Unterhaltsam, authentisch und überhaupt nicht kitschig Hochzeitstrends: Von der Kunst der freien Rede

Empathie, Bühnenpräsenz und ein offenes Ohr: All das braucht man für den Job als freie Rednerin, sagt Anja Kellersmann.Empathie, Bühnenpräsenz und ein offenes Ohr: All das braucht man für den Job als freie Rednerin, sagt Anja Kellersmann.
Christian Pristouscheck

Osnabrück. Sie sind längst passé: Die Zeiten, in denen Hochzeiten ausschließlich und rein klassisch im Standesamt oder in der Kirche zelebriert wurden. Immer mehr gefragt sind sogenannte „freie Trauungen“, die manchmal aus dem üblichen Rahmen fallen und an ganz speziellen Orten gefeiert werden.

Die Anzahl an freien Trauungen, bei denen eine „freie Rednerin“ oder ein „freier Redner“ die Zeremonie abhält, steigt, sagen Anja Kellersmann und Julian Hügelmeyer. Die beiden Hochzeitprofis berichten, was für diese besondere, andere Art der Zeremonie wichtig ist und was für Fähigkeiten man für diesen Job unbedingt braucht. 

Als freier Redner und freie Rednerin haben Sie schon unzählige Hochzeiten mitgemacht. Im Jahr 2020 konnten viele Feierlichkeiten nicht wie gewohnt stattfinden. Wie haben Sie Ihren Job in der Pandemie bisher erlebt?

Anja Kellersmann: Das war wirklich eine schwierige Situation. Der erste Lockdown war für die Brautpaare und uns zunächst ein großer Schock. Es wurden viele Hochzeiten zwangsweise abgesagt. Wir mussten erst einmal überlegen, wie wir damit umgehen und nicht in Panik geraten. Ich brauchte auch ein paar Wochen, um mich mit der Situation abzufinden. Wichtig war es für uns als freie Redner, dass wir auf unsere Paare und ihre Sorgen eingehen und zusammen mit ihnen an Lösungen arbeiten, wie die Feierlichkeiten an die Pandemiesituation angepasst werden können oder ob eine Verschiebung besser wäre. Ich konnte im letzten Jahr tatsächlich elf Trauungen durchführen. Anfang 2021 waren es gerade drei Mini-Trauungen, nur mit dem Brautpaar und mir. Das war schon aufregend und ich wollte das unbedingt toll hinbekommen.

Moritz Fähse
Julian Hügelmeyer und Anja Kellersmann wissen, wie eine gute Rede bei einer freien Trauung das Brautpaar und die Gäste in den Bann zieht.

Wer freie Redner und Rednerinnen bucht, möchte keine kirchliche Trauung feiern, trotzdem aber eine sehr persönliche Zeremonie erfahren. Nimmt die Anzahl an freien Trauungen zu? Wenn ja, woran liegt das?

Julian Hügelmeyer: Ja, auf jeden Fall. Freie Trauungen werden immer beliebter und die Nachfrage steigt. Das liegt daran, dass diese Art der Zeremonie einfach sehr persönlich ist. Daher brauchen wir unbedingt mehr freie Rednerinnen und Redner, die Lust haben, diesen Beruf zu ergreifen. Darum haben wir auch ein Seminar ins Leben gerufen, das den Start in diesen Job erleichtern soll. Das RedeKunstWerk ist eine IHK-zertifizierte Weiterbildung. Dort lernen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer alles rund um die Tätigkeit als freier Redner und Rednerin: Wie schreibe ich eine Rede, wie halte ich diese und was fällt an Bürokratie und Organisation alles an? Es geht um Bühnenpräsenz, Buchhaltung und die Redekunst. 

Sie sind bei der Planung der Feierlichkeiten stets an der Seite der Paare. Da sind sicherlich eine gute Organisation und sprachliche Sicherheit gefragt. Was braucht es für den Job noch an persönlichen Fähigkeiten?

Julian Hügelmeyer: Als freie Rednerin und freier Redner muss man unbedingt gut zuhören können. Wichtig ist auch, sich für Menschen und deren Geschichte zu interessieren. Außerdem gehört ein gewisses Talent dazu, sich so für die Paare zu öffnen, dass sie dir gerne ihre Wünsche bezüglich der Trauung berichten. So können wir optimal auf sie eingehen und ihnen einen schönen, unvergesslichen Tag bereiten.

Anja Kellersmann: Außerdem sollte man unbedingt viel Empathie mitbringen und Spaß und Freude haben, vor Menschen zu sprechen. Und: Als freie Rednerin habe ich eine große Verantwortung für das Gelingen der Feier, dieser sollte ich mir immer bewusst sein.

Geben Sie uns einen kleinen Einblick in den Redner(innen)- Alltag. Was sind die ersten Schritte beim Planen einer Hochzeitsrede?

Julian Hügelmeyer: Beim Schreiben der Rede ist der rote Faden das A und O. Es geht nicht nur darum, die Kennenlern-Geschichte des Paares zu erzählen, es geht darum, das Besondere an der Beziehung herauszuarbeiten. Die Rede sollte den Brautpaaren und Gästen in Erinnerung bleiben, sehr persönlich sein.

Anja Kellersmann: Darum sprechen wir vor dem Schreiben ausführlich mit den Hochzeitspaaren. So ein Traugespräch kann bis zu vier Stunden dauern und wir haben einen ausführlichen Fragebogen, den wir mit dem Paar intensiv durchgehen. Das ist echt total spannend und nach diesen Gesprächen haben die Paare oft ganz neue Erkenntnisse über ihre Beziehung und sehen noch mehr Besonderheiten. Wir versuchen, tief mit unseren Kundinnen und Kunden ins Gespräch zu kommen. Die Paare sagen oft, so ein Gespräch sei wie eine Therapie.

Wie beschreiben Sie Ihren persönlichen Redestil?

Anja Kellersmann: Unterhaltsam, nicht kitschig.

Julian Hügelmeyer: Freundschaftlich, authentisch, auf Augenhöhe und humorvoll.

Sie stehen in Ihrem Job vor großen Gesellschaften. Haben Sie dabei Lampenfieber? Und wie gehen Sie damit um?

Julian Hügelmeyer: Ja, ich bin meistens kurz vor der Trauung richtig nervös. Da können spezielle Atemübungen oder Rituale helfen, das kann man auch lernen. Zu groß darf das Lampenfieber natürlich nicht sein, aber ansonsten ist ein bisschen Nervosität auch produktiv, alle Sinne sind somit geschärft.

Anja Kellersmann: Ich habe kein großes Lampenfieber. Wichtig ist mir ein gut ausgearbeitetes Redekonzept, dann fühle ich mich sicher.

In der Zeit des Lockdowns waren fast keine Hochzeiten möglich und viele wurden abgesagt. Jetzt wird es langsam wieder entspannter. Sind extravagante Feste geplant oder bleibt es eher klein und gemütlich?

Anja Kellersmann: Ich weiß, dass ein Brautpaar von mir eine Festivalhochzeit plant. Mit viel Musik und verschiedenen Bühnen. Das wird sicher sehr spannend und besonders.

Julian Hügelmeyer: Bei mir geht es für eine Trauung nach Mallorca. Diese Hochzeit ist vom letzten Jahr verschoben worden. Darauf freue ich mich sehr.

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