Weihnachten, Geburtstage oder Ostern Neue Rituale für die Seele

Fluchen sei auch mal ok. Dr. Claudia Schulz weiß, was für die eigene Psychohygiene wichtig ist.Fluchen sei auch mal ok. Dr. Claudia Schulz weiß, was für die eigene Psychohygiene wichtig ist.
Philipp Hülsmann

Osnabrück. Jahreswechsel, Geburtstag, hohe Feiertage wie Ostern und Weihnachten: Wie werden Familientreffen während der Corona-Zeit trotzdem wunderschön und wie können wir uns mit Abstand trotzdem nahe sein? Darüber, und was Kontaktbeschränkungen mit unserer Seele machen, berichtet Dr. Claudia Schulz, leitende Psychologin im Ameos Klinikum Osnabrück.

2020 und auch das kommende Jahr werden in Sachen Festlichkeiten und Partys weiterhin nur eingeschränkt ablaufen. Hochzeiten werden verschoben, runde Geburtstagsfeiern abgesagt, Taufen im engsten Kreis abgehalten. Nun steht Weihnachten vor der Tür. Normalerweise ist das ein Fest der Geselligkeit, der Familie, der Nähe. Ein Fest, an dem sich wenigstens einmal im Jahr alle sehen, Verwandte und Freunde an einem Tisch sitzen. Diesmal wird das anders sein: „In diesem Jahr werden die Festtage eher in kleineren Kreisen gefeiert und man wird sich vorher gut überlegen, wen man tatsächlich besuchen möchte“, sagt Claudia Schulz. 

„„In diesem Jahr werden die Festtage eher in kleineren Kreisen gefeiert und man wird sich vorher gut überlegen, wen man tatsächlich besuchen möchte."“Dr. Claudia Schulz

Die Psychologin erklärt, dass vor allem Festtage auch schon ohne Corona für die Psyche eine Herausforderung sein können: „Themen wie Einsamkeit, Depressionen und Ängste spielen gerade an Weihnachten eine Rolle, wenn Menschen allein leben, keine Familie haben. Oft führt das dazu, dass Menschen sich einsam und traurig fühlen. Dieses Jahr könnten diese Probleme durch Corona noch größer werden“, vermutet die Psychologin.  

Nähe und Schutz suchen

Die Corona-Pandemie zwingt alle dazu, Kontakte einzuschränken, um die Krankheit einzudämmen. „Dabei braucht der Mensch vor allem in Krisenzeiten Nähe", sagt Claudia Schulz. Wichtig ist aus Sicht der Psychologin, das Beste aus der Situation zu machen, neue Rituale zu schaffen, wenn das große Familienessen in diesem Jahr nicht abgehalten werden kann: „Wir nutzen aktuell sowieso schon mehr als sonst die Videotelefonie, das könnten wir auch an Weihnachten und Ostern machen. Die Familie und Freunde via Videochat treffen und dazu vielleicht eine schöne Tasse genießen“, sagt Schulz. Das Besondere: „Das funktioniert ja völlig ortsunabhängig. Man kann sich so an den Festtagen auch mit Verwandten austauschen, zu denen man vielleicht sowieso nicht fahren kann, weil sie zu weit weg wohnen“, ergänzt die Psychologin. Auch sie werde das so handhaben. An Weihnachten treffe sie häufig langjährige Freunde, die sie sonst über das ganze Jahr nicht sehen kann. „Dieses Jahr werde ich wohl mit ihnen telefonieren und mich dafür auf das Zusammensein mit meiner Familie fokussieren“, sagt sie.

Den Kreis klein halten, sich andere Kommunikationswege suchen sei zum Beispiel auch klassisch via Brief und Postkarte möglich. „Ich denke, dass sich dieses Jahr wieder mehr Menschen schreiben werden und das ist doch wirklich etwas Schönes“, meint Schulz. Positive Aspekte durch die von außen gegebenen Einschränkungen in Sachen Weihnachts- und Silvesterplanung gebe es durchaus: „Dadurch, dass wir nicht alle unsere Verwandten besuchen dürfen oder können, nimmt das den Erwartungsdruck an die Festtage heraus. Wir müssen uns nicht aufteilen, geraten nicht in Reisestress von der einen zur anderen Familie fahren zu müssen. Wir können uns mehr besinnen auf die, die um uns sind, können vielleicht an den Feiertagen einfach mal durchatmen.“

Selbstfürsorge und Psychohygiene

Aktuell gilt es, alle strengen Hygieneregeln zu befolgen. Abstand halten, Hände sehr gründlich waschen, immer wieder alles desinfizieren. Wichtig sei aber auch, etwas für die Psyche zu tun, sagt die Verhaltenstherapeutin. „Die Psychohygiene sollte vor allem in Krisenzeiten Beachtung finden.“ Selbstfürsorge ist hier das Stichwort: „Wir sollten jetzt noch mehr als sonst darauf achten, was unserer Seele guttut, was uns Freude bereitet“, betont die Psychologin. Dazu könnte gehören, das Haus festlich zu dekorieren, einen ausgedehnten Waldspaziergang zu machen oder wie vielleicht gewohnt, Kekse zu backen und soziale Kontakte, wenn auch online, aufrecht zu erhalten“, rät sie.

Fluchen ist erlaubt

Wenn die Ängste und Sorgen an den Festtagen wie Weihnachten, Silvester oder Ostern zu groß werden würden, sei das Ameos Klinikum immer zu erreichen: „Wir haben seit März eine psychologische Corona-Hotline eingerichtet, außerdem gibt es auch allgemeine Tipps, wie man aus einer Spirale an katastrophisierenden Gedanken herauskommen kann“, sagt sie. Fakt ist, laut Psychologin Dr. Claudia Schulz: „Wir sind anpassungsfähiger und kreativer, als wir denken!“ Und sie macht Mut: „Wir können es schaffen, uns trotz der aktuellen Situation nahe zu sein, schöne Festtage zu verbringen und Positives aus dieser Zeit mitnehmen. Auch die Lage zu verfluchen ist dabei erlaubt und sehr wichtig für die Psychohygiene.“


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