29.11.2016, 15:32 Uhr

Opfer entblößt und geschlagen Prozess in Aurich: Entführter Reeder sagt als Zeuge aus

Zwei wegen erpresserischen Menschenraubs und besonders schwerer räuberischer Erpressung Angeklagte kommen vor Auftakt des Prozesses am 26. Oktober 2016 in den Verhandlungssaal im Landgericht von Aurich. Foto: Ingo Wagner/dpaZwei wegen erpresserischen Menschenraubs und besonders schwerer räuberischer Erpressung Angeklagte kommen vor Auftakt des Prozesses am 26. Oktober 2016 in den Verhandlungssaal im Landgericht von Aurich. Foto: Ingo Wagner/dpa

mari Aurich. Im Prozess um die Entführung eines Reeders im Landkreis Leer hat jetzt das 69 Jahre alte Opfer als Zeuge vor dem Landgericht in Aurich ausgesagt. Deutlich wurde dabei, dass die Täter äußerst brutal zu Werke gingen.

„Es ist nicht ganz einfach. Es ist ein Wechselbad der Gefühle“, sagte der Geschäftsmann am vierten Prozesstag. Die Zeit der Entführung sei so ziemlich das Schlimmste gewesen, was ihm in seinem bisherigen Leben passiert sei. „Schlimmer als ein Beinahe-Absturz mit einem Flugzeug oder eine Situation in Seenot“, sagte der Reeder.

Er wusste nicht, wie ihm geschah, als er morgens auf dem Weg zur Arbeit von einem weißen PKW überholt wurde. „Polizei. Bitte folgen“, blinkte auf einem Display im Heckfenster. Zwei Polizisten seien auf ihn zugekommen, hätten ihn zum Aussteigen aufgefordert und Papiere verlangt. Als er die hintere Fahrzeugtür öffnete, um an die Papiere zu gelangen, sei er überwältigt worden. Gefesselt und mit verbundenen Augen brachte man ihn zum Versteck in Hatzum. „Dort musste ich mich nackt ausziehen. Man hat mich auf Peilsender untersucht“, berichtete der 69-Jährige. Dann wurde er an einen Bettpfosten gekettet. Man verließ mit ihm nur das Haus, um die Telefonate mit den Lösegeldforderungen zu führen. „Ich hatte das Gefühl, dass wir weit gefahren sind„, sagte das Opfer. Auch dabei hatte man ihm die Augen verbunden.

Mit Sturmhauben maskiert

Seine Bewacher waren mit Sturmhauben maskiert. „Man hat mir einen Schuldschein vorgelegt, den ich unterschreiben sollte“, erzählte der 69-Jährige vor Gericht. 600.000 Euro waren eingetragen, dahinter noch einmal handschriftlich 400.000 Euro eingefügt. „Man sagte mir, die 400.000 Euro sind eine Bearbeitungsgebühr.“

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Der Leeraner weigerte sich aber, zu unterschreiben. Deshalb wurde er mit Faustschlägen traktiert. Einer der Bewacher ging in die Küche und kam mit einem Fleischermesser zurück. „Er hielt mein Ohr fest, das Messer daran und drohte, es abzuschneiden. Der andere schlug ihm das Messer aus der Hand“, erinnerte sich das Opfer. Dieser Mann sei der „Wohlwollende“ oder „Beschwichtigende“, meinte er. Dieser Mann hatte ihm auch den Tipp gegeben, dass er vor der Freilassung nicht eine LSD-Pille einnehmen, sondern lieber Whiskey trinken solle. Die Flasche habe man dann gemeinsam geleert.

In zwei Tagen sechs Kilo verloren

Ob es einem per SMS übersandten Beweis für die Überweisung des Lösegeldes oder dem erhöhten Fahndungsdruck zu verdanken war, dass er schließlich freigelassen wurde, konnte der Reeder nicht mehr sagen. „Ich habe auf jeden Fall Hubschrauber gehört.“ Man setzte den 69-Jährigen, der in zwei Tagen sechs Kilogramm an Gewicht verlor, auf einer Wiese aus. Das Entführungsopfer lief bis zur Autobahn, wo es von der Bundespolizei entdeckt wurde.

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Die Entführer, die sein Lebensumfeld zuvor akribisch ausspioniert hatten, hielten den Reeder offenbar für einen mehr als wohlhabenden Mann. „Sie behaupteten, ich hätte eine Bank in Monte Carlo und sei ein guter Freund von Udo Lindenberg, mit dem ich immer im Atlantic-Hotel in Hamburg sitzen und meine Zigarren mit 500-Euro-Scheinen anzünden würde.“

Die Mutter des Hauptangeklagten hat die Beihilfe abgestritten. Der Verteidiger der 90-Jährigen las eine Erklärung vor. Der Prozess wird fortgesetzt.

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