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„Der TuS Lingen gehört mindestens in die Oberliga“
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Quelle: Lingener Tagespost 21. August 2010 04:00 Uhr

Die Ex-Bayern-Profis Stefan Wessels und Michael Rensing über die Zeit in München, die Bundesliga und ihre Perspektiven

„Der TuS Lingen gehört mindestens in die Oberliga“

Lingen. Der TuS Lingen, der heute sein 100-jähriges Vereinsjubiläum feiert, hat sie geprägt: Deswegen wünschen Stefan Wessels und Michael Rensing, die dort das Torwart-Abc lernten, dem Verein, dass er dorthin zurückkehrt, „wo er auch hingehört“. Im Interview sprechen sie auch über ihre Zeit beim deutschen Rekordmeister FC Bayern München und den Konkurrenzkampf im Profifußball.

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Aus der Jugend des TuS Lingen sind mit Ihnen beiden gleich zwei Torwarte für Bayern München hervorgegangen. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein anderer Verein dieses Kunststück wiederholt?

Wessels: Ich denke, dass das schwer wird. Zumindest für einen verhältnismäßig kleinen Verein wie den TuS Lingen.

Rensing: Das ist schon außergewöhnlich.

Welchen Anteil hat der TuS Lingen an Ihrer Entwicklung?

Wessels: Meine Karriere hat bei Eintracht Schepsdorf begonnen. Dann habe ich sechs oder sieben Jahre beim TuS Lingen gespielt. Das war natürlich prägend für mich. Ich hatte verschiedene Trainer, angefangen hat es mit Karl-Heinz Knoop. Klaus Leugers war dabei. Ich habe schon als alter C-Jugend- oder junger B-Jugend-Torwart in der A-Jugend mittrainiert. Alois Taubken hat mich abgeholt zum Training. Ich habe schon eine Stunde früher angefangen und davon gelebt, dass ich sehr engagierte Trainer und Betreuer hatte, die mich gefördert und gefordert haben. Trotz des kleineren Trainingsvolumens gegenüber größeren Vereinen konnte ich so mein Ziel Profifußball erreichen.

Rensing: Der Verein hat mich stets unterstützt, mich teilweise zu den Maßnahmen gefahren und mich ausgestattet. Er hat mir auchdie Möglichkeit geboten, in der höchsten oder zweithöchsten Klasse zu spielen und mich mit anderen guten Mannschaften zu messen. Zudem bekam ich ein gutes Training mit der Mannschaft, meinem damaligen Trainer Gerd Lauenroth, Torwarttrainer Heinz-Walter Gösling und Patrick Foppe, mit dem ich täglich Fußball gespielt habe. Das ist die Voraussetzung, um nach oben zu kommen.

Haben Sie sich vor dem Wechsel nach München persönlich gekannt?

Wessels: Ich habe mit Michaels Bruder Thomas zusammengespielt. Da habe ich Michael natürlich kennengelernt.

Rensing: Wir sind uns auf dem Trainingsplatz begegnet.

Von 2000 bis 2003 waren Sie zeitgleich in München, Michael Rensing in der Jugend, Stefan Wessels bei den Senioren. Gab es dort Kontakte?

Wessels: Weniger. Wir sind uns ab und zu mal über den Weg gelaufen.

Rensing: Wir haben uns mal im Bayern-Restaurant zum Essen getroffen, und wir waren mal zusammen im Biergarten. Der Terminkalender hat nicht mehr zugelassen.

Sie hatten Oliver Kahn als Nummer eins vor sich. Wie haben Sie sich im Schatten des „Titanen“ gefühlt?

Wessels: Für mich war das natürlich das Größte. Das war schon der Wechsel zu Bayern, wo ich ein Probetraining mit Sepp Maier gemacht habe. Er war in der Jugend mein Idol. Als ich zu den Profis gekommen bin, war Olli Kahn der absolut herausragende Torwart auf der Welt. Ich habe eine Menge gelernt von ihm.

Rensing: Für jemanden, der die Chance bekommt zweiter Torhüter hinter Kahn in München sein, ist das eine unglaubliche Sache. Er war damals der Beste. Von ihm und Torwarttrainer Sepp Maier habe ich viel gelernt. Man wird ins kalte Wasser geworfen in der Bundesliga sowie international. So habe ich meine Erfahrungen gemacht. Bei mir war es so, dass es sich abzeichnete, dass Olli Kahn altersbedingt aufhören würde. Daher war ich in einer anderen Situation als Stefan. Das war auch eine Belastung. Ich war damals in der U-21-Nationalmannschaft, habe bei den Amateuren gespielt und Einsätze bei den Profis bekommen, die stets gut waren. Ich war ehrgeizig und wollte regelmäßig spielen. Dass ich warten musste, war hart.

Warum haben Sie das Ziel, die Nummer eins zu werden in München, nicht erreicht?

Wessels: Es gab keine Chance, an Olli Kahn vorbeizukommen. Ich habe zu keinem Zeitpunkt daran gedacht, dass ich die Nummer eins sein könnte. Als ich 2003 gegangen bin, war er 34. Es war nicht abzusehen, dass er irgendwann aufhört. Wenn ich bis 2008 gewartet hätte, wäre ich 29 Jahre gewesen und hätte keine Erfahrung gehabt. Ich wollte 2003 selbst die Nummer eins sein und bin folgerichtig nach Köln gegangen und habe gespielt.

Rensing: Ich habe das Ziel erreicht. Ich war ein Dreivierteljahr im Bayern-Tor. Dann ist alles sehr unglücklich zusammengekommen. Es fand ein großer Umbruch statt, wir waren in der Bundesliga nicht auf Platz eins. Dass man Gründe sucht, wenn es nicht so läuft, ist normal bei Bayern. Ich wurde sehr kritisch bewertet. Dann hat mich der ehemalige Trainer ohne Grund aus dem Tor genommen. Ich bin wieder reingekommen, aber jede Kleinigkeit wurde so bewertet, wie es wahrscheinlich noch nie bei einem Spieler auf diesem Planeten der Fall gewesen ist. Ich glaube, dass meine Leistung in der Bundesliga okay war. Ich kann mich an keinen großen Fehler außer zwei Bällen zu Beginn der letzten Saison, vielleicht an einige kleine Unsicherheiten erinnern. In der Champions League hat man mich sogar zum besten Vorrunden-Torhüter gewählt. Deswegen war das alles für mich nicht ganz nachzuvollziehen.

Was ist geblieben außer einer Reihe von Titeln auf der Visitenkarte?

Wessels: Bayern ist für meine Karriere total prägend gewesen. Dieser Start von null auf hundert mit dem Champions-League-Spiel in Glasgow. Als absoluter Nobody, wo jeder gedacht hat, der wirft sich fünf Stück hinten rein. Das war ein totaler Kickstart meiner Karriere. Es hat mir viel gegeben, auch wenn ich nicht so viele Spiele gemacht habe. Das Drumherum, die vielen Titel, ich habe es genossen, aber wenn ich jetzt zurückblicke, ist es mir noch mehr wert.

Rensing: Ich bin mit 16 nach München gewechselt, habe dort meine Jugend verbracht, Abitur gemacht, viele dicke Freunde kennengelernt, eine ausgezeichnete fußballerische Ausbildung bekommen und eine neue Heimat gefunden.

Was war der Höhepunkt, was der Tiefpunkt während der Zeit bei Bayern?

Wessels: Glasgow war mein persönliches Highlight. Ein ganz besonderes Stadion; diese Enge, deswegen wahrscheinlich meine Liebe zu den englischen Fußballstadien. Ich bekomme jetzt noch eine Gänsehaut, wenn ich daran denke. Ein Höhepunkt war der Champions-League-Sieg, jede einzelne Meisterschaft. Drei habe ich erlebt, jede war anders. Das habe ich in der letzten Saison mit Basel wieder erlebt. Seit der Bayern-Zeit hatte ich keinen Titel mehr geholt, und dann mit Basel Pokalsieg und Meisterschaft. Das sind die besonderen Sachen im Leben eines Fußballers. Einen richtigen Tiefpunkt bei Bayern hatte ich gar nicht, das Einzige waren meine Verletzungen.

Rensing: Höhepunkte waren die ersten knapp neun Jahre. Ich bin gleich im ersten Jahr mit der B-Jugend Deutscher Meister geworden, danach mit der A-Jugend. Ich wurde vorzeitig zu den Amateuren gezogen, bin Regionalliga-Meister geworden. Ich hatte mein Bundesligadebüt, neun Spiele in der Champions League, 53 in der Bundesliga, dazu DFB-Pokal- und UEFA-Cup-Einsätze und etliche Titel mit Bayern. Nur das letzte Jahr war sehr schwierig.

Die Bundesliga gilt wegen des Konkurrenzkampfes der Spieler als „Haifischbecken“. Trifft das besonders auf Torhüter zu?

Wessels: Mit Sicherheit. Die Position als Torhüter ist schwieriger. Doch wenn man spielt, kommt man nicht so schnell wieder raus. Aber Bundesliga ist natürlich ein Geschäft. Da wird mit harten Bandagen gekämpft. Wie man behandelt wird, das ist teilweise nicht ganz so einfach.

Rensing: Es gibt eben nur eine Torhüterposition. Als Feldspieler hat man es leichter, weil man vielseitig verwendbar ist oder die Position doppelt besetzt wird.

Warum ist es zurzeit für Torwarte so schwer, einen Verein zu finden?

Wessels: Eine gute Frage, wenn man sieht, wer zurzeit auf dem Markt ist. Ich glaube, jeder Einzelne könnte viele Bundesligaklubs verstärken. Es ist generell sehr schwer zurzeit, weil die Vereine die Wirtschaftskrise spüren. Viele wollen den Kader abspecken. Es gibt in Deutschland eine gute Jugendarbeit.

Rensing: Und es gibt nicht so viele Vereine, die einen Torhüter suchen.

Welche Perspektiven sehen Sie sportlich für sich?

Wessels: Die meisten meiner bisherigen Vereine waren sehr ambitioniert, dort möchte ich spielen. Das hat mit Basel geklappt, aber leider nur für die Saison. Jetzt war ich in England (West Ham, die Red.), es ist gut gelaufen, aber es hat nicht geklappt. Doch ich habe gemerkt, dass ich das Niveau habe, auf einem absoluten Toplevel zu spielen oder zumindest dabei zu sein. Das war gut für mein Ego.

Rensing: Ich möchte eine neue Erfahrung machen und ins Ausland wechseln. Für mich geht es in den nächsten zwei Jahren darum, zu spielen und zu zeigen, dass ich ein sehr guter Torhüter bin. Dann muss man die Situation neu bewerten.

Welche Kontakte bestehen noch zum TuS Lingen?

Wessels: Momentan eigentlich keine. Ich bin aber sehr gut informiert über den TuS bzw. den Sport im Emsland, weil meine Mutter mich mit den Zeitungsartikeln über den regionalen Sport versorgt.

Rensing: In der ersten Mannschaft kenne ich die Spieler nur noch von den Namen her. Meine Freunde, die zuletzt für den TuS gespielt haben wie Patrick Foppe, sind nicht mehr da. Dennoch war ich auf dem Laufenden, was sich jetzt durch die Tätigkeit meines Bruders, der zum TuS gegangen ist, noch mal verstärkt. Ich kenne die Ergebnisse und drücke dem TuS und meinem Bruder die Daumen. Er bringt viel Erfahrung und Geschick mit. Er hat meinen Weg begleitet und dabei viel gelernt. Das kann für den TuS sehr hilfreich sein.

Könnte der TuS in Ihrer Zukunft eine Rolle spielen?

Wessels: Prinzipiell natürlich, doch von der Lebensplanung wird es wahrscheinlich schwer.

Rensing: Das ist nicht auszuschließen. Wer weiß!

Was wünschen oder empfehlen Sie dem TuS zum Hundertjährigen?

Wessels: Ich gratuliere natürlich und hoffe, dass Ruhe reinkommt beim TuS und dass er wieder an erfolgreiche Zeiten anknüpfen kann, wie zum Teil vor meiner Zeit. Als ich dort war, hat er eine sehr gute Rolle im Emsland gespielt. Ich hoffe, dass er dort wieder hinkommt.

Rensing: Ich wünsche dem TuS, dass er dahin zurückkehrt, wo er hingehört. Und das ist zumindest die Oberliga. Das braucht die Stadt, und auch der Verein hat seine Geschichte.

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