18.10.2012, 20:50 Uhr zuletzt aktualisiert vor

Worte, die durch den Körper gehen Schauspielerin Jana Klinge stammt aus Lechtingen


Wallenhorst. Jana Klinge ist vor zehn Jahren von Lechtingen nach Berlin gegangen, um Schauspielerin zu werden. Sie hat Rückschläge weggesteckt und Erfolge gefeiert – und hat dabei ein Gefühl aus Schulzeiten nie verloren.

Jana Klinge ist eine Frau, mit der es keine Zweisamkeit gibt. Selbst dann nicht, wenn sie allein zum Gespräch kommt. Die 31-Jährige sitzt in dem dunklen Holzstuhl, vor ihr auf dem Tisch steht ein Bier, vergessen wie Staffage. Sie erzählt von ihrem Beruf, der Schauspielerei, mit Fäusten und flachen Händen erzählt sie, einmal mit gespitztem Mund, einmal mit einem breiten Grinsen, mal dröhnend, mal samtig. Und während sie erzählt, treten alle nacheinander an den Tisch: der Maskenbildner, der Männer liebt, die Schulfreunde von früher, die Mutter und der Kollege, mit dem sie zuletzt ein Liebespaar spielte. Jeder hat seine eigene Stimme, seine eigene Gesten, seine eigene Mimik. Aber jeder trägt Klinges Gesicht.

„Ich weiß“, sagt Klinge irgendwann im Laufe des Gesprächs, „es nervt manchmal, wenn ich die Leute nachmache.“ Aber sie weiß gar nichts. Denn was sie sagt, stimmt nicht. In beiden Punkten nicht. Erstens nervt es nicht. Es ist unterhaltend. Außerdem ahmt sie die Leute nicht einfach nach, sondern stilisiert sie zu Figuren, überspitzt und verfremdet sie. Das habe sie schon immer gemacht, sagt Klinge. Ihr Weg war also vorgezeichnet.

Vor zehn Jahren zog Klinge von Lechtingen nach Berlin. Sie studierte Schauspiel an der Hochschule für Film und Fernsehen Potsdam. Ihr Abitur hatte sie am Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasium gemacht, vorher war sie an der Angelaschule gewesen. Sie hat seitdem in Inga-Lindström-Filmen gespielt und Episoden am Vorabend, sie hat eine Biologin in einer Krimiserie verkörpert, hat Sprecherrollen übernommen und ist immer wieder am Theater aufgetreten. Sie hat Hauptrollen ausgefüllt und Nebenrollen. Hat in Schweden gedreht und in Neuseeland, in Berlin und Köln. Aber in die erste Reihe der Schauspieler ist sie bislang nicht vorgestoßen. Und das ist ein Problem.

Denn das Schauspielerleben hinter den Til Schweigers, Moritz Bleibtreus und Corinna Harfouchs ist eines, das abseits des großen Geldes verläuft. Das jedenfalls legt eine Studie der Forschungsgruppe Bema der Universität Münster nahe. Demnach hatten 68 Prozent der 700 befragten Schauspieler einen Jahresverdienst von 30000 Euro brutto angegeben. Auf mehr als 100000 Euro kamen knapp fünf Prozent. Klinge zuckt angesichts dieser Statistik die Schultern, als wolle sie sagen: So ist das Leben. Nur ist es eben ihr Leben. Eines, in dem Fernsehsender Schauspieler für Pilotfilme casten, die dann nie ausgestrahlt werden. Eines, in dem manch ein Produzent billig Reality-Formate in hoher Stückzahl produziert, in denen nicht Schauspieler, sondern Laien die Rollen besetzen. Eines, in dem sich Schauspielerinnen jünger machen, um die begehrte Rolle zu bekommen. Eines, in dem sich manchmal jeder der Nächste ist. Klinge kommentiert die Missstände nur spärlich, zitiert schließlich einen Kollegen, der einmal zu ihr sagte: „Wo nichts ist, da lebt auch keiner.“

Dieses Leben ist Klinges „Trotzdem“, ihr Antrieb weiterzumachen. Schon während der Schulzeit, in der Theater-AG der Angelaschule, hat sie es zum ersten Mal gefühlt. „Ich war oft müde, aber beim Schauspiel, da bin ich da. Das ist ein warmes Gefühl, ein Schauer“, sagt sie. Dann lacht sie kurz, weil sie gemerkt hat, dass sie gerade etwas sehr Pathetisches gesagt hat, und kann doch nicht aufhören, davon zu reden, wie es ist, das Schauspielern. Von dem Gefühl, in andere Menschen zu schlüpfen, jemand anders zu sein für einen Moment, mit dieser Figur zu denken, zu fühlen, ja sogar zu atmen. Ja, sagt Klinge, sie wisse, dass sich das kitschig anhöre. Aber genau so sei das. Und nachvollziehen könne das wohl nur jemand, der einmal gespürt habe, wie sich ein Shakespeare-Text im Mund anfühlt, wie solche Worte durch den Körper gehen. „Ich liebe das“, sagt sie.

Diese Worte sind die letzten, die Klinge über ihren Antrieb verliert, und es sind die ersten, in denen all die anderen Stimmen und Gesten schweigen.


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