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Zum Glätscher Küssen: Kreuzfahrt an der Eiskante
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Zum Glätscher Küssen: Kreuzfahrt an der Eiskante

Mit MS„Alexander von Humboldt“ nach Spitzbergen – hier geht im Sommer vier Monate die Sonne nicht unter, und so wird der Norden ein einzigartiges Naturspektakel.

 
Grandios: Auf ihrem Ausflug mit den roten Zodiacs bietet sich den Kreuzfahrtteilnehmern im Magdalenenfjord diese atemberaubende Naturkulisse von Spitzbergen.  Vergrößern

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Diskret schiebt ein unsichtbarer Geist zwei dunkelblaue Tüten unter der Kabinentür hindurch. Aha, Spuckbeutel für empfindliche Landratten, die sich auf diese Kreuzfahrt in die Arktisgewagt haben. Seit Stunden legen Wind und Wellen zu. In der Kabine beginnt es zu spuken: Eine Schublade öffnetund schließt sichim Rhythmus der Wellen, und der Anorak hinter der Kabinentür schwingt wie ein Pendel hin und her.

Kurz vor den Orkney-Inseln stampft die „MS Alexander von Humboldt“ bei Windstärke 8 durch Wellen so hoch wie Häuser. Auf den Gängen sieht man Passagiere wanken und schwanken – bei einigen fragt man sich, ob das nur am Seegang liegt oder auch an den preiswerten Drinks an Bord. Schließlich kostet ein halber Liter frischgezapftes Pils nur 2,50 Euro. Ein paar Mutige, die sich auf das Außendeck trauen, erhalten eine kostenlose Gesichtsmassage, denn der Sturm und der Fahrtwind summieren sich zu einem prickelnden Erlebnis. Ein gutes Wetter für die Stewards und den Kapitän, denn so erscheinen nur relativ wenige der 440 Passagiere zum großen Willkommensdinner, und Kapitän Hubert Flohr muss an diesem Abend nicht so viele Hände schütteln. „Kommen die Wellen von der Seite, dann können unsere Stabilisatoren dasRollen des Schiffes reduzieren. Doch gegen das Stampfen, wenn Wind und Wellen von vorne auf das Schiff treffen, wurde noch nichts erfunden“, erklärt der Kapitän.

Überhaupt lernt man auf dieser Kreuzfahrt, die zunächst nach Island, dann nach Spitzbergen und nach Nordnorwegen führt, jeden Tag etwas dazu. Expeditionsleiter Klaus Kiesewetter und Prof. Dr. Lothar Staeck halten täglich Vorträge, sei es über Eisbären, Gletscherbildung oder „das Trapperleben auf Spitzbergen“.

Kaum hat die „MS Alexander von Humboldt“ Schottland links liegen lassen, beruhigt sich die See. Ob in Harrys Bar, in der Bibliothek oderden Restaurants, überall tauchen bis dahin unbekannte Gesichter auf. Am Polarkreis wird das Meer so ruhig wie ein Ententeich. Dann taucht am frühen Abend an der Backbordseite die Insel Jan Mayen auf. „Ein absoluter Glücksfall“, freut sichExpeditionsleiter Kiesewetter, denn hier herrsche fast immer Nebel, der die schöne Insel mit ihrem fast 2.300 Meter hohen vergletscherten Vulkan vor den Augen und Kameras verbirgt. Dochurplötzlich istdas Schauspiel beendet: Aus dem heiteren Himmel entsteht in Sekunden ein Nebelschleier und deckt alles zu. Die Temperatur fällt auf zwei Grad, es ist der kältesteTag der Reise.

Spitzbergen ist der Höhepunkt dieser Kreuzfahrt. Hier geht die Sonne im Sommer vier Monate lang nicht unter. Zunächst macht das Schiffam Pier in Ny Alesund fest. Mehr als ein Dutzend Forschungsstationen haben Ny Alesund zu einem Ort der Wissenschaftwerden lassen. Deutschland betreibt die „Koldewey“- Station für biologische undatmosphärische Forschung, ein Ableger des Bremerhavener Alfred- Wegener-Instituts. Mittlerweile sind aber auch Staaten wie Indien undChina in Ny Alesund vertreten. Die meisten Passagiere interessieren sich allerdings mehr für das winzige Postamt und stecken hier ihre Ansichtskarten ein – es ist ja schließlich das nördlichste Postamt der Welt. Es werden nicht nur alle drei Ortschaften besucht, neben Ny Alesund das Hauptstädtchen Longyearbyenunddas erschreckend heruntergekommene russische Barentsburg, sondern auch zwei Anlandungen mit Zodiac-Schlauchbooten in der Wildnis Spitzbergens unternommen. Dazugehen inNy Alesund zwei bewaffnete norwegische Ranger an Bord, die die Touristen vor den ewig hungrigen Eisbären zu schützen haben.

Kapitän Hubert Flohr, der im nächsten Jahr auf der „MS Amadea“ das Kommando haben wird, steuert die 150 Meter lange „Alexander vonHumboldt“ in den Tempelfjord hinein, eine Art Grand Canyon in der Arktis. Bis auf knapp einen Kilometer manövriert er das Schiff an die Eiskante des gewaltigen Tunogletschers heran, dessen40 Meter hoheAbbruchkante blau und weiß in derAbendsonneglitzert.

Ein unvergessliches Erlebnis ist auch die Anlandung mit den Schlauchbooten auf einer Sandbank im MagdalenenfjordimNordwestendes Archipels. Hier befindet man sich fast auf 80 Grad nördlicher Breite und damit nur noch 1.200 KilometervomNordpol entfernt. Im Magdalenenfjord fühlen sich viele der Besucher klein und werden angesichts der gewaltigen arktischen Kulisse beinahe andächtig. Ringsherum ragen wild gezackte dunkle Bergspitzen in den Himmel, von leuchtenden Schneefeldern bedeckt, dazwischen ebnen sich gewaltige Gletscher ihren Weg ins Meer. Eine stille, unberührte arktische Natur und eine Perle der Schöpfung, die man nur im Sommer mit dem Schiff erreichenkann.

Kurz nach 22 Uhr lichtet das Schiff den Anker und schiebt sich langsam aus dem Magdalenenfjord. Die Ausfahrt wird zu einer spontanen Party auf den Außendecks. Eine leicht wärmende MitternachtssonnestrahltvomblauenHimmel, jeder zweite trägt eine Sonnenbrille. Die Reiseleitung schafft eine große Musikanlage auf das Deck und öffnet die Poolbar. Glückliche Kreuzfahrer tanzen in dicken Wetterjacken zu Schlagermusik. Kurz nach Mitternacht legt der DJ sogar die Rolling Stones auf. Das passt gut, schließlich sind die meisten Passagiere ähnlich betagt wie Mick Jagger.

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