25.03.2016, 17:32 Uhr

Hartes Ringen um Asylbewerberheime Vor 25 Jahren tat sich Wallenhorst schwer Flüchtlingen


Wallenhorst. Im Wallenhorster Rathaus ist man aus Erfahrung klug geworden. Als es vor 25 Jahren schon einmal Zwangszuweisungen von Asylsuchenden gab, die damals vor den Bürgerkriegen im zerfallenden Jugoslawien flohen, verlief die Suche nach einer Sammelunterkunft außerordentlich holperig.

Heute ist die Gemeinde erkennbar bemüht, für Akzeptanz in der Nachbarschaft zu sorgen, bevor sie eine Notunterkunft ausweist. Und das nicht ohne Erfolg, wie etwa die Informationsveranstaltung in der Hollager Mühle am 7. März bewiesen hat. Die Unterbringung ist im Jahr 2016 ein „Problem mit Ansage“, dem sich die Verwaltung gewachsen zeigt.

„Eiserne Vorhang“ hob sich

Vor 25 Jahren traf die „Asylantenflut“ auf kaum vorbereitete Strukturen. Wie kam es dazu? Mehrere Faktoren überlagerten sich: Der Warschauer Pakt und damit die strengen Grenzregime hatten sich aufgelöst. Mit dem Ende des Kommunismus hob sich der „Eiserne Vorhang“ und die Unzufriedenen und teils weiterhin Verfolgten aus Osteuropa und den Nachfolgestaaten der Sowjetunion fanden Wege in den Westen. Die Bürgerkriege im zerfallenden Jugoslawien trieben viele Menschen in die Flucht. Weiterhin wurden die westdeutschen Aufnahmekapazitäten durch zuwandernde ehemalige DDR-Bürger und Russlanddeutsche beansprucht.

Massive Proteste

Im Februar 1991 lösten die Planungen der Gemeinde, im Gewerbegebiet Hollage ein Wohnheim für 76 Asylbewerber zu errichten, massive Proteste aus. Eine Bürgerinitiative formierte sich, die in Eingaben an Gemeinde, Landkreis und Bezirksregierung eine Rücknahme der Pläne forderte und dies mit 162 Unterschriften von Anliegern unterstrich. Geplant war die Unterkunft südlich des Hullerwegs etwa dort, wo später das Briefverteilzentrum der Post entstand. Firmen aus der Nachbarschaft drohten, Investitionen am Standort zu streichen. Eine Hollagerin ergänzte die Unterschriftenliste mit dieser Bemerkung: „Lasst uns und unsere Kinder ohne Bombenleger und Rauschgifthändler leben!“

St.-Florians-Prinzip im Rat

Die Bürgerinitiative beklagte, dass der Gemeinderat Beschlüsse gefasst habe, ohne zuvor mit den betroffenen Bürgern diskutiert zu haben. Kein Wunder, denn die Debatten im Rat seien exakt nach dem St.-Florians-Prinzip verlaufen. Jedes Ratsmitglied sei froh gewesen, wenn die Behelfsunterkünfte nicht in seiner Nachbarschaft geplant worden seien. Die Bürgerinitiative berief sich auf ein „nachbarliches Abwehrrecht“. Ein Firmeninhaber argumentierte, das ins Auge gefasste Gelände sei besonders ungeeignet, da es nachts verlassen und viele Betriebsgrundstücke kaum gesichert seien. „Die Gefahr von Einbrüchen ist naheliegend“, meinte er, „die Leute haben selbst nichts, sehen, wie gut es uns geht und bedienen sich.“

Pfarrer mahnten zur Brüderlichkeit

Der lautstark vorgetragene Protest rief Gegenreaktionen hervor. Pfarrer mahnten zur Brüderlichkeit, anonyme Anrufer beschimpften die Wortführer, Politiker riefen zur Solidarität auf. Besonnene Bürger meldeten sich zu Wort, lehnten die scharfen Worte der Bürgerinitiative ab, baten aber ihrerseits die Gemeinde, nach Alternativen zu suchen. Sie verwiesen auf die guten Erfahrungen, die die Gemeinde zuvor mit der kleinräumlichen Unterbringung von vietnamesischen „Boat People“ gemacht habe.

Standortdiskussion

Drei andere Standorte wurden diskutiert: der kurz zuvor von der Gemeinde erworbene Duling-Hof,Duling-Hof,das noch zu errichtende Hollager Heimathaus und ein Mehrfamilienhaus-Neubau Am Bockholt 5. Zum Duling-Hof sagte der stellvertretende Gemeindedirektor Helmut Lahrmann: „Es handelt sich dabei um einen uralten, zerfallenen Bauernhof, der in den nächsten Jahren erst einmal gründlich saniert werden muss. Dort soll eventuell ein Jugend- und Kulturzentrum entstehen.“ Im jetzigen Zustand sei er keinesfalls für die Unterbringung geeignet. Das Heimathaus, damals übrigens noch neben der Josefskirche geplant, könne erst in einigen Jahren fertiggestellt sein. Und drittens, von dem Angebot einer Münsteraner Wohnungsbaugesellschaft, die in ihrem Neubau 16 Apartments angeboten habe, wisse die Gemeinde überhaupt nichts.

Café Hindenburg Kandidat

Einen Monat später war das ehemalige Café Hindenburg an der Osnabrücker Straße in Lechtingen der heißeste Kandidat. Hier wollte der Eigentümer eigentlich eine Diskothek eröffnen, was der Landkreis jedoch nicht genehmigt hatte. Im April 1991 kam ein Kaufvertrag zwischen dem in Gütersloh wohnenden Alt-Eigentümer und der Firma Fact zustande, die im Auftrag des Landes Massenunterkünfte kaufte oder anmietete und betrieb. Dafür erhielt sie von der Bezirksregierung für jeden Asylbewerber einen Tagessatz von rund 20 DM.

70 Asylbewerber auf 300 Quadratmeter

Auch gegen die Umnutzung des Cafés Hindenburg regte sich Protest. Nachbarn gründeten eine „Interessengemeinschaft Osnabrücker Straße“. Sie fühlten sich überrumpelt. „Warum hat die Verwaltung vor der Vertragsunterzeichnung nicht mit uns gesprochen?“, hieß es auf einer Protestversammlung. Außerdem: 70 Asylbewerber seien viel zu viele für die 300 Quadratmeter Nutzfläche in dem Gebäude. Der Prokurist der Firma Fact entgegnete, dort würden Familien mit vielen kleinen Kindern einquartiert, dann passe das schon. Im Sommer 1991 zogen die Asylbewerber ein. ( Weiterlesen: Bald Abriss von Café Hindenburg – Tage des Lechtinger Schandflecks sind gezählt )

Modulbauweise

Damit war Wallenhorst aber noch nicht aus dem Schneider. Im September 1992 meldete Gemeindedirektor Walter Klein, dass die Pflicht-Unterbringungsquote auf 245 Asylbewerber angehoben worden sei. Das Café und Hotel Zur Wittekindsburg in Rulle wurde zur weiteren Sammelunterkunft bestimmt. Firma Fact betreute dort 70 Kontingentflüchtlinge jüdischen Glaubens aus Russland. ( Weiterlesen: Seniorenwohnungen statt Café ) Und darüber hinaus beschloss der Gemeinderat, an der Wernher-von-Braun-Straße im Wallenhorster Industriegebiet ein Flüchtlingsheim in Modulbauweise errichten zu lassen. Auch hier lief das Verfahren holprig ab. 17 benachbarte Betriebe erwirkten im Juli 1993 beim Oberverwaltungsgericht Oldenburg einen Baustopp. Sie wandten sich wiederum gegen eine Konzentration so vieler Flüchtlinge an einem Ort. Eine formalrechtliche Handhabe bot sich ihnen, weil die Bauausführung von den genehmigten Plänen abwich. Fact gelang es aber, durch nachgereichte Pläne schon nach vier Tagen wieder in den Besitz einer gültigen Baugenehmigung zu gelangen. Im Spätsommer 1993 ging das Wohnheim an den Start. Die übereinandergestapelten Container wurden fünf Jahre später, nachdem die überwiegend aus dem Kosovo stammenden Bewohner dezentral untergebracht waren, wieder abgebaut.

Kirchenaustritte wegen Predigt

Josef Pott saß damals für die CDU im Gemeinderat und hat die Auseinandersetzungen in der Standortfrage noch recht gut in Erinnerung: „Es wurde hart gerungen, das war schon so. Das ging hin bis zu Kirchenaustritten, weil der Pfarrer gepredigt hatte, dass man die Neuankömmlinge willkommen heißen müsste. Aber im Nachhinein betrachtet haben sich zum Glück alle Befürchtungen und Vorbehalte als unbegründet erwiesen.“ Die Wallenhorster hätten ihren Frieden mit den Asylsuchenden geschlossen und beispielsweise 1994 in großem Umfang gespendet, damit Kinderspielplätze an den Unterkünften angelegt werden konnten. ( Mehr zur aktuellen Flüchtlingsproblematik finden Sie auf Ihrem Themenportal )


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