Stralsund Heringskönig und Piratenskat

Von Ekkehart Eichler

Stimmungsvoll: Nikolaikirche und Backsteingiebel im Abendlicht.Stimmungsvoll: Nikolaikirche und Backsteingiebel im Abendlicht.
Ekkehart Eichler

Stralsund. Zwischen Welterbe und Moderne – die Hansestadt Stralsund begeistert mit Wasserlage und Altstadt. Mit blauem Sund und grünem Gürtel. Mit großer Pracht und kleinen Schätzchen.

Ein seltsames Monstrum baumelt von der gläsernen Decke im Foyer. Sieben Meter fünfzig lang und hundert Kilo schwer. Mit roter Rückenflosse, die einer Pferdemähne ähnelt. Und übersät von sage und schreibe 550.000 Warzen, die Modellbau-Könner per Hand auf die blau-silbrige Haut aufgetragen haben. Dieses seltsame Wesen ist ein Riemenfisch in imposanter 1:1 Nachbildung. Höchst selten zu sichten in seinem Unterwasserreich, vielleicht gerade darum aber immer schon ein Top-Kandidat für Gruselstorys über Seeschlangen und Meerungeheuer.

Ein Besuch im Ozeaneum

Den Exotenstatus freilich hat der Monsterfisch damit keinesfalls exklusiv. Im Ozeaneum am Hafen, dessen futuristische Gebäude vom Meer umspülte Steine symbolisieren und strahlend weiß kontrastieren mit der Backsteinfront der historischen Speicher, tummeln sich höchst anspruchsvolle Gesellen aus Nordsee, Ostsee und Polarmeer. Der rare Heringskönig zum Beispiel, der seine Rückenflosse zu einer Zackenkrone aufstellen kann. Die Seepferdchen aus den Graswiesen, für die sogar Jahreszeiten simuliert werden müssen. Oder die Kaltwasserkorallen aus 350 Meter Tiefe, die mundgerecht gezüchtetes Plankton bekommen und ultraviolettes Licht zum Leben brauchen.

Ekkehart Eichler
Das riesige Atlantikbecken fasst 2,6 Millionen Liter Wasser und ist Heimat von Ammenhaien, Rochen und Schwarmfischen.

In Europas Museum des Jahres 2010 gibt es 45 Aquarien. Herzstück mit 2,6 Millionen Litern und einem 11 Meter langen Schiffswrack als Blickfang ist das Becken „Offener Atlantik“. Hier schweben Rochen majestätisch durchs Wasser, tanzen Makrelen synchron im wogenden Schwarm, hängen die großen Ammenhaie „Anna“ und „Anton“ gern am Beckengrund ab. Eines der vier Gebäude ist den Riesen der Meere gewidmet: Modelle von Walen in Originalgröße hängen im Raum, Klanginstallationen simulieren den Gesang der Meeressäuger. Und auf dem Dach tollen putzmunter quirlige Frackträger herum – zehn Humboldtpinguine sind die Stars im Revier und beliebt bei jedermann.

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Pinguin-Fütterung: Der Felsen für die Humboldt-Pinguine befindet sich auf dem Dach des Ozeaneums mit himmlischer Perspektive auf die UNESCO-Altstadt.

Von ihrem exklusiven Logenplatz schweift der Blick auf Stralsunds größten Schatz: die historische Altstadt, die seit nunmehr bald 20 Jahren Welterbe-Status genießt. Fast vollständig von Wasser umgeben, was einst effektiv gegen Angreifer schützte. Heute ein blauer von Grünflächen gesäumter Gürtel um den altehrwürdigen Stadtkern aus der Hanse- und Schwedenzeit. Auf der Landseite spiegeln Knieper- und Frankenteich die Kirchen, Türme, Bastionen und Mauern. Zum Strelasund hin öffnet sich der von Kanälen durchzogene Hafen. Und im Stadtkern stehen bedeutende Bauten der Norddeutschen Backsteingotik auf engstem Raum.

Die historische Altstadt von Stralsund

Da glänzt am Alten Markt zuallererst das ikonische Kronjuwel: die sechsgieblige Schaufassade vom Rathaus, die mit dem Doppelturm von St. Nikolai fast zu verschmelzen scheint. Schräg gegenüber grüßt das Wulflamhaus von 1380 mit Staffelgiebel und vier Pfeilertürmchen – Wohnsitz von Bürgermeister Bertram Wulflam, der seinerzeit als reichster Mann an der Ostsee galt. Der Giebel drei Häuser weiter hat noch hundert Jahre mehr auf dem Buckel und soll der älteste seiner Art überhaupt sein. Am Neuen Markt wiederum ragt St. Marien wie eine trutzige „Burg Gottes“ in den Himmel über Stralsund. Und als drittes Gotteshaus im Bunde wacht die Kulturkirche St. Jakobi seit Jahrhunderten aus luftiger Höhe über Stadtmauern und Giebelhäuser. Die drei „Roten Hünen“, wie man die Kirchen der Backsteingotik ehrfürchtig nennt, verführen übrigens nicht nur zu staunender Einkehr in ihre kreuzrippengewölbten Schiffe; mit Buchholz-Orgel, Stellwagen-Orgel und Jakobi-Orgel verfügen sie auch über Weltklasse-Instrumente, die regelmäßig ihre gewaltigen Stimmen zum Lobe Gottes hören lassen.

Stralsunds museales Flaggschiff wiederum ist das Deutsche Meeresmuseum in den mittelalterlichen Mauern des Katharinenklosters, das gerade seinen 70. Geburtstag feiert. Unter seinem Dach sind als Außenstellen auch Ozeaneum und Nautineum angesiedelt – letzteres präsentiert auf der vorgelagerten Insel Dänholm zum Beispiel die erste deutsche Tauchstation BAH-I und das Unterwasserlabor „Helgoland“. Eine herausragende Pionierleistung deutscher Ingenieurkunst, die geplant war für den mehrwöchigen Aufenthalt von Aquanauten – so hießen einst die Unterwasserforscher.


Bunt und attraktiv ist Stralsund aber nicht nur durch seine offensichtliche Pracht und Herrlichkeit. Viele kleine Juwelen wollen und können entdeckt werden. Das Jugendstil-Theater am Olof-Palme-Platz etwa, das außen wie innen so schön strahlt wie zur Eröffnung vor 100 Jahren. Der Hackertsche Tapetensaal am Rathaus etwa mit sechs penibel restaurierten wunderbaren Wandgemälden von 1762. Oder der Hiddenseer Goldschatz im Kulturhistorischen Museum, ein filigranes Geschmeide aus 16 Stücken, das 950 für den Wikingerkönig Harald Blauzahn gefertigt wurde (jawoll, genau DER Typ von und mit der Bluetooth-Rune).

Stralsund

Infos: Tourismuszentrale Stralsund,
Tel. (0 38 31) 2 46 90;
Tourismusverband Mecklenburg- Vorpommern,
Tel. (03 81) 4 03 05 00,

Internet: www.stralsundtourismus.de, www.deutsches-meeresmuseum.de, www.ozeaneum.de, www.nautineum.de, www.spiefa.de, www.auf-nach-mv.de

Spielkartenfabrik am Katharinenberg

Letzter Tipp: Was fürs Auge, aber auch für Kopf und Hände gibt es in der Spielkartenfabrik am Katharinenberg. An historischem Standort – bis 1931 war Stralsund DIE Hochburg deutscher Spielkartenfabrikation – stehen in einer Museums-Werkstatt sechs funktionierende alte Druckereimaschinen, die nicht nur Technikfans begeistern.

Ekkehart Eichler
Christian Klette von der Spielkartenfabrik mit einer hübschen Eigenschöpfung: Piratenskat.

An den historischen Maschinen werden nach wie vor Spielkarten produziert. Nach historischem Vorbild und auf handgeschöpftem Papier etwa ein Blatt aus Wallensteins Zeiten, aber auch originelle Eigenkreationen wie der Piratenskat mit seinen unheimlichen Typen. An vielen Wochenenden finden zudem Workshops und Intensivkurse statt: für Typographie und Buchdruck, für Druckgraphik und Buchbinden, für Papierschöpfen und selbstverständlich für Gestaltung und Produktion eigener Skatblätter.


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