Lübeck In die Gänge kommen

Von Martin Wein

Großstadtidylle: Die Altstadtinsel vom Malerwinkel jenseits der Kanaltrave aus gesehen.Großstadtidylle: Die Altstadtinsel vom Malerwinkel jenseits der Kanaltrave aus gesehen.
Martin Wein

Lübeck. In der Ostsee-Stadt kann man morgens umgeben von Geschichte aufstehen und abends in historischem Ambiente ins Bett sinken. Dabei sprüht die Königin der Hanse vor Lebensfreude und lockt nicht nur mit bekannten Bauten.

Schwere Kristalllüster aus Venedig spiegeln ihr Licht auf dem blank polierten Marmorboden. Sofas mit rotem Samtbezug stehen an den Wänden unter den riesigen Goldrahmen mit den zehn allegorischen Darstellungen der Tugenden einer guten Regierung. Einen Italiener hat man eigens damit beauftragt und Übergrößen bestellt. Nur die Verschwiegenheit hat Meister Torelli übrigens als Mann gezeichnet. Alles vom Feinsten jedenfalls im Audienzsaal des Lübecker Rathauses von 1285. Dessen gotische Scheinfassade ist derart großzügig ausgefallen, dass nur große Windlöcher sie seit bald 750 Jahren vor dem Umfallen bewahren.

Martin Wein
Der Audienzsaal im Lübecker Rathaus ist die gute Stube der Stadt. Hier kann man auch heiraten - umgeben von feinstem Rokoko.

Die Wahl der richtigen Tür

Gerrit Bahr weiß um die Wirkung, die die Vorzeigestube seiner Heimatstadt im ersten Augenblick auf Besucher hat. Es ist ein innehaltendes Staunen, das Gefühl eigener Winzigkeit angesichts der offensichtlichen Macht einer stinkreichen Stadtrepublik, ja der unadressierten Zentrale einer halb Europa umspannenden Handelsmacht. Wer Lübeck heute als „Königin der Hanse“ erleben möchte, der lässt sich deshalb am besten als erstes von Bahr oder einem seiner Kollegen in der Pförtnerloge des Rathauses das mächtige Eichenholzportal in den Audienzsaal im Erdgeschoss aufsperren .Allerdings ist das Dekor nicht mehr mittelalterlich. Es stammt aus dem Rokoko, als die Hanse längst ihre Macht eingebüßt hatte. Aber das Gefühl bleibt.

„Bei uns hat ja eigentlich alles Geschichte.“Doris Schütz

„Dabei ist es ganz wichtig, durch welche Tür Sie den Saal wieder verlassen“, sagt Bahr, der in bald 40 Jahren Dienst für die Stadt Lübeck deren Geschichte zu seiner eigenen gemacht hat. Das prächtige Holzportal von Tönnies Evers lässt zwei Möglichkeiten zu. Dabei ist die rechte Tür höher als die linke, bei der man ganz automatisch den Kopf senkt, um nicht gegen das massive Eichenholz zu stoßen. Wohl dem, der früher rechts den Saal verlassen durfte, aus Ehrfurcht wie bei einer Monarchen-Audienz rückwärts versteht sich. Denn er hatte beim Obergericht der Hanse einen Freispruch erworben, das hier über Jahrhunderte seinen Dienstsitz hatte. Allen anderen blieb Schimpf und Schande.

Doris Schütz, die für Lübeck Tourismus arbeitet, entfährt ein Stoßseufzer. „Bei uns hat ja eigentlich alles Geschichte“, sagt sie. Dann bringt sie Heike Malzahn ins Spiel. Soll doch die Stadtführerin in dem Kuddelmuddel aus Kirchen, Gassen, Höfen, Gängen und noch 300 Gaslaternen ein wenig für Ordnung sorgen. „Da müssen wir uns aber ranhalten“, sagt Malzahn und steuert schnellen Schritts auf das Stadtmodell auf dem Marktplatz vor dem Rathaus zu. 1143 habe Graf Adolf II. vom Schaumburg und Holstein Lübeck als erste Stadt an der Ostsee gezielt gegründet. Er lockte Händler aus Westfalen und dem Rheinland, die vor allem Salz aus Lüneburg nach Skandinavien weiterreichten. 1226 erklärte Kaiser Friedrich II. Lübeck für „reichsfrei“. Man war also niemand anderem als dem Kaiser untertan. Nicht mal der Kirche. „Das sieht man“, sagt Malzahn und zeigt die riesige Marienkirche, die als Marktkirche der Kaufleute seit 1351 auf dem höchsten Punkt der Altstadt gleich hinter der zentralen“ Breite Straße“ in den Himmel strebt. Sie wurde zum Vorbild von mehr als 70 Backsteinkirchen in Norddeutschland und ist viel präsenter als der 100 Jahre ältere ziemlich abseits gelegene Dom.

Das Wahrzeichen der Stadt: das Holstentor 

Zum Schutz vor den Dänen mauerte sich Lübeck auf seiner Insel in der Trave ein. Dass das Holstentor heute Wahrzeichen der Stadt ist, ist dabei eher Zufall. Schließlich waren ihm einst drei weitere vorgeschaltet. Nur mit einer Stimme Mehrheit im Stadtrat sei das Tor erhalten geblieben, als man im 19. Jahrhundert einen Standort für einen Bahnhof suchte, berichtet Malzahn.

Martin Wein
Ein Wahrzeichen für hanseatische Größe: das Holstentor. Um ein Haar wäre es abgerissen worden.

Heute reist das Abbild des Tores auch als Logo auf dem Marzipan der Firma Niederegger in alle Welt. Seit 1822 mischt das Familienunternehmen Zucker und Mandelmasse, röstet sie, fügt Aromen für 100 Geschmacksrichtungen hinzu, taucht sie in Zartbitterschokolade, formt sie, färbt sie ein oder verarbeitet sie weiter. Weil ein Stück Nusssahnetorte unter den Arkaden des Marktes oder im Café Niederegger in der Breite Straße ohnehin Pflicht ist, kann man hier auch gleich die lebensgroßen Marzipanfiguren der wichtigsten Menschen in der Firmengeschichte im eigenen kleinen Museum bewundern. 30 Tonnen Rohmasse produzieren sie heute am Stadtrand und im Café vor Weihnachten auch schon mal 100 Nusstorten, verrät Marketingleiterin Kathrin Gaebel.

120 Lübecker Gänge

Die verzehrten Kalorien verbrauchen sich wie von selbst beim anschließenden Gang durch die 120 Lübecker Gänge. Die entstanden, als Lübeck im 14. und 15. Jahrhundert boomte. „Für die ärmeren Handwerker und Handlanger war nur Platz hinter den Steinhäusern an den Straßen“, erklärt Heike Malzahn. Auf Anordnung des Rates wurden deshalb hölzerne Budenreihen gezimmert, die den Eigentümern erst Verdruss und dann gute Mieten einbrachten. Noch bis 1900 waren viele der fensterlosen Buden bewohnt. Heute ersetzen winzige Steinhäuschen sie vielerorts. Dunkelgrüner Gang, Haasenhof, Kalandsgang oder viele andere sind alternative Refugien voller Blumen und Gartenmöbel, Windspiele und Kinderdreiräder mitten in der Großstadt. „Komm in die Gänge“ wirbt die städtische Marketing-GmbH. Die unscheinbaren Eingänge übersieht man allerdings leicht. Eine urbane Oase ist auch der Füchtingshof, der einst als Stiftshof für Witwen von Schifffern und Kaufleuten entstand. Noch heute ist er alleinstehenden älteren Damen vorbehalten. Bis Sonnenuntergang stehen seine Tore auch Besuchern offen. Nicht nur vom jenseitigen Ufer der Kanaltrave, dem sogenannten Malerwinkel, wirkt Lübeck damit auch im 21. Jahrhundert sowohl idyllisch wie belebt.

Martin Wein
Lübecks Gänge sind legendär. 120 gibt es noch in der Stadt. Hier zu leben, ist ausgesprochen populär.

Ein Besuch im Europäischen Hansemuseum 

Wie aus dem Sumpf an der Trave die führende Stadt der Hanse emporwachsen konnte, deren Recht viele andere übernahmen und deren Mark jeder akzeptierte, lässt man sich am besten im Europäischen Hansemuseum erklären. In stimmungsvoll inszenierten Themenräumen reist man mit Lübecker Kaufleuten auf Hansefahrt zum Pelzhandel nach Nowgorod, später zum Stockfischhandel ins Kontor nach Bergen, zu den Tuchhändlern von Brügge und nach London. Dazwischen liegen klassische Museumsräume mit den archäologischen Funden. So wird schnell deutlich, wie mobil die Hanseaten des Mittelalters längst waren und wie sie bis ins 16. Jahrhundert selbst mit dem Adel um Reichtum und Einfluss konkurrierten.

Im Anschluss an diese Dosis Informationen kann man ihnen auf einem Flussschiff mit Bewirtung gleich die ersten 20 Kilometer bis zur Lübecker Bucht folgen. Wohlweislich hatte der Lübecker Rat das Gebiet von Anfang an als Teil der Stadt erworben, auch wenn das meiste davon bis heute etwa im Schellbruch oder am Dummersdorfer Ufer unter Naturschutz steht.Hinter den Anlegern der Ostsee-Fähren kommt schließlich der Alte Leuchtturm von Travemünde in Sicht. Schon Lübecker Akten aus dem Jahr 1316 verzeichnen einen Wärter für das hiesige Leuchtfeuer. Der Turm entstand 1827 und ist heute der älteste an der deutschen Ostsee. 142 Stufen führen hinauf. Von der Plattform können Besucher wie früher die Lotsen Ausschau nach ankommenden Schiffen halten. Allerdings hat man das Leuchtfeuer schon 1974 auf das Dach des dreimal höheren Maritim-Hotels gepflanzt. Eine Bausünde ersten Ranges. Aber das ist eine andere Geschichte.

Lübeck

Unterkunft: Ideal für einen historischen Stadtbesuch ist das 4-Sterne-Hotel Anno 1216, in der Alfstraße 36 zentral gelegen, mit modernem Komfort in einem Patrizierhaus aus dem 13. Jahrhundert. Alte Eichenbalken und Traveblick verleihen besonderes Ambiente. Kein Fahrstuhl. www.hotelanno1216.de
Einkehren: In der Schiffergesellschaft waren früher Lübecks Seeleute zwangsversichert. Vor 150 Jahren entstand daraus ein Restaurant mit maritimem Flair. Hier isst man gutbürgerlich im gehobenen Preissegment traditionell natürlich Scholle, Holsteiner Matjes oder Labskaus. Breite Straße 2, 23552 Lübeck, www.schiffergesellschaft.de, Fast schon Pflichtprogramm für Touristen ist ein Besuch im Café Niederegger. Im Obergeschoss ist das Marzipan-Museum frei zugänglich. Unten locken vor allem die berühmte Nusstorte oder der Marzipan-Cappuccino. Breite Straße 89, www.niederegger.de.
Anschauen: Europäisches Hansemuseum, An der Untertrave 1, www.hansemuseum.eu, geöffnet täglich 10 – 18 Uhr, Erw. 13 Euro, ermäßigt 9 Euro. Führungen durch das historische Rathaus werden wochentags um 11, 12 und 15 Uhr angeboten, am Wochenende um 15.30 Uhr.
Unternehmen: Turmfahrt auf den Glockenturm der St. Petri-Kirche, Petrikirchhof, Juni – September 10 – 19 Uhr, ansonsten 11 – 17 Uhr, Erwachsene 4 Euro, ermäßigt 2,50 Euro. Lohnend ist auch eine 90-minütige Bootsfahrt mit MS Hanse von Lübeck an die Ostsee in Travemünde, Abfahrt in Lübeck mehrmals täglich, An der Untertrave 12 – 13 (gegenüber dem Hansemuseum), einfache Fahrt 16 Euro, Kinder (bis 14) 11 Euro, www.hanse-travemünde.de. Zurück fahren auch Linienbusse. Wer mag, kann auch selbst ein kleines Motorboot mieten und (auch ohne Bootsführerschein) mit max. 6 Personen rund um die Altstadt tuckern, An der Obertrave / Ecke Marlesgrube, 1 Stunde 44 Euro, 2 Stunden 77 Euro, www.boot-now.de.
Info: www.luebeck-tourismus.de


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