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Bundestrainer Joachim Löw: Die Kirche ist der Ort, wo ich noch nie auf die Nationalmannschaft angesprochen wurde
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Bundestrainer Joachim Löw: Die Kirche ist der Ort, wo ich noch nie auf die Nationalmannschaft angesprochen wurde
Bundestrainer Joachim Löw: Die Kirche ist der Ort, wo ich noch nie auf die Nationalmannschaft angesprochen wurde
Osnabrück. Die Kirche sei der Ort, sagt Bundestrainer Joachim Löw, wo er noch nie auf die Nationalmannschaft angesprochen wurde. Im Interview für noz.de spricht Löw über Weihnachten und Werte, Bescheidenheit und Burnout, Demut und die Freiheit, Nein sagen zu können.
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Herr Löw, welchen Bezug haben Sie als ehemaliger Ministrant zum Weihnachtsfest?
Weihnachten heißt für mich: Ruhe, Familie, Tradition, gutes Essen.
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Gehen Sie auch in die Kirche?
Am Heiligen Abend, ja.
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Aus Überzeugung?
Wir gehen an Weihnachten gerne mit der Familie in die Kirche.
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Sind Sie ein gläubiger Mensch, der regelmäßig betet?
Ich bete auf meine Art und Weise. Ich muss aber nicht unbedingt in die Kirche gehen, um zu beten.
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Was stärkt Sie?
Jeder Mensch sucht ja nach Glauben oder nach einem Halt. Es gibt ja auch das Erleben der inneren Stärke. Der Ruhe, die einem Kraft gibt, die man benötigt, um durchs Leben zu gehen.
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War das Abrücken von der Institution Kirche ein Prozess oder gab es dafür ein einschneidendes Erlebnis?
Ich bin nicht abgerückt von der Kirche, aber ich sehe manches kritisch.
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Sie verbinden Weihnachten mit Ruhe. Wie ruhig ist denn der Heilige Abend im Hause Löw?
Der Großteil der Familie ist beisammen und das genießen wir sehr. Für mich bedeutet dieser private Kreis auch Ruhe und Zufriedenheit.
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Und niemand fragt Sie nach der Nationalmannschaft?
Das Thema ist an Weihnachten außen vor.
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Auch bei den Leuten, die den Bundestrainer beim Kirchgang treffen?
 Ich habe es fast überall erlebt, dass Leute mich auf die Nationalmannschaft ansprechen oder um ein Autogramm bitten, aber in der Kirche bislang noch nicht (lacht).
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Kümmern Sie sich selbst um die Geschenke?
Bei uns gibt es keine Geschenke.
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Grundsätzlich nicht?
Nur für die Kinder in der Familie. Unter uns Erwachsenen ist das aber schon seit vielen Jahren nicht mehr der Fall.
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Weil einem nichts mehr einfällt, weil man schon alles hat?
Nein, weil wir das Geld, das wir normalerweise in Geschenke investieren würden, lieber für gute Zwecke verwenden und damit Menschen helfen, die wirklich hilfsbedürftig sind. Geschenke kann man das ganze Jahr über machen, dass muss nicht an Weihnachten sein.
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Hier in unserem Interviewraum steht ein voller Geschenkewagen für Sie. Am auffälligsten ist die Fünf-Liter-Flasche Rotwein eines Hotels...
Es stimmt mich ein bisschen bedenklich, dass mir mittlerweile alle Wein schenken und dass die Flaschen immer größer werden (lacht). Vor zwei Jahren waren noch hin und wieder Zigaretten dabei.
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Hat es geklappt, mit dem Rauchen aufzuhören?
Ja, im Moment schon. Darüber bin ich sehr froh.
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Herr Löw, enge Mitarbeiter von Ihnen erzählen, dass Werte für den Bundestrainer wichtig sind. Sind sie auch ein Auswahlkriterium bei der Zusammenstellung der Nationalmannschaft?
Ja, sie sind ein Teil. Als Trainer ist es wichtig zu wissen: Wie verhalten sich Spieler in einem Team. Eine Mannschaft zu sein, ist im heutigen Leistungssport Fußball viel wichtiger als je zuvor. Es gibt Werte, die dort zu beachten sind: respektvoller Umgang untereinander, aber auch gegenüber unserem Team hinter dem Team. Kommunikation, Toleranz, Disziplin, Akzeptanz von Abläufen, Zuverlässigkeit, Seriösität, Konzentrationsfähigkeit: Das alles spielt eine Rolle für ein gutes Arbeitsklima. Wenn man bedenkt, wie häufig wir im Ausland sind und dort Deutschland vertreten, dann ist mir das Auftreten der Mannschaft wichtig. Wir wollen uns nicht nur aufgrund unserer Spielweise Respekt verdienen.
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Wie wichtig ist die Teamfähigkeit im Vergleich zur fußballerischen Klasse des Spieler?
Das ist schwierig zu beurteilen. Ich schaue zunächst: Ist ein Spieler in der Lage das umzusetzen, was ein Trainer von ihm will. Später, wenn es auf die Nominierung für ein großes Turnier zugeht, diskutieren wir im internen Kreis schon darüber: Welche Spieler können der Mannschaft Energie geben? Welche Spieler sind frusttolerant, wenn sie mal nicht spielen. Welche Spieler können dem Konkurrenzkampf standhalten und ihn fördern? Welche Spieler sind vielleicht getrieben von zu viel Egoismus oder zu viel Neid? Das sind wichtige Fragen, denn bei einer EM oder WM sind 60 bis 70 Leute acht Wochen auf ganz engen Raum zusammen. Da braucht es langen Atem.
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Werte sind also kein Auswahlkriterium, aber ein K.o.-Kriterium?
Die Frage ist: Wie viele Egoisten verträgt ein Team? Einen? Zwei? Drei? Wie viele Leute wollen Führung übernehmen? Sind das vielleicht auch zu viele?
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Wie lautet Ihre Antwort auf die Frage: Wie viele Egoisten verträgt ein Team?
Das hängt von der individuellen Klasse ab.
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Man muss überragend sein?
Selbstverständlich. Man muss als Trainer aber auch erkennen, wann überwiegt der Egoismus und wo sind die Grenzen. Für mich gilt eins: Der Teamgedanke steht über allem.
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Wer sind die Egoisten in Ihrem Team?
Ich glaube, das können Sie fast selbst beantworten.
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Mir fällt keiner ein.
Sehen Sie, auch ich sehe keinen ausgesprochenen Egoisten in unserer Mannschaft. Da schiebt sich niemand persönlich in den Vordergrund, jeder fühlt sich verantwortlich für das Gesamte.
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Das ist die Folge Ihres Auswahlverfahrens?
Nicht nur. Die jungen Spieler, die in den vergangenen Jahren hochkamen, sind alle fußballerisch sehr gut ausgebildet. Sie sind aber auch besser auf ihre Karriere vorbereitet worden, als das noch vor fünf oder zehn Jahren der Fall war. Sie sind selbstbewusst, zielorientiert, aber verstehen auch, was es bedeutet, in einem Team zu spielen. Dabei spreche ich von der Elite wie Götze, Özil, Neuer, Khedira, die Breite kann ich nicht so gut beurteilen. Die, die in den Jugendzentren den Konkurrenzkampf überstehen, sind extrem teamfähig und haben trotzdem eine klare Vorstellung in ihrer Karriereplanung.
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Würden Sie sagen, das sind mündige Spieler?
Es sind verantwortungsbewusste Spieler, die ihre Meinung aber auch klar äußern. Sie wollen Verantwortung übernehmen, aber auch Kritik hören. Sie wollen wissen, wo sie sich verbessern können. Sie wollen ihre Aufgabe kennen und sie gut erfüllen.
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Braucht so eine Mannschaft noch Führungsspieler?
Führungsspieler werden immer gebraucht. Aber die Art hat sich verändert. Ein Lahm, ein Schweinsteiger, ein Klose, selbst junge Spieler wie Neuer oder Khedira, sie übernehmen Verantwortung auf dem Platz, aber auch daneben. Sie wissen, wie eine Gruppe funktioniert – und sie kommunizieren sehr viel. Das ist wichtig. Denn junge Spieler wie Götze wollen, dass man mit ihnen spricht. Argumentation statt Emotion. Mit ausschließlich purer Emotion fallen die Dinge nicht auf fruchtbaren Boden.
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Was zeichnet Führungsspieler noch aus?
Sie sind vor allen Dingen erfolgshungrig. Sie haben Sehnsucht nach Siegen und tun alles dafür. Da sehe ich eine gute Entwicklung bei uns. Dazu ist heute ein hohes Maß an Bescheidenheit gefragt. Spieler, die Bodenhaftung haben, das sind die guten Spieler. Sie wollen sich ständig verbessern. Das halte ich heute für extrem wichtig. Nehmen Sie Spieler wie den Spanier Xavi: Der war Europameister, Weltmeister, Champions-League-Sieger und Meister. Aber ich höre immer nur: Wir wollen weiter gewinnen, wir arbeiten hart an uns. Dazu kommt die Freude auf dem Platz. Ein Spieler, der satt ist, kann keine Freude mehr ausstrahlen. Weder im Training, noch im Spiel. Bei uns sehe ich im Moment eine sehr große Freude.
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Sie sprachen von Bescheidenheit. Haben Sie sich deswegen so geärgert, dass Philipp Lahm in seinem Buch frühere Trainer von ihm kritisiert hat?
Ja, ich habe mich geärgert über diese Aussagen. Es steht ihm nicht zu, während seiner aktiven Zeit Trainer zu bewerten, die maßgeblichen Anteil an seiner Karriere in der Nationalmannschaft hatten.
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Aber er war eigentlich nur ehrlich. Dürfen Spieler nicht mehr ehrlich sein?
Trainer sind auch seine Vorgesetzten. Da muss man sich schon genau überlegen, was man sagt und was daraus entstehen kann. Der Ansatz, seine Karriere in einem Buch zu reflektieren und jungen Spielern etwas mitzugeben, ist ja gut. Aber in der Bewertung von Details muss man vorsichtig sein. Das habe ich ihm gesagt.
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Muss ein Spieler Vorbild sein?
Demut ist ein entscheidender Punkt. Demut gegenüber den Fans beispielsweise. Ihnen zu zeigen: Ich spiele gerne Fußball und tue etwas dafür, dass ihr eure positiven Emotionen bekommt. Aber auch gegenüber einer anderen Kultur, einer anderen Mentalität, anderen Bräuchen, anderen Sitten ist Demut wichtig.
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Viel verlangt von einem Spieler, der in einem aufgeheizten Umfeld mit Verein, Beratern, Öffentlichkeit, Fans, Sponsoren, Medien klarkommen muss. Sie haben selbst mal gesagt, ein Profi muss seine eigene Firma sein.
Das mit der Firma war in Bezug auf Leistung und Lebensweise gemeint. Es ist nicht einfach, mit 19 oder 20 so in der Öffentlichkeit zu stehen und sehr viel Geld zu verdienen. Es ist wichtig, sich mit der Situation auseinandersetzen, mit Sieg oder Niederlage umzugehen. Viele junge Spieler machen solche Situationen durch, und man muss beobachten, wer kommt von seinem Weg ab, wer kann unwichtige Dinge ausschalten, sich mit den richtigen Leuten umgeben und sich absolut auf den Fußball fokussieren.
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Wie gehen Sie selbst damit um, ständig in der Öffentlichkeit zu stehen und beobachtet zu werden? Holen Sie sich Hilfe, lassen Sie sich coachen, buchen Sie Seminare?
Ich denke nicht, dass da Seminare helfen. Jeder muss für sich einen Weg finden, wie er mit dem Druck und der Erwartungshaltung umgeht. Ich habe das Gefühl, dass mir die ganze Geschichte viel Spaß macht. Bei einem Turnier beispielsweise ist meine Freude größer als der Druck, der auf mir lastet.
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Ist das Ihre Mentalität?
Das weiß ich nicht. Ich würde lügen, wenn ich sage: Ich spüre den Druck nicht. Mir hilft zum einen eine gewisse Distanz zum Fußball. Ich brauche meinen privaten Bereich. Deswegen versuche ich, diesen so gut es geht abzuschotten. Das ist meine Oase. Und es gibt Menschen, die mir Energie geben, wenn ich mich schwach fühle. Meine engsten Mitarbeiter im Trainerteam kennen alle meine Stärken und Schwächen. Früher war ich einer derjenigen, die geglaubt haben, immer alles können und machen zu müssen. Inzwischen habe ich gelernt, Verantwortung zu delegieren. Ich weiß, dass ich Mitarbeiter habe, die in manchen Bereichen besser sind als ich. Ihnen vertraue ich.
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Diese Schwächen räumen Sie ohne Probleme ein?
Ja, natürlich, klar. Meine engsten Mitarbeiter spüren schon, wenn meine Begeisterungsfähigkeit mal nach lässt. Wenn ich unsicher werde. Wenn ich nach Lösungen suche und frage: Was können wir tun, um noch besser zu werden? Dann bin ich froh, dass ich einen Input bekomme und Mitarbeiter mir sagen: ‚Das geht jetzt in die falsche Richtung.’ Das ist unsere Stärke im Team.
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Können Sie ein Beispiel nennen?
Drei Wochen nach der WM 2010 habe ich mich schon gefragt: Was soll das, jetzt ein Spiel gegen Dänemark zu machen? Da hat mich Hansi Flick motiviert, hat gesagt: ?Jogi, wir müssen jetzt wieder mal was tun, wir müssen uns zusammensetzen, wir müssen über die Gegner reden und über unsere Spieler. Wir müssen wieder etwas vorantreiben.‘
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Er hat Ihnen neue Kraft gegeben?
Ja, er hat mich angetrieben, die Dinge wieder zu forcieren. Nach der WM hat es mir einfach gut getan, mal nicht über Fußball nachzudenken. Tatsächlich habe ich bis September gebraucht, ehe ich wieder das Gefühl hatte: Jetzt geht es um die EM-Qualifikation, jetzt finde ich meine Motivation wieder.
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In jüngster Zeit hat der Profifußball durch dramatische Ereignisse Schlagzeilen gemacht. Der walisische Nationaltrainer Gary Speed verübte einen Suizid, Bundesliga-Schiedsrichter Babak Rafati versuchte, sich das Leben zu nehmen. Was bewirken solche Geschehnisse in Ihnen?
Ich mache mir Gedanken. Gerade am Ende eines Jahres, wenn Ruhe einkehrt, oder nach wichtigen Turnieren mit einem extrem großen Energieverlust, da gibt es diese Tage, an denen man spürt: ‚Mensch, eigentlich bin ich müde und möchte nicht immer nur mit Fußball konfrontiert sein.’ Es ist klar, dass nach emotionalen Momenten wie bei der WM 2010 ein Gefühlseinbruch folgt. Da sind die positiven Emotionen, aber Körper und Seele suchen ja einen Ausgleich. Da fällt man manchmal aus dem Gleichgewicht. Dass ein Trainer wie Ralf Rangnick, der nicht mehr schläft, nicht mehr isst, irgendwann sagt, jetzt ist gut, ich bin nicht mehr in der Lage, der Mannschaft Energie zu geben und sie mitzuziehen, das kann ich nachvollziehen. Als Trainer muss man das schon können, vorneweg gehen.
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Haben Sie manchmal Probleme abzuschalten?
Ich habe das gelernt. Ich habe mir unter anderem ein besseres Zeitmanagement angeeignet und nehme mir die Freiheit, das Telefon und was sonst noch alles ablenkt, auch mal abzuschalten.
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Sie haben gelernt, Nein sagen zu können?
Ja, auch das. Bewusst einmal Nein zu sagen und manche Termine abzusagen. Ich habe mir auch die Arbeitszeit zwischen den Spielen, wenn ich zuhause bin, verkürzt. Früher habe ich den Fehler gemacht, dass ich manchmal zuhause zehn Stunden im Büro saß. Dort war ich aber ständig abgelenkt durch Telefon, E-Mail und so weiter. Da fällt es einem schwer, richtig gute Gedanken zu finden, in die Zukunft zu blicken, ein bisschen Visionär zu sein. Irgendwann habe ich mir gesagt, wenn ich zuhause bin, dann arbeite ich vier, fünf Stunden sehr konzentriert und mache alles aus. Denke nach, suche Lösungen, und wenn ich das abgeschlossen habe, ist es gut. Dann gehe ich einen Kaffee trinken oder ein bisschen Fußball spielen.
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Können Sie sich solch eine Arbeitsweise eher leisten als ein Vereinstrainer, der Woche für Woche im Fokus steht?
Das könnte sich auch ein Vereinstrainer leisten. Auch in der Wirtschaft, im gehobenen Management, ist das möglich. Besser vier, fünf Stunden konzentriert und qualifiziert arbeiten, als vielleicht nur da zu sein und sich ständig ablenken zu lassen. Manchmal drehst du dich doch nur im Kreis. Klar hast du als Vereinstrainer mehr Spiele, einen schnelleren Rhythmus. Aber das heißt nicht, dass man immer von morgens bis abends im Verein da sein muss. In unserem Beruf braucht ein Trainer auch die Zeit, in der er mal abschalten kann, um wieder kreative Gedanken zu bekommen. Sonst bewegt man sich in einer Einbahnstraße.
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Vielleicht arbeiten viele über das Soll hinaus, weil sie Angst vor Jobverlust haben oder sich vor ihren Vorgesetzten beweisen wollen.
Ich kann nicht für alle sprechen. Klar will man sich als junger Trainer ständig beweisen. Ich war ja auch mal in der Situation, in der ich mich gefragt habe: Wo sind denn die Lösungsansätze? Gibt es neue Dinge? Irgendwann habe ich gemerkt: Es ist besser, wenn ich konzentriert arbeite. Dann bin ich auch produktiv.
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Das ist eine sehr souveräne Haltung.
Heute weiß ich eben, dass es mir gut tut, sich mal mit anderen Dingen zu beschäftigen, mal ein Buch zu lesen. Wenn ich in die Öffentlichkeit trete, werde ich ständig mit Fußball konfrontiert. Aber ich bin auch froh, wenn ich mal mit Leuten zusammen bin, die nicht ständig über Fußball reden wollen und ich das Gefühl habe, ich kann auch mal zuhören. Auch das ist das Leben.
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Kann man sich diese Haltung leisten, wenn man im Abstiegskampf steckt?
Man sollte sie sich leisten. Es nützt ja nichts, wenn man so viel Energieverlust hat, dass man nicht mehr weiß, wie etwas besser werden kann.
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Liegen solche extremen Reaktionen wie bei Speed oder Rafati am System Profifußball?
Ich glaube nicht, dass das ein spezielles Problem des Profifußballs ist. Das betrifft alle Teile unserer Gesellschaft. Es gibt viele Arten von Depressionen und Formen von Burnout in anderen Bereichen. Es kann damit zusammen hängen, dass man immer und überall erreichbar ist, möglicherweise auch im Urlaub nicht abschalten kan. Das bringt einen hohen Energieverlust. Die Zeit dreht sich dann schneller. Der Fußball verursacht eine hohe Belastung. Gerade für junge Spieler ist es schwierig, ständig diesem Erfolgsdruck standzuhalten und rauszugehen und vor einem Millionenpublikum zu versuchen, eine gute Leistung zu bringen.
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Im Hochleistungssport mit seinem knüppelharten Auswahlverfahren und der Siegermentalität zu bestehen, ist folglich schwieriger?
Teils, teils. Auf der anderen Seite fällt ja im Fußball zunächst mal die ganz große Existenzangst zur Seite. Da kann es in anderen Berufen viel eher zu Situationen kommen, in denen Menschen plötzlich Existenzängste haben, weil sie entlassen worden sind. Immer ist es gut, sich auch mal von außen beobachten zu lassen, sein Tun zu reflektieren. Und Hilfe anzunehmen, wenn es nötig ist. Es war von Ralf Rangnick mutig und richtig, die Probleme offen einzugestehen. Man spürt das ja als Trainer: Wenn du selber keine gute Energie hast, wenn du selber nicht mehr diese Begeisterung hast, kannst auf eine Mannschaft nichts übertragen. Das geht mir ja auch so. Wenn du mal ausgelaugt bist, spüren das die Leute. Es wird aber von Führungspersönlichkeiten erwartet, dass sie mit Optimismus und Kraft vorausgehen.
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Zur Führung einer Mannschaft gehört auch das Konfliktmanagement. Mit Blick auf das Nationalmannschaftsende von Michael Ballack – ist das ein Bereich, in dem sich der Bundestrainer Joachim Löw noch verbessern kann?
Ich habe klare Vorstellungen – unabhängig von der öffentlichen Meinung. Aber selbstverständlich kann man auch im Konfliktmanagement dazulernen und muss sich als Führungskraft ständig hinterfragen.
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Ärgert es Sie persönlich, wie der Fall Ballack gelaufen ist?
Ich habe zuletzt ja etwas dazu gesagt, und dabei möchte ich es bewenden lassen. Wir können alle nicht zufrieden sein, wie es gelaufen ist.
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Haben Sie Kontakt zu ihm?
Im Moment nicht.
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