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„Ein Fanprojekt ist genauso wichtig wie ein Jugendzentrum“
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Quelle: Neue Osnabrücker Zeitung 25. Mai 2010 13:37 Uhr


„Ein Fanprojekt ist genauso wichtig wie ein Jugendzentrum“

Professor Gunter A. Pilz beschäftigt sich seit 30 Jahren mit Fußballfans; als Wissenschaftler und als Praktiker, der das Fanprojekt in Hannover aufgebaut hat. Am Mittwoch, 26. Mai, 19.30 Uhr ist er in Osnabrück im Gemeindesaal St. Marien Teilnehmer einer Podiumsdiskussion zum Thema „Ethik im Profifußball“. Das Interview kreist aus aktuellem Anlass – Osnabrück steht vor der Installation eines Fanprojektes – um seine Erkenntnisse aus der Welt der Fans.

 
Fan-Experte aus Hannover: Prof. Gunter Pilz. Foto: Imago  Vergrößern

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Herr Pilz, Osnabrück soll ein Fanprojekt bekommen. Gibt es nach Ihren Erfahrungen einen Grund, warum es bisher keins gibt?

Nein, nicht einen einzigen. Im Übrigen sieht das Nationale Konzept für Sicherheit vor, dass es in allen Fußball-Standorten von der Bundesliga bis zur 3. Liga ein Fanprojekt geben soll.

Warum gibt es dann erst in 42 Städten Fanprojekte?

Ganz einfach: Die Politik – also Land und Kommune, die zu je einem Drittel an den Kosten eines Fanprojektes beteiligt sind – scheuen manchmal diese Investition. Dabei vergessen sie, dass Repression immer teurer ist als Prävention.

Der Profifußball meldet Umsatzrekorde, die öffentlichen Kassen sind leer. Müsste da nicht die Finanzierung von Fanprojekten vor allem zulasten des Fußballs gehen?

Völlig falsch. Wenn Politiker so etwas fordern, nenne ich das falsch, fahrlässig und politisch verantwortungslos. Wir haben es hier mit gesellschaftlichen Problemen zu tun, die nicht vom Fußball ausgelöst werden. Vereine zahlen Steuergelder und investieren bereits hohe Summen in ihre eigenen Ordnungsdienste. Fanprojekte sind zu behandeln wie Jugend- oder Stadtteilzentren, denn ihnen kommen ähnliche Funktionen zu.

Sie haben schon vor über 20 Jahren in Hannover eins der ersten Fanprojekte aufgebaut. Was ist Ihr grundlegendes Argument für ein Fanprojekt?

Fanprojekte schaffen ein Klima das Dialogs; das ist das entscheidende. Immer dann, wenn sich Szenen jeder Art der Kommunikation verweigern, wird es für Sozialarbeit schwierig. Es geht nicht darum, Fans zu kontrollieren, sondern mit ihnen ins Gespräch zu kommen – und zwar auf Augenhöhe und unabhängig von der Polizei oder dem Verein. Das schließt Gespräche und gemeinsame Aktionen natürlich nicht aus.

Geht es nicht in erster Linie auch darum, Ausschreitungen zu verringern und Gewalt zurückzudrängen?

Wer ein Fanprojekt einrichtet, weil er damit auf Fangewalt reagieren will, handelt im Sinne eines Feuerwehransatzes von Sozialarbeit, der überholt ist. Wir wollen den Fans helfen, Selbstregulierungsprozesse zu entwickeln und sie mit ihren Wünschen an den Profifußball ernst zu nehmen. Gerade die Ultra-Bewegung hat hier das Selbstbewusstsein der Fans gehoben und mit Kritik an den Auswüchsen der Kommerzialisierung des Fußballs Profil gewonnen.

Machen Ihnen die jüngsten Ausschreitungen wie in Berlin, Bochum oder Düsseldorf nicht Sorgen? Ist das Gewaltpotenzial gestiegen?

In Teilen der Ultra-Bewegung macht sich eine jugendliche Szene breit, die eine Art Gewalt-Event-Kultur betreibt. Die haben mit Fußball wenig zu tun, was man auch daran erkennen kann, dass diese Szene zu Auswärtsspielen ihres Klubs fährt, um dort Gewalt- und Pyro-Aktionen zu starten, aber bei Heimspielen so gut wie nicht vertreten ist. Diese Szene gilt es zu isolieren, gerade mit Blick auf nachwachsende Fan-Generationen. Da sind Fanprojekte auch der bessere Ansatz.

Aufseiten der Polizei erkennt man unterschiedliche Strategien auf der Skala von knallharter Repression bis zum kooperativen Umgang.

Ja, das stimmt. Auch die Polizei macht Fehler und räumt sie gelegentlich auch ein, wie zuletzt nach den Vorfällen in Düsseldorf beim Spiel gegen Rostock. Letztlich zeigt sich, dass in allen Städten, die das hannoversche Modell des Ausgleichs und des Dialogs anwenden, die Gewaltbereitschaft sinkt. Wer die Entwicklung der letzten Jahrzehnte betrachtet, kommt außerdem an der Feststellung nicht vorbei, dass sich in Teilen des Polizeiapparates die Einstellung zur Fanproblematik gewandelt hat. Die Bereitschaft, sich mit dieser Sonderwelt der Jugendkultur zu beschäftigen und gemeinsam an Lösungen von Gewaltproblemen zu arbeiten, ist deutlich gestiegen.

Persönliche Frage zum Abschluss: Sie folgen seit über drei Jahrzehnten den Spuren der Fans. Sehnen Sie sich nicht manchmal nach einem anderen Forschungsgegenstand?

Nein, dazu ist das Feld einfach zu spannend. Außerdem hat sich im Lauf der Zeit viel verändert, auch an meiner Rolle: Die Institutionen, die mich damals gar nicht anhörten und von Fankultur nichts wissen wollten, beschäftigen mich inzwischen als Berater, Gutachter und Funktionsträger in diesem Fachgebiet.

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