03.08.2011, 15:57 Uhr zuletzt aktualisiert vor

Mit 300 PS die Ernte einfahren Landwirt Thomas Kuhn aus Wallenhorst verbringt zurzeit ganze Tage auf dem Mähdrescher


Wallenhorst. Thomas Kuhn sitzt auf seinem Mähdrescher und hat ein breites Grinsen im Gesicht. Die Ernte fällt dieses Jahr zwar deutlich schlechter aus als sonst – doch in dem Moment, wo sieben Tonnen Getreide binnen Sekunden durch ein Rohr auf den Anhänger rauschen, sind die Probleme vergessen: „Für den Ertrag hier sind wir komplett selbst verantwortlich – und bis auf die Witterung niemand anderes“, sagt er.

Thomas Kuhn, 30 Jahre alt, ist Bauer. Und zwar „mit Liebe und Leidenschaft“, sagt er und grinst. „Ist wirklich so“, schiebt er nach. Muss er gar nicht. Wer ihn im klimatisierten Fahrerhäuschen auf dem Mähdrescher begleitet, wenn er Reihe um Reihe seines Getreides erntet, merkt sofort, dass er für seinen Job brennt.

Die rechte Hand am Joystick, die linke am Lenkrad und unter sich 300 PS. So fährt Thomas Kuhn mit 5 km/h ruckelnd hin und her. Vor ihm ein weites Getreidefeld, hinter ihm symmetrisch angeordnete Stoppeln und Stroh – und über ihm blauer Himmel. Schmetterlinge flattern vor dem monströsen Drescher davon, ab und zu nimmt ein Fasan Reißaus. Elf Meter lang ist die Maschine, das Schneidwerk misst sechs Meter in der Breite.

Bis 23 Uhr auf dem Feld

Thomas Kuhn aus Rulle ist staatlich geprüfter Betriebswirt, trägt eine schwarze Baseballkappe, randlose Brille, Drei-Tage-Bart und eine fleckige Jeans. Die Hose von jedem, der ein paar Mal die Stufen zum Führerhäuschen erklimmt und sich dabei an den dunkel verstaubten Griffen festhält, sieht rasch genauso aus. „Bis gestern um 23 Uhr haben wir noch Raps geerntet“, sagt der junge Landwirt. „Das ist immer eine Riesensauerei.“

Jetzt ist die Triticale dran. „Eine Kreuzung aus Roggen und Weizen, die als Futtermittel verwendet wird“, erklärt Kuhn. „Triticale ist prädestiniert für schlechtere Standorte, die für Weizen zu trocken sind“, so Kuhn. Seit 13 Uhr ist er auf dem Feld.

Es piept. „Oh nein, jetzt ist der Tank voll“, stöhnt der Landwirt mitten im Getreide. Die zwei Anhänger, in die er über ein langes Rohr abtanken kann, stehen am anderen Ende des Feldes. Es wird eng. Mit jedem Meter verschwinden Hunderte Ähren im Schlund des Mähdreschers, werden durch einen Trichter geleitet, gedroschen, und nur das volle Korn fällt in den Tank – durch ein kleines Fenster hinter dem Fahrersitz freudig beäugt von Thomas Kuhn. Normalerweise würde sein Vater mit dem Anhänger neben ihm herfahren, und er könnte direkt abtanken. Doch Kuhn senior ist mit einem Teil der Ernte gerade auf dem Weg nach Ankum, wo das Korn zu Futtermittel verarbeitet wird. Wenn gar nichts mehr in den Tank passt, müsste Thomas Kuhn auf der bereits abgeernteten Ackerfläche zurückfahren. Doch das würde Zeitverlust bedeuten. Und das kann und will sich Kuhn gar nicht leisten. Sieben Hektar groß ist das Triticale-Feld, das er heute erntet – und das ist erst der Anfang. Insgesamt 25 Hektar Triticale baut seine Familie selbst an, außerdem drischt er für zwei benachbarte Betriebe. Gerade als das Piepen infernalische Züge annimmt, erreicht er die Anhänger. „Alles gut“, sagt Thomas Kuhn zufrieden.

Er und seine Frau bewirtschaften den Hof in Rulle-Ost gemeinsam mit seinen Eltern nun in der dritten Generation. 200 Hektar Land bestellen die Kuhns. Wintergerste und Raps sind bereits eingebracht, auf den Feldern steht noch der Mais.

Einbußen bis 40 Prozent

Der Mähdrescher gehört Thomas Kuhn. „Damit habe ich mich selbstständig gemacht“, sagt er. Denn finanziell werde es immer schwieriger, als Landwirt über die Runden zu kommen. „Die Getreidepreise sind dieses Jahr sogar okay, aber alles andere ist explodiert: die Kosten für Saatgut, Pflanzenschutz, Düngemittel, Energie, Maschinen...“, zählt er auf. Hinzu kommt das miese Wetter. „Dieses Jahr haben wir Einbußen von bis zu 40 Prozent“, sagt Kuhn. Mai und Juni waren viel zu trocken, der Juli zu nass. Ohne die Bullen- und Schweinemast, die die Kuhns neben dem Getreideanbau betreiben, könnte der Hof nicht existieren.

Während er spricht, ist Thomas Kuhn hoch konzentriert. So ein Mähdrescher ist gar nicht so leicht zu lenken, das merkt jeder, der sich mal hinters Lenkrad setzt. Mit dem Joystick fährt Kuhn die Maschine vorwärts und rückwärts, mit einem Knopf reguliert er die Höhe des Schneidwerks und der Haspel, die rotierend das Korn aufrichtet. Permanent ist er am Nachjustieren. „Ich will auf keinen Fall, dass Bruchkorn entsteht“, sagt er.

Um 17 Uhr ist es geschafft: Da, wo vor ein paar Stunden noch Ähren wogten, liegt jetzt duftendes Stroh. Thomas Kuhn springt vom Mähdrescher, baut das Schneidwerk ab – und macht sich auf den Weg zum nächsten Feld.


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