17.09.2010, 15:40 Uhr zuletzt aktualisiert vor

Schwerlastgruppe der Polizei im Einsatz an der A30 in Velpe Unsichere Lkw auf dem Kieker


Westerkappeln. Stefan Bode hat wieder einmal den richtigen Riecher gehabt. Fast eine halbe Stunde lauert er schon an der Auffahrt Lotte, bis ein polnischer Lastzug an ihm Richtung Holland vorbeirauscht. „Das Fahrzeug sieht schlecht aus“, meint Bode, gibt Gas, setzt sich vor den Lkw und lotst diesen auf den Rastplatz Brockbachtal in Velpe. Nach einer kurzen Überprüfung steht fest: Der Brummi-Fahrer hat erst einmal Feierabend.

Rund 20 Polizeibeamte sind heute auf der Autobahn 30 und auf der A1 anlässlich einer TISPOL-Kontrolle im Auftrag der Verkehrssicherheit unterwegs. Dabei geht es nur beiläufig um die Gurtpflicht, wie der beinah militärisch anmutende Name „Operation Seatbelt“ vermuten ließe. Im Fokus steht vielmehr die Bekämpfung der Hauptunfallursachen auf den Autobahnen, und das sind zu hohes Tempo und mangelnde Abstände.

Die Autobahnwache Lotte setzt einen Videowagen ein, im Bereich Tecklenburg stehen zwei Streifenwagen mit Geschwindigkeitsmessanlagen an Bord. Auf der A 30 haben die Beamten heute vor allem Lastwagen auf dem Kieker. Nicht ohne Grund: Wenn ein 40-Tonner aus der Bahn gerät, sind die Unfälle fast immer heftigst, wie am Donnerstag gleich zweimal in Lotte und bei Ibbenbüren zu beobachten war.

Stefan Bode mustert den polnischen Lastzug, dessen Auflieger bis zur Decke mit 16 Tonnen Möbeln vollgepackt ist. Der Laie mag nichts erkennen, Bode wittert sofort die potenzielle Gefahr: „Die Ladung ist in alle vier Richtungen nicht gesichert. Sie kann verrutschen“, stellt der Leitende Polizeihauptkommissar (PHK) der Schwerlastgruppe der Autobahnpolizei Münster nüchtern fest. In scharfen Kurven, bei Bremsmanövern oder beim Beschleunigen könnten die Paletten verrutschen – mit katastrophalen Folgen. Denn die leichte Stirnwand, die Textilplanen an den Seiten und nicht zuletzt die klapprigen Hintertüren mit angerosteten Scharnieren halten wenig aus. Die Möbel müssen umgeladen werden. Zwei bis drei Tage könne es schon dauern, bis ein Ersatztransporter aus Polen vor Ort sei, weiß Bode aus Erfahrung.

Davon hat er jede Menge. Seit mehr als 20 Jahren ist er „im Lkw-Geschäft“ und mit Spaß dabei, wie er sagt. Ihm gehe es um die Sicherheit.

Und die lässt oftmals bei Lastern zu wünschen übrig. Ein paar Stellplätze weiter leuchtet Thorsten Baumann mit der Taschenlampe die Bremsanlage eines russischen Lkw aus. Schon beim ersten Hinsehen fallen ihm die Bremsscheiben auf, die auf beiden Seiten der Lenkachse gerissen sind. Ginge der Fahrer voll in die Eisen, droht der Bruch. „Dann geht gar nichts mehr“, erläutert Polizeikommissar Baumann, der „Techniker“ der Gruppe. Wieder Ende einer Dienstfahrt. Der Trucker telefoniert. „Der muss jetzt sehen, woher er das Geld für die Reparatur bekommt“, sagt Baumann. 5000 Euro benötige er dafür wohl. Es könne auch sein, dass ein Servicewagen aus Russland geschickt werde, weil billiger. „Die sind da ziemlich schmerzfrei.“

Nun ist es nicht so, dass die Speditionen aus Osteuropa nur mit rollenden Zeitbomben unterwegs sind. Die Fahrzeuge seien meistens recht neu. „Die haben aber ein anderes Verständnis von Wartung“, sagt Baumann.

Wenn die Männer der Schwerlastgruppe ein Fahrzeug aus dem fließenden Verkehr fischen, scheint eine ganze Menge Intuition im Spiel zu sein. So wie bei dem Gefahrguttransport, den Bode und Kollege Maik Ackermann jetzt gemeinsam unter die Lupe nehmen.

Der Fall ist ein Musterbeispiel für die Internationalität des Transportgewerbes: deutscher Fahrer, niederländische Spedition. Der Auflieger ist in Finnland zugelassen, der Trailer in Schweden beladen worden.

Die Polizeibeamten entfernen die Plombe. Bei dem Gefahrgut handelt es sich um einige Fässer Polymerkügelchen – nichts wirklich Gefährliches. Aber auch hier ist die Ladung nur mangelhaft gesichert. „Bei Gefahrgut ist das ein zwingender Grund, die Weiterfahrt zu untersagen. Da reicht schon ein angerissener Haltegurt“, erklärt Bode unter Hinweis auf die entsprechende Vorschriftensammlung. 1300 Seiten ist das Handbuch dick.

Bei unsicherer Beladung drohen Geldbußen: 300 Euro für den Fahrer, 500 Euro für den Verlader und 800 Euro für den Halter sind die Regelsätze. Für die Spedition ist der zeitliche Verzug aber wohl die schlimmere Strafe. Der Fahrer kommt in diesem Fall ungeschoren davon. Denn er hat den verplombten Trailer in Travemünde aufgenommen.

Die Schwerlastgruppe der Autobahnpolizei kontrolliert fast täglich den Güterverkehr. Ladungssicherung, Lenk- und Ruhezeiten, Gefahrgut, technische Mängel – so lautet die Reihenfolge der Verstöße. Etwa 75 Prozent der gestoppten Fahrzeuge würden beanstandet, 50 Prozent an Ort und Stelle stillgelegt. Der Großteil der Lkw, die unterwegs sind, sei aber sicher in Ordnung, betont Bode. „Wir selektieren bei den Kontrollen ja. Man sollte deshalb das Fehlverhalten einiger nicht automatisch auf das ganze Speditionsgewerbe ausweiten.“

Angesichts täglicher Kontrollen sollen Schwerpunktaktionen wie die „Operation Seatbelt“ vor allem werbewirksam sein, räumt Stefan Bode ein: „Wir wollen damit die Branche wachrütteln.“


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