Zwei Volvos im Vergleich: Von Buckeln und Bremsen Wie schlägt sich Volvos Legende PV 444 gegen den elektrischen XC40?

Klassiker gegen Moderne: Links der legendäre Volvo-Buckel PV 444, rechts der elektrische XC40.Klassiker gegen Moderne: Links der legendäre Volvo-Buckel PV 444, rechts der elektrische XC40.
Thorsten Weigl/Volvo

Osnabrück. Klassiker gegen modernes E-Auto: Wie schlägt sich der Volvo PV 444 im Vergleich mit dem Volvo XC40 Recharge Pure Electric?

Mit dem PV 444 bringt der schwedische Hersteller Volvo 1944 ein Modell auf den Markt, das eine Art schwedischer Volkswagen wird. Rund 440 000 Exemplare vom PV 444 sowie dem optisch fast gleichen Nachfolger PV 544 werden bis 1965 gebaut. Der „Buckel-Volvo“ ist heute allerdings ein ausgesprochen seltener Gast auf deutschen Straßen. Ein Modell, das kurz zuvor noch gut behütet in der Göteborger Volvo-Zentrale stand, fand den Weg nach Deutschland und stand für eine Ausfahrt in der Region Münster und dem Tecklenburger Land zur Verfügung. Und, um den Bogen ins Hier und Jetzt zu spannen, ebenso ein rein elektrischer Volvo XC40 Recharge Pure Electric zum Vergleich.

„Die Lüftung kann man auf warm stellen. Oder auf warm.“Volvo-Sprecher Michael Schweitzer

Volvo XC40 Recharge Pure Electric

Die ersten Kilometer in der Radfahrerstadt Münster und im Umland absolviere ich im mir bekannten XC40. Das mit gleich zwei Elektromotoren, einem an der Vorder-, einem an der Hinterachse, ausgestatte Elektro-SUV kommt so auf stattliche 408 PS. Der Sprint auf Landstraßentempo dauert keine fünf Sekunden.

Thorsten Weigl/Volvo
Unterwegs im Volvo XC40 Recharge Pure Electric.

Was aber im modernen Schweden besonders fasziniert, ist zum einen – natürlich – das lautlose Anfahren, der Nachdruck, mit dem Überholvorgänge absolviert werden können sowie der elektrische und digitale Komfort im Innenraum. Großer Hochkant-Touchscreen, jede Menge Dinge und Einstellungen zum Drücken, Wischen und Tippen, eine Klimaanlage, die für die temperaturgenaue Kühle sorgt, jede Menge elektronische Helfer überwachen Fahrer und Verkehr, sorgen gegebenenfalls für eine Warnung oder sogar einen beherzten Eingriff ins System, wenn ein Unfall droht.

Thorsten Weigl/Volvo
Luxus und Komfort an Bord des XC40.

Ein Pedal reicht zum Fahren

Besonderheiten beim Fahren: Im Elektroauto muss nicht geschaltet werden und auch keine Automatik dahingehend aktiv werden, hier reicht ein Gang. Auf Wunsch kann der „One-Pedal-Drive“ aktiviert werden. In dieser Einstellung rekuperiert das Fahrzeug, sobald man den Fuß vom Gas nimmt, so stark, dass man weitgehend ohne Bremse auskommt. Kurzum: Der elektrische Volvo XC40 bietet so gut wie alle Annehmlichkeiten des modernen Autos, fährt lokal schadstofffrei und unterstützt den Fahrer nach Kräften im wuseligen Straßenverkehr. Und hat den Internet-Suchdienst Google in mannigfaltiger Art ins Bordsystem integriert.

Volvo PV 444

Von solchen Dingen ist man im 1953er Volvo PV 444, der nach einem Fahrzeugwechsel in der Nähe des Flughafens Münster/Osnabrück in Greven wartet, dann doch ein gutes Stück entfernt. Radio? Fehlanzeige. Klimaanlage? „Die Lüftung kann man auf warm stellen. Oder auf warm“, lacht Volvo-Sprecher Michael Schweitzer, der die Tour bei rund 25 Grad Außentemperatur durchs Münsterland begleitet.

Thorsten Weigl/Volvo
Unterwegs im Klassiker PV 444.

Ansonsten? Ein paar karge Anzeigen für Tank, Ölstand und Batterie. Die winzigen Scheibenwischer bewegen sich, wenn man an einem Knopf zieht, auch das Licht wird so angeknipst. Und es gibt einen Choke-Knopf – diese Starterklappe war früher Bestandteil fast jedes Benziners und sorgte dafür, dass der Motor weniger Luft und mehr Kraftstoff beim Starten bekommt und so besser anspringt.

In 22 Sekunden auf Tempo 100

Und wie der fast 70 Jahre alte Motor anspringt! Seidig weich, absolut gleichmäßig schnurrt der Vierzylinder, der je nach Motordrehzahl zwischen 40 und 51 PS leistet. Rund 22 Sekunden dauert der „Sprint“ auf Tempo 100, schon kurz danach ist auch schon Schluss mit dem Vortrieb – wen kümmert das, wenn man mit Tempo 90 und aufgestellten Seitenscheiben (wer braucht da eine Klimaautomatik?) durch den Teutoburger Wald cruist?

Thorsten Weigl/Volvo
Dünnes Lenkrad und karge Ausstattung im Innenraum des PV 444.

Im Vergleich zum elektrischen XC40 zeigt sich der automobile Fortschritt von fast 70 Jahren: Der PV 444 (PV: schwedische Abkürzung für Personenwagen, die Ziffern bedeuten 4 Zylinder, 40 PS, 4 Sitze) verfügt zwar über Gurte auf den vorderen Plätzen – damit betrat Volvo einst Neuland. Elektronische Assistenten sind dagegen natürlich nicht an Bord, und während im XC40 jede Menge Stellmotoren ihren Dienst verrichten, gibt es im Buckel nur einen Motor – den unter der Motorhaube nämlich.

Drei Gänge und ein langer Stock

Das Drei-Gang-Getriebe mit langem Schaltstock gibt sich erstaunlich handzahm. Der erste Gang ist zwar nicht synchronisiert, doch wenn man nur im Stand zurückschaltet, kommt man ohne herzzerreißende Knirsch-Geräusche aus dem Getriebe davon. Dass keine Seitenspiegel vorhanden sind, fällt vor allem auf den von Radfahrern bevölkerten Straßen Münsters negativ auf. Die Bremse muss heftig getreten werden, um den keine 1000 Kilo leichten Schweden zum Stehen zu bringen. One-Pedal-Drive? Eher Wadenkrampf-Drive. Den linken Fuß zur Entspannung ablegen, kann Probleme bringen: Das Fernlicht wird per Fußtritt auf einen Knopf unten links im Fußraum angeschaltet.

Thorsten Weigl/Volvo
Klassiker gegen Moderne.

Trotz des großen Lenkrads, im Stile der 50er-Jahre mit ultradünnem Lenkkranz ausgestattet, kann man den alten Schweden durchaus sportlich um die Kurven pilotieren. Die damals vor allem in den USA erfolgreichen Sportvarianten kamen allerdings aufdoppelt so viele PS wie der PV 444, dem ich jetzt leider „hejdâ“ sagen muss.

Fazit

Aber ganz ehrlich: Auch 40 PS reichen für eine lässige Landpartie aus. Der „Buckel“ fällt optisch auf im Straßenverkehr, der elektrische XC40 tut dies, weil er sich bei langsamem Tempo lautlos anschleicht (klingt widersprüchlich, ist aber so). Ob der XC40 angesichts seiner Preise zum neuen schwedischen Volkswagen werden wird, darf bezweifelt werden – aber die Chancen, dass zumindest das neue Volks-Auto einen batterieelektrischen Antrieb besitzt, stehen sehr gut. Für die Sonntags-Ausfahrt darf man auch weiterhin einen Klassiker wie den PV 444 nehmen. Oder einfach mal aufs Fahrrad steigen. Klappt in Münster ja auch gut.


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