Wenn die Bahn zu spät kommt Diese Rechte haben Fahrgäste

Warten, warten, warten... bis die Bahn kommt. Wann bekommen Fahrgäste ihr Geld zurück und was müssen sie bei der Beschwerde beachten?Warten, warten, warten... bis die Bahn kommt. Wann bekommen Fahrgäste ihr Geld zurück und was müssen sie bei der Beschwerde beachten?
Felix Neuhaeuser

Osnabrück. So manches Klischee bewahrheitet sich doch: Jeder fünfte Fernverkehrszug der Deutschen Bahn ist unpünktlich. Wenn die Bahn zu spät kommt oder ausfällt, greifen die sogenannten Fahrgastrechte. Je nach Verspätung können Kunden ihr Geld zu 25, 50 oder 100 Prozent zurückverlangen. Was Bahnreisende über ihre Rechte wissen müssen.

Wahrscheinlich findet sich kein anderer Ort, an dem Bauchgefühl und Wahrheit so weit auseinander liegen, wie auf dem Bahnsteig. Laut den Zählungen der Deutschen Bahn AG kamen im April 2021 über 95 Prozent aller Züge pünktlich an ihrem Zielort an. Gerade Vielfahrer dürfte der Wert überraschen, denn die innere Statistik sagt etwas völlig anderes. Verspätungen, Hektik und Ärger über den Zugverkehr dürfte den allermeisten Bahnreisenden bekannt sein.

Blick hinter die Zahlen

Die Pünktlichkeitsstatistik der Deutschen Bahn
Grundlage für die Statistik sind alle Fahrten eines Monats. Das sind derzeit mehr als 800.000, von denen wiederum etwa 20.000 dem Fernverkehr zugerechnet werden. Hierbei wird bei allen Stopps oder Haltestellen die Zeit gemessen. Ein Halt wird als pünktlich bewertet, wenn die planmäßige Ankunftszeit eine Toleranzgrenze von 6 beziehungsweise 16 Minuten unterschreitet. Jeden Monat werden also mehrere Werte in der Pünktlichkeitsstatistik veröffentlicht. Der Regionalverkehr ist dabei generell pünktlicher als der Fernverkehr.

Das ist die Krux mit der Statistik. Wenn die überwiegende Mehrheit der Bahnfahrten pünktlich ist, bedeutet das noch lange nicht, dass Verspätungen eine Seltenheit sind. Im Fernverkehr sind nämlich nur rund 80 Prozent der Fahrten pünktlich – das heißt im Umkehrschluss, dass jede fünfte Fahrt mit bis zu fünf Minuten Verspätung an der nächsten Haltestelle ankommt. Jede zehnte Fahrt ist sogar bis zu einer Viertelstunde verspätet. Nicht gerade wenig. Ob fünf bis fünfzehn Minuten Verspätung ein Grund sind, sich aufzuregen, steht indes auf einem anderen Blatt.

Wann es Geld von der Bahn zurück gibt

Fakt ist: Ab 15 Minuten Verspätung können Bahnreisende noch keine Fahrgastrechte in Anspruch nehmen. Sie gelten erst ab zwanzigminütiger Verspätung. Ab dann können Zugreisende auf eine andere Verbindung ausweichen. Nutzen sie eine höherwertige Verbindung – Wechsel vom Nah- in den Fernverkehr – als die ursprüngliche, müssen Fahrgäste jedoch einen Aufpreis zahlen. Diesen können sich die Reisenden allerdings im Nachhinein von der Bahn erstatten lassen.

Einen Anspruch auf Entschädigung haben Fahrgäste prinzipiell erst ab einer Stunde Verspätung am Zielbahnhof. Dann erstattet die Deutsche Bahn 25 Prozent des Fahrpreises. Wer hingegen zwei Stunden zu spät am Ziel ankommt, bekommt sogar die Hälfte des Ticketpreises zurück. Im Falle einer Entschädigung können Kunden zwischen der Auszahlung des Geldbetrages oder einem Reisegutschein wählen.

Den vollen Ticketpreis gibt es zurück, wenn schon vor Antritt der Fahrt feststeht, dass der Zug ausfällt oder mit über einer Stunde Verspätung den Zielbahnhof erreicht. Dasselbe gilt, wenn Bahnfahrende aufgrund massiver Verspätung die Reise abbrechen und an den Ausgangsbahnhof zurückkehren.

Gestrandet im Nirgendwo

Was tun?
Falls der Zug laut Fahrplan zwischen 0 und 5 Uhr am Zielbahnhof ankommen sollte und über eine Stunde Verspätung hat, kann man auf ein Taxi oder ein anderes Verkehrsmittel ausweichen. Dann übernimmt die Bahn die Fahrtkosten bis 80 Euro. Selbes gilt für den Fall, dass der Zug ausfällt, die letzte Verbindung des Tages ist und der Zielbahnhof nicht mehr bis Mitternacht erreicht werden kann.
Sollte wegen Ausfall oder Verspätung eine Fortsetzung der Reise am selben Tag nicht mehr möglich oder zumutbar sein, muss die Bahn die Kosten für eine Übernachtung inklusive An- und Abreise in einem Hotel übernehmen. Wichtig ist in beiden Fällen: unbedingt Quittungen aufbewahren!

Fahrgastrechteformular: ab Sommer digital

Um die Entschädigung geltend machen zu können, benötigen Bahnreisende das sogenannte Fahrgastrechteformular. Dieses erhalten sie von den Mitarbeitern im Zug, bei der DB Information oder im Reisezentrum. Alternativ können Geschädigte das Formular auch herunterladen, müssen es allerdings nach dem Download ausdrucken.

Wenn möglich, sollten sich Fahrgäste die Verspätung vom Servicepersonal der Deutschen Bahn bestätigen lassen. Das Formular muss anschließend vom Fahrgast selbst ausgefüllt und mit der Fahrkarte in Original oder als Kopie an die Deutsche Bahn übermittelt werden. Das geht entweder per Post oder im Reisezentrum.

Mit diesem eher umständlichen Verfahren soll ab Sommer Schluss sein. Die Bahn lenkt auf die jahrelange Kritik von Fahrgastverbänden ein und vereinfacht das Prozedere mit einem volldigitalen Fahrgastrechteformular. Ab Juni 2021 wird es erstmals möglich sein, das Formular online auszufüllen und zu versenden.


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