Niedersachsen Klare Formen in Celle

Von Martin Wein

Im Wasserschloss mit seiner prachtvollen Kapelle residierten die Herzöge von Braunschweig-Lüneburg. Heute ist es ein Museum.Im Wasserschloss mit seiner prachtvollen Kapelle residierten die Herzöge von Braunschweig-Lüneburg. Heute ist es ein Museum.
Martin Wein

Celle. Die Fachwerkstadt am Rand der Lüneburger Heide präsentiert sich mit dem architektonischen Erbe Otto Haeslers auch als Bauhaus-Stadt.

Die Residenz für den Schulleiter eines über 600 Jahre alten Gymnasiums stellt man sich sicherlich anders vor als den weißen Kasten in der Magnusstraße 5 in Celle. Im Grunde genommen sind es mehrere Kästen, über- und nebeneinander geschachtelt, mit langen, klar gegliederten Fensterfronten, aber auch großen, reinweißen Wandflächen ohne jeden Lichteinfall. Aktuell nutzt Dr. Walter Jochim die Räumlichkeiten für seine Galerie. 1930 aber hat sie der Celler Architekt Otto Haesler im Auftrag der Preußischen Bauverwaltung als Direktorenvilla für das Ernestinum geplant und gebaut.

Architektonisches Juwel im Süden der Lüneburger Heide

Celle gilt als architektonisches Juwel im Süden der Lüneburger Heide. Über 900 sanierte Fachwerkhäuser reihen sich vor allem in der Neuen Straße und der Zöllnerstraße aneinander. Sie bilden das größte derartige Ensemble in Europa. Schon seit mehr als 120 Jahren stehen sie unter örtlichem Schutz. Und im Zweiten Weltkrieg wurden sie nicht in Brand gebombt. Nur ein paar Schritte westlich thront dann das prächtige Residenzschloss der Herzöge von Braunschweig-Lüneburg hinter einem Wassergraben. Die Schlosskapelle gilt als eine der schönsten evangelischen Hofkirchen Europas. Eine Glasscheibe schützt die einzigartigen Malereien vor der Atemluft der Besucher.

Martin Wein
Die Siedlung Italienischer Garten von 1925 gilt als weltweit erste des Neuen Bauens. Ihre roten und blauen Fassaden könnten heute wieder modern sein.

Einen Bauhaus-Quader erwartet man nicht in diesem Umfeld. Aber besagter Otto Haesler hat Celle an vielen Stellen seinen Stempel aufgedrückt. Damit war die Stadt lange ein Geheimtipp für alle Architekturfreunde, die das Neue Bauen der 1920er-Jahre kennenlernen wollten. Denn dessen Beispiele sind im Norden rar gesät. Sonst fallen in Niedersachsen nur noch das Fagus-Werk in Alfeld aus dem Jahr 1911 oder die Bauten von Fritz Schupp und Martin Kremmer am Rammelsberg-Bergwerk in Goslar in diese Kategorie.

Barock trifft Bauhaus

Zum Bauhaus-Jubiläum hat Celle Tourismus das Thema 2019 unter dem Titel „Barock trifft Bauhaus“ aufgegriffen. Neben geführten Touren und einem beschilderten Rundweg mit QR-Codes fürs Smartphone zur Altstädter Schule, zur Siedlung Georgsgarten oder zur Direktorenvilla des Ernestinums haben auch viele Institutionen der Stadt das Thema für die Einheimischen aufgegriffen. Die Volkshochschule bot Kurse zum Bauhaus und zu Otto Haesler an, in einigen Schulen gab es Projektwochen und im Schlosstheater ein biographisches DraEma. Auch das Otto-Haesler-Museum wurde eigens neu konzipiert und umgebaut. Es zeigt neben Fotos und Plänen Arbeiter-Wohnungen aus der Zeit des Bauhauses und der 1950er-Jahre, eine Flüchtlingsunterkunft von 1945 und ein original Wasch- und Badehaus Baujahr 1931.

Dabei waren es zwei glückliche Umstände, die Celle diesen Schatz der Moderne in die Hände gespielt haben, zum ersten kam es im Frühjahr 1906. Damals gewann der 26 Jahre alte Haesler, der Sohn eines Kirchenrestaurateurs aus München und inzwischen ausgebildeter Baugewerksmeister in Frankfurt am Main, den Wettbewerb zum Ausbau des Kaufhauses Freidberg am Celler Markt. Nach dem Ende der Arbeiten plante Haesler, „nach Italien zu reisen und dort studienhalber tätig zu sein“, wie er später schrieb.

Nun kam es zur zweiten glücklichen Fügung. Als Freimaurer und durch seine Hochzeit mit der Tochter eines vermögenden Brauereibesitzers fand er schnell Gönner im Keksfabrikanten Senator Hary Trüller und im Farbenhersteller Heinrich Steinberg. Beide setzten auf ihn beim Ausbau ihrer florierenden Unternehmen. Und Haesler war sich für keinen Auftrag zu schade: Für Trüller baute er beispielsweise einen Schornstein, Silos, eine Müllgrube und die Kraftzentrale, die heute noch steht.

Trip-Tipps

Celle
Anreise: Mit dem Pkw über die A81 und A7 sowie die B3 bis Celle, 540 km, ca. 6 Stunden, mit der Bahn über Hannover in knapp 5 Stunden (www.bahn.de)
Übernachten: Zum Beispiel: Hotel Schifferkrug: Das familiengeführte Hotel in einem alten Fachwerkhaus aus dem Jahr 1685 hat einen liebevoll gepflegten Garten mit vielen Blumen, DZ ab 68 Euro,
 www.schifferkrug-celle.de;
Hotel Celler Hof: Das Haus liegt in Sichtweite vom Residenzschloss mitten in der Altstadt, DZ ab 85 Euro, www.cellerhof.de; Althoff Hotel Fürstenhof*****: In einem barocken Palais aus dem Jahr 1650 empfängt die Gäste moderner Luxus mit Pool und Beauty Lounge, DZ ab 110 Euro , www.althoffcollection.com
Ansehen: In der Tourist-Info am Markt 14 -16 gibt es einen Flyer zum Bauhaus in Celle. Von April bis Ende Oktober fährt – vorbehaltlich der Infektionslage – tägl. um 13 Uhr die Brauhaus-Bahn. Samstags um 15 Uhr beginnt ein geführter Rundgang, Treffpunkt für beides vor dem Residenzschloss.
Otto-Haesler-Museum: Galgenberg 13, 29221 Celle, Mi – So von 13 bis 17 Uhr, Eintritt frei

Nach dem Ersten Weltkrieg trat Haesler dann an, die Wohnungsnot zu lindern. Er setzte auf Typisierung der Siedlungshäuser und die neue Stahlskelettbauweise. Sein „Italienischer Garten“ von 1925 galt als erste Wohnsiedlung des Neuen Bauens überhaupt. Die Siedlung Georgsgarten war 1926 der erste Komplex mit industriell gefertigten Zeilen. Mit der Einweihung der Altstädter Schule zwei Jahre später errang Haesler schließlich Weltruhm. „Indem er die Bedürfnisse der zukünftigen Bewohner oder Nutzer in den Mittelpunkt seiner Planung stellte, revolutionierte er in den 20er Jahren den Wohnungs- und auch den Schulbau“, erklärt Stadtführerin Christa Förster bei einem Rundgang. Noch heute seien die Wohnungen etwa im Italienischen Garten sehr begehrt und schwer zu bekommen. In der Großsiedlung Blumenberger Feld dagegen stelle sich derzeit die Frage der Erhaltung. Eine denkmalgerechte Sanierung der teils nicht zeitgemäßen Baumaterialien nach heutigen energetischen Standards sei ohne finanzielle Zuschüsse nicht zu bezahlen.

Martin Wein
900 Fachwerkhäuser haben in Celle die Jahrhunderte überdauert und sind heute prachtvoll restauriert. Dabei ist die Innenstadt belebt und lebendig geblieben, weil sich nach städtischer Satzung in jedem Erdgeschoss ein Ladenlokal befinden muss.

Neben Walter Gropius und Hannes Meyer wurde Haesler ein Wegbereiter der Neuen Sachlichkeit in der Architektur. Da machte es auch nichts, dass er 1930 den Direktoren-Posten im Dessauer Bauhaus ablehnte und lieber in Celle blieb. Erst die Nationalsozialisten beendeten Haeslers Karriere abrupt. Ihnen waren die demokratischen Ideen der Neuen Sachlichkeit verhasst. Der Architekt zog sich schon 1934 aus dem Geschäft und der Öffentlichkeit zurück. Er starb 1962. Ein Jahrhundert später ist sein Werk mit den klaren Formen und den leuchtenden Grundfarben wieder absolut hip. Die rot und blau getünchten Häuser im Italienischen Garten mit ihren weiß abgesetzten Ecken und Fenstern wirken so frisch, als wären sie erst kürzlich gebaut worden.


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