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Möwenballett im Mondschein
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Quelle: Neue Osnabrücker Zeitung 18. Dezember 2010 00:00 Uhr

Winterzeit im größten Bad an der Ostseeküste

Möwenballett im Mondschein

Kühlungsborn an Mecklenburgs Küste ist ein Markenzeichen für Urlaub im Osten, und zwar fürs ganze Jahr.

 
Eisige Stimmung schafft den besonderen Reiz: Die Vögel – nicht von Alfred Hitchcock, sondern an der Ostseeküste bei Kühlungsborn.  Vergrößern

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Der Strand ist verschwunden. Wo sonst ein 20 Meter breiter Streifen Puderzucker die Ostsee von der Düne trennt, wüten heute gefräßige Wogen. Ein steifer Nordnordwest peitscht sie unablässig ans Ufer, wo sie an Sand und Bewuchs nagen. Gischt schwappt bis auf die Promenade und bespritzt die wenigen Mutigen, die sich ins Inferno getraut haben. Selbst die sturmerprobten Möwen suchen heute Schutz auf den Holzfiguren vor der Kunsthalle und spektakeln lautstark über das Wetter.

Mit anderen Worten: Es ist ein toller Tag an der See. Wo sonst kann man so unmittelbar entfesselte Natur erleben? Wo das dramatische Wechselspiel von Wolken und Wasser so intensiv genießen? Als Spielball des Windes dahintreiben als hilfloses Küken. Sich durchpusten lassen. Durchlüften bis in die Seele. Durchfrieren bis auf die Knochen. Umso wohliger fließt anschließend unterm Reetdach wahlweise Grog oder heiße Nougat- Milch mit Rum durch den tiefgekühlten Körper. All das kann man von November bis März übeall an der Ostsee haben; beliebt als Standort aber ist in dieser Zeit Mecklenburgs größtes Seebad Kühlungsborn. Zumeinen wegen der Infrastruktur. Anders als anderswo nämlich herrscht hier niemals tote Hose. Ob einfache Ferienwohnung oder anspruchsvoller Wellness-Tempel, ob simples Heringsbrötchen oder Gourmet-Fischpfanne, ob schlichte Keramik oder ausgefallener Bernsteinschmuck – selbst in der schwächsten Nebensaison halten viele Hotels, Restaurants, Cafés und Boutiquen Türen und Tore geöffnet.

Zweites Argument – der einmalige Ortscharakter. Die Stadt Kühlungsborn entstand erst 1938 durch Zusammenschluss der Orte Brunshaupten (heute Kühlungsborn- Ost) und Arendsee (Kühlungsborn- West), so dass es hier vieles doppelt gibt: zwei Zentren mit zwei Geschäftsstraßen fürs Bummeln, Essen und Einkaufen; zwei Konzertgärten für Kultur, Kino und Musik; zwei Bahnhöfe für „Molli“, die nostalgische Schmalspurbahn, die seit über 120 Jahren zischend und fauchend nach Heiligendamm und in die Kreisstadt Bad Doberan dampft.

Dazu, passend für praktisch jedes Wetter, drei exzellente Verbindungen zwischen den Ortsteilen. Erstens der sechs Kilometer lange Sandstrand. Wer an der Seebrücke in Ost zum Spaziergang startet, hat eine einstündige Gratis-Sauerstoff- Therapie in bester jodhaltiger Wellness-Salzluft vor der Brust und dabei stets zwei schöne Landmarken im Blick: den markanten Turm des alten Kurhauses und das „Schloss am Meer“. Kein anderes Hotel steht hier so exponiert und dicht am Wasser; außerdem ist es ein Unikat der Bäderarchitektur. Weißer Putz und dunkles Fachwerk, Pfeiler und Gesimsbänder aus unverputztem Backstein sowie über Eck gestellte Loggien und Balkone – so etwas gibt es nirgendwo sonst. Weg Nummer zwei führt über Deutschlands längste Strandpromenade. In elegantem Bogen folgt sie der Uferlinie unmittelbar hinter dem dichten Dünengrasbewuchs und erlaubt dabei jederzeit unverstellte Blicke auf Meer und Strand, bevor sie nach exakt 3.150 Metern in Kühlungsborn-West in den Baltic-Platz mündet.

Die Ostseeallee schließlich ist die städtische Flaniermeile schlechthin. Getrennt und geschützt von Promenade und Strand durch einen schmalen Streifen Wald, reiht sich hier eine alte Villa an die andere wie an einer Perlenkette. So gut wie alle wurden mit großem Aufwand restauriert, so dass Jugendstil- und Bäderarchitekturfassaden wie anno 1920 erstrahlen und der Gast von heute dennoch auf keinerlei Komfort verzichten muss. Egal also, wo und bei welchem Wetter man sich aufhält in Kühlungsborn, man hat immer und sofort eine Möglichkeit zur Einkehr und zum geordneten Rückzug. Doch all das allein reicht nicht, um die immerhin 18.000 Gästebetten zu füllen. „Wenn an der Ostsee immer Sommer wäre, müsste ich keinen Cent in die Hand nehmen“, beschreibt Kurdirektor Uwe Siebl ist das Problem, das so alt ist wie der Tourismus an der Küste. Wenn folglich kein Sommer ist, braucht es attraktive Köder als Badeersatz. Neben dem Dauerbrenner Wellness mit einer Reihe hochwertiger Angebote verweist der Touristiker etwa auf die erfolgreich etablierte Gourmetwoche im November, auf die Festtage mit Silvester-Feuerwerk an der Seebrücke und das Neujahrs-Anbaden sowie auf regelmäßige Klassikkonzerte, Jazzabende, Lesungen und Vorträge. Trotz solcher Leuchttürme sieht Siebl ist aber noch Potential: „Wir müssen Familien mit Kindern definitiv mehr bieten“, wünscht er sich und tüftelt bereits an lustigen Piratenfesten und einer qualifizierten Kinderbetreuung nach dem Vorbild der großen Ferienclubs. Für Gäste mit gehobenem Anspruch bräuchte es Zuwächse an hochwertiger Kultur, und auch die zu DDR-Zeiten gebaute und seinerzeit höchst populäre Meerwasserschwimmhalle wäre ein unschätzbarer Magnet. Doch die liegt seit Jahren brach, eine Reanimation scheitern am Geld.

Dennoch: All das ist und bleibt nur Begleitmusik im großen Schauspiel, das die Ostsee täglich aufführt und deren einzige Konstante der stete Wechsel ist. Der Sturm ist inzwischen abgeflaut, am Strand weht nur noch ein laues Lüftchen. Sanft wie in einer Lagune plätschern die Wellen ans Ufer; vergoldet von der sinkenden Sonne spiegelt sich das schöne alte Kurhaus in kleinen Prielen und Senken. Eine einsame Lachmöwe zeigt eingemummelten Touristen, wie elegant sie durch die Luft segeln kann. Als der Mond schließlich die Sonne ablöst, landet plötzlich wie aus dem Nichts ein ganzer Schwarm Möwen genau vor unseren Füßen und beginnt sich in einem rätselhaften gruppendynamischen Prozess zu bewegen. Ein paar Trippelschritte nach links, ein paar nach rechts, eine Drehung und alles noch einmal von vorn, manchmal auch in geduckter Haltung. Zugegeben: Das klingt jetzt ein bisschen kitschig. Aber was will man machen – so ist er halt auch, der Winter an der Ostsee in Kühlungsborn.

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