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Blitzeis und kaputte Weiche IC hat 22 Stunden Verspätung

Von dpa

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Norden. „Alle reden vom Wetter. Wir nicht“ - mit diesem Slogan hat die Bahn lange geworben. Jedoch hat der Eisregen in Ostfriesland einen Zug mit 600 Passagieren lahmgelegt. Für die Fahrgäste begann eine nervenaufreibende Odyssee.

Für mehrere Hundert Menschen wird eine Bahnfahrt aus Norddeutschland in Richtung Köln zum aufreibenden Chaostrip. Blitzeis und eine defekte Weiche bringen den Fahrplan durcheinander, am Ende hat der IC aus Norddeich mehr als 20 Stunden Verspätung. Statt aus dem Silvesterurlaub an der Nordseeküste erholt nach Hause gebracht zu werden, müssen Reisende die eiskalte Nacht im IC 2203 verbringen. Einige schlafen auf Feldbetten in einer Wartehalle. Helfer des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) versorgen sie mit Decken und Essen.

„Zugreisende teilen sich zu zweit oder zu dritt eine Pritsche im Abteil“, twittert unter anderem Thorsten Schatz, ein Berliner Lokalpolitiker der CDU, der ebenfalls im Zug festhängt. „Dank kuscheliger DRK-Decken ist es zumindest nicht kalt.“ Vereiste Oberleitungen zwingen den ohnehin drei Stunden zu spät gestarteten IC aus Norddeich Mole auf einem Feld vor Emden zum Stehen. Nichts geht mehr, stundenlang.

Am Sonntagabend wird der gestrandete IC von einer Ersatzlokomotive zum kleinen Bahnhof Marienhafe gebracht. Wegen der Straßenglätte sehen sich Busunternehmer oder Taxis nach Bahnangaben nicht in der Lage, die festsitzenden Menschen aus dem Zug abzuholen. Die Bahn wird also zurück nach Norddeich geschleppt - die Fahrgäste verbringen die Nacht im Zug oder in der Wartehalle einer Fährgesellschaft.

„Die Stimmung war die ganze Zeit gut, die Heizung lief ja im Zug und man hat sich gegenseitig geholfen“, erinnert sich Thorsten Schatz am Morgen danach. Leider habe die Bahn aber nicht darüber informiert, ob man zum Beispiel ein Hotelzimmer nehmen könne. Die Stimmung sei schließlich gekippt, als sich die Fahrt am Morgen erneut verzögerte, sagt Fahrgast Maximilian Mühlens, der Silvester auf Norderney gefeiert hatte. „Hier ist es spiegelglatt. Aber in Russland fahren die Züge ja auch“, sagt der Student aus Bonn. „Warum das bei der Bahn nicht klappt, ist mir ein Rätsel.“ Mühlens zufolge waren etwa 600 Fahrgäste an Bord, darunter rund 30 Kinder.

Der Fahrgastverband Pro Bahn forderte am Montag mehr Reservezüge im Winter. Im Fall des blockierten IC habe die Bahn allerdings richtig gehandelt, indem der Zug nach Norddeich zurückgeschleppt wurde, um die Reisenden dort gut versorgen zu können, sagte Pro-Bahn-Sprecher Karl-Peter Naumann.

Schuld für die Eisschicht auf der Oberleitung soll nach Angaben eines DB-Sprechers starker Eisregen sein. Der elektrische Zug kann nicht mehr weiter, fürs Erste also Endstation. In einer so massiven Form sei das Problem selten, sagt der Sprecher. Normalerweise schrubbten die Züge mit ihren Stromabnehmern Eis und Schnee von der Oberleitung ab. Heizen ließen sich die Leitungen nicht.

Erträglicher verläuft dagegen ein unfreiwilliger weiterer Stopp des Zugs im Bahnhof Emden: Dort blockiert eine festgefrorene Weiche die Fahrt. Nach zehn Minuten Wartezeit können Techniker die Panne aber beheben, die Fahrt Richtung Köln geht weiter. Am Montagnachmittag erreicht der IC mit 22 Stunden Verspätung den Zielbahnhof.

Arne Goerndt verpasst aufgrund des Blitzeis-Chaos dennoch seinen ersten Arbeitstag im neuen Jahr. Der in Bonn lebende IT-Techniker ist auf Norderney aufgewachsen, er besuchte dort mit seiner Freundin seine Familie. „Meine Freundin werde ich nie wieder überreden können, Zug zu fahren“, sagt der 50-Jährige nach dem zeitraubenden Trip. Die DRK-Helfer hätten die Fahrgäste - unter ihnen auch Diabetiker - aber vorbildlich betreut. Für Goerndt das Nervenaufreibendste: das Hin und Her. „Es war eine richtige Odyssee.“


Warum Eisregen Züge zum Stillstand bringt

Von Sven Kienscherf

Immer wieder bringt Eisregen Züge zum Stillstand. Dagegen lasse sich nichts machen, heißt es von der Bahn. Aber warum nicht?

Zuletzt hatte es einen Intercity auf dem Weg von Norddeutschland nach Nordrhein-Westfalen getroffen. Über Nacht war der Zug zunächst in Norddeich auf offener Strecke blockiert, die Passagiere mussten zum Teil die Nacht in den Waggons verbringen .

Gegen Eisregen sei die Deutsche Bahn weitgehend machtlos, sagte ein Sprecher des Unternehmens am Montag im Gespräch mit unserer Redaktion. „Weder technisch noch mechanisch kann man etwas gegen den Eisregen machen.“

Panzer aus Eis

Der Eisregen lege sich wie eine Art Panzer um die Oberleitungen aus Kupferdraht. „Dadurch bekommen die Stromabnehmer keinen Kontakt mehr zu den 15.000-Volt-Leitungen“, so der Bahnsprecher. In der Folge bricht die Energieversorgung zusammen, der Zug bleibt liegen, Heizung und Licht fallen aus.

Im Fall des ICs in Norddeich sei es dem Lokführer aber gelungen, den Zug so zum Stehen zu bringen, dass er unter einem Leitungsstück zum Halten kam, dass nicht vereist war. „Deshalb gab es Licht und Heizung.“

Putzloks im Einsatz

Der Eisregen wird von sogenannten Putzloks entfernt. Dabei handele es sich um Loks von Güterzügen. Diese seien mit einer anderen Elektrik ausgerüstet als Personenzüge und bekämen trotz Eisregen Kontakt zu den Stromleitungen, sagte der Bahnsprecher. Ein entsprechendes Umrüsten der Personenzüge sei nicht möglich.

Die Stromleitungen zu beheizen, um so eine Ummantelung mit dem Eisregen zu verhindern, sei ebenfalls nicht möglich. Ebenso waren Versuche gescheitert, die Leitungen mit einer speziellen Lösung einzuschmieren. „Zum Glück kommt Eisregen nicht allzu oft vor“, so der Bahnsprecher.

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