ab dem 8. Jahrhundert Glaswaren und Keramik, Tuche und Metall aus Bremen, Köln, ja aus Groningen und Brügge nach Ribe geschifft. Wie aus dem Nichts entstand spätestens um 720 eine Stadt in einer Weltgegend, wo es so etwas vorher nie gegeben hatte. Drei Meter unter den heutigen Straßen haben Archäologen in den letzten Jahren Tausende Funde aus dieser Zeit der Wikinger eingesammelt. Gegenüber vom Dom fanden sie 83 Gräber auf Dänemarks ältestem christlichen Friedhof, angelegt ab 855. Seit Juni 2021 kann man die sterblichen Überreste der ersten Bewohner und die Mauern des ersten Kapitelhauses direkt am Fundort in einer kleinen Ausstellung besichtigen.

Martin Wein
Hausherrin Frieda bereitet im großen Langhaus im Viking-Center von Ribe ein Festmahl vor. Alle Gebäude wurden nach archäologischen Funden rekonstruiert.

Ihre Nachfahren warteten stilecht im Viking-Center, verrät Anni Møller-Christensen und schickt die Gäste mit freundlichen Grüßen für Frieda zurück durch den großen Kreisverkehr ein paar Kilometer nach Süden. Ursprünglich als Beschäftigung für arbeitslose Jugendliche entstanden, ist das Viking-Center zu einem lebendigen Freilichtmuseum herangewachsen, in dem man sommers sogar für eine oder zwei Wochen einziehen kann. Es gibt gut versteckt Duschen und Toiletten mit Wasserspülung. Ansonsten muss man aber Konzessionen an die Epoche machen, die hier zu neuem Leben erwacht ist wie in der Erfolgsserie „Vikings“ um Wikinger-Führer Ragnar Lodbrok und dessen Familie.

Frieda arbeitet hier in den Sommermonaten als Hausherrin im imposanten Langhaus. Sie beaufsichtigt die Kochstelle und die Zubereitung eines deftigen Eintopfes. Mit bürgerlichem Namen heißt die 34-Jährige Mia Sophia Sellerup. Aber am liebsten verschwindet sie ganz in ihrer Rolle. In Wahrheit sei die geräumige Immobilie aus Holz trotz der großen Familien eher etwas für den Sommer und für Festveranstaltungen gewesen. „Im Winter bezog man definitiv kleinere Häuser, die sich besser heizen ließen“, verrät sie.

Die Zeit der Wikinger wird wieder lebendig

Anhand der archäologischen Funde haben Frieda und ihre Wikinger-Kollegen sich bemüht, Ribe in verschiedenen Zeitabschnitten wieder lebendig werden zu lassen. Der Marktplatz um 710, der Hafen um 750, die Stadt anno 825 und die erste hölzerne Kirche von Bischof Ansgar aus Bremen liegen auf der Route. In letzterer zeigt das Altarbild Jesus nicht am Kreuz, sondern nach dem Geschmack der Nordmänner als Kriegsfürsten mit einem Raben an der Seite. Man kann mit spinnenden und webenden Mägden schwatzen, beim Schmied vorbeischauen oder bei einem Juwelier, der aus Mosaiksteinen der antiken Welt neue Schmuckperlen schleift. Auf dem Ringwall wird gekämpft und auf dem Gutshof leben Gänse, Schafe und urtümliche Rinder. Der Grad an Authentizität ist beachtlich. „Im Herbst schlachten wir vor Publikum wie in alter Zeit“, sagt Frieda. Später gebe es Blutwurst für alle. „Noch nie hat sich ein Besucher beschwert“. Sogar die Kinder fänden’s spannend.

Schließlich könne man von den Wikingern manches lernen, kernigen Leuten, die ihren Nachfahren im Mittelalter in punkto Gesundheit deutlich überlegen waren. „Sie hatten gesunde Zähne und kräftige Knochen“, sagt Frieda. Zucker, Nikotin und Alkohol in großen Mengen waren noch Zukunftsmusik. Eine Zeitmaschine ins alte Ripa würde Frieda trotzdem nur mit einem Rückflugticket besteigen. Vieles sei heute doch einfach bequemer.

Trip-Tipps

Ribe
Anfahrt: Ribe liegt etwa eine Autostunde nördlich von Niebüll bzw. 1,5 Stunden nordwestlich von Flensburg im Hinterland der Nordseeküste (ca. 5 km). Am besten parken Sie vor dem historischen Ortskern.
Unterkunft: In historischen Mauern wohnt man in Dänemarks ältestem Hotel von 1581. Das Hotel Dagmar am Domplatz empfängt in viktorianischem Dekor und mit hervorragender Küche. Beste Wahl im Städtchen. DZ ab ca. 150 Euro.
Anschauen: Dom zu Ribe, tägl. 10 – 15 Uhr, sonn- und feiertags ab 12 Uhr, in der Hauptsaison länger, www.ribe-domkirke.dk; Ribe Viking Center, Lustrupvej 4, geöffnet bis 29.8. tägl. 11 – 17 Uhr, bis 22.10. Mo – Fr 10 – 15.30 Uhr; Museet Ribes Vikinger, Odins Plads 1, Juli – August 10 – 17 Uhr, September – Juni Di – So 10 – 16 Uhr; Hex! Museum der Hexenjagd, Stortebrodregade 1, bis Ende August tägl. 10 – 17 Uhr, danach 10 – 16 Uhr, November bis März montags Ruhetag. 
Erleben: Ausflüge in den Nationalpark Dänisches Wattenmeer.

Zum Beispiel, dass man sich nach dem Besuch einfach ins Auto setzen und Minuten später in der Fußgängerzone ein dänisches Softeis schlecken kann. Der Blick fällt dabei auf Flaneure aus Dänemark und Deutschland, die Ribe gleichermaßen als Ausflugsziel zu schätzen wissen. Und er fällt natürlich auf den mächtigen Dom als steingewordenes Symbol für die aufstrebende Stadt. Die Trachytsteine für seinen Bau wurden Anfang des 12. Jahrhunderts eigens vom Drachenfels bei Bonn über den Rhein und die Nordsee verschifft. Das muss man sich erstmal leisten können.

Martin Wein
Der mächtige Dom von Ribe ist der älteste im Land. Die Steine dafür stammen aus dem Rheinland.

Hygge pur

Siebenmal hat es in Ribe im Mittelalter gebrannt. Die Pest wütete ebenso wie mehrere Sturmfluten. Trotzdem hat sich die Stadt immer wieder berappelt. Dass ihr das neugegründete Esbjerg 25 Kilometer weiter nördlich schließlich den Rang ablief, lag allein daran, dass der Zugang zum Wattenmeer weitgehend verlandete und nicht mehr schiffbar war. Die Stadt versank in Armut. 1895 wussten Ribes Geschäftsleute das Manko immerhin zu nutzen und gründeten den ersten Fremdenverkehrsverein in Dänemark. Die Fachwerkhäuser, die vorher ein Zeichen von Armut gewesen waren, wurden nun zum Pfund. Mit vielen Rosensträuchern an den Fassaden, mit alten Laternen, Buckelpflaster und dem ehemaligen Hafen am Flussufer ist das ganze 8000-Einwohner-Städtchen heute so hyggelig wie eine Instagram-Idylle – aber eben ohne Filter. Im Hotel Dagmar am Domplatz brennt Licht wie seit 1581.

Martin Wein
Der Ribe Å ist nur noch für kleine Boote schiffbar, bietet aber eine Bilderbuchkulisse.

Und in einem alten Hinterhaus der Sortebødegade erinnert seit letztem Jahr ein künstlerisch gestaltetes Museum mit vielen Anregungen zum Nachdenken an die Hexenverfolgungen, die neben halb Europa und Nordamerika auch Ribe in der frühen Neuzeit erschütterten. Selbst das kleinste Haus der Stadt ist noch bewohnt. Statt einer Familie mit neun Kindern wie im Jahr 1900 wohnt auf den 25,5 Quadratmetern heute allerdings ein Single. Auch in Ribe ändern sich die Zeiten.


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